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Erschreckender Report zeigt, wie pro-russische Separatisten 4000 Menschen folterten

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UKRAINE WAR
Oleksandr Hryschtschenko war vier Monate in einem illegalen Foltergefängnis in Lugansk gefangen. | Mikhail Sokolov via Getty Images
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Oleksandr Hryschtschenko wollte sich lediglich um die Zierfische in seinem Büro kümmern, doch was dann mit ihm geschah, hat sein Leben auf furchtbare Weise verändert.

Im Juni 2014 war der Tierarzt auf dem Weg zur Arbeit in Luhansk, damals war die Stadt im Osten der Ukraine von Separatisten besetzt. Die Straßen waren menschenleer - es herrschte eine unheimliche Stille. Die Ruhe vor dem Sturm.

Bevor er das Haus betreten konnte, in dem sein Büro lag, wurde er auf offener Straße von Bewaffneten festgenommen und in einen Kerker geworfen - zu diesem Zeitpunkt war dem 55-Jährigen noch nicht bewusst, wie schlimm die nächsten vier Monate werden würden. Das Kommando in dem Kerker hatte Alexander Alexandrowitsch - besser bekannt als "Batman".

Er wurde von "Batman" gefoltert

Gemeinsam mit seinen Kollegen bereitete er sich täglich auf die Folterung vor.

Hryschtschenko erzählt über die Vorgänge: "Einer nannte sich 'Maniak', 'Irrer'. Er trat mir mit voller Wucht auf den Brustkorb. Ich fiel zu Boden. Ein anderer mit Decknamen 'Janek' versetzte mir Stromstöße mit Elektroschockern.“

Die Geschichte seiner Folterung hat Oleksandr Hryschtschenko dem Deutschlandfunk erzählt. Der Radiosender berichtet erstmals groß über massenhafte Folterung von ukrainischen Bürgern in den von den Separatisten besetzten Ostgebieten des Landes.

Und die Ausmaße der Folter, über die der Deutschlandfunk berichtet, sind erschreckend.

4000 Menschen in Geiselhaft

Oleksandra Matwitschuk von der Nichtregierungsorganisation "Zentrum für Bürgerliche Freiheit" sagt gegenüber dem Deutschlandfunk: "Wir haben 165 Personen befragt, die durch eine ähnliche Hölle gegangen sind. Wir können nachweisen, dass im vergangenen Sommer 4000 Menschen in Geiselhaft gewesen sind. Die realistischen Zahlen sind vermutlich noch höher, denn die Geiselnahmen finden ja immer weiter statt."

Wie viele dieser Menschen gefoltert wurden, ist bisher noch nicht klar. Aber klar ist: Die Rebellen in den östlichen Provinzen der Ukraine operieren unter Wladimir Putins Gnaden. Sie werden aus Russland mit Waffen, Geld und Know-How unterstützt. Wenn Separatisten massenhaft Menschen foltern, muss sich auch der russische Präsident die Frage gefallen lassen, warum er dem Treiben tatenlos zusieht.

Die Details aus den Foltergefängnissen sind grausig.

Nach seiner Ankunft in dem einstigen Gebäude der Universität Luhansk wurde Hryschtschenko drei Tage lang gefoltert.

Aufgrund fadenscheiniger Gründe gefoltert

Auf den nackten und blutenden Tierarzt wurde brutal eingeschlagen. Einer der Männer sprang ihn mit voller Wucht auf den Oberkörper und schlug mit einem Gummihammer auf ihn ein, der andere hat ihn mit Fußtritten die Rippen gebrochen, berichtet Hryschtschenko.

"Batman" und seine Separatisten vermuteten, dass er ein Spion sei, weil er auf seinem Weg durch die Stadt Fotos gemacht hatte.

Innerhalb seiner viermonatigen Gefangenschaft hat er mindestens hunderte Mitgefangene gezählt, die alle aus fadenscheinigen Gründen in dem illegalen Gefängnis festgehalten wurden. Einer trank zu viel Bier auf offener Straße, der andere war fünf Minuten nach Beginn der Sperrstunde noch in der Stadt unterwegs und ein weiterer hatte ein schwarz-weiß statt ein Farb-Foto in seinem Pass.

Befreit und trotzdem gefangen

Doch die Gefangenen mussten nicht nur mit zahllosen Stunden der Folter zurechtkommen, sondern wurden zu Zwangsarbeit verdonnert. "Viele wurden unter fadenscheinigen Vorwänden festgenommen, um Sandsäcke zu füllen, Barrikaden zu errichten, LKWs zu be- oder entladen, Militärtechnik zu reparieren. Sie brauchten kostenlose Arbeitskräfte“, erzählt Hryschtschenko dem Deutschlandfunk weiter.

Nach monatelanger Folterung gelang es einem der Inhaftierten ein Handy zu klauen. Für ihn war es der erste Kontakt zur Außenwelt seit langem.

Am 13. November 2014 gelang es schließlich der Polizei den Aufenthaltsort von Hryschtschenko und den anderen Gefangenen auszumachen. Eine Freilassung war aber immer noch nicht in Sicht. Der Ministerpräsident der Separatisten-Republik Igor Plotnitsky wollte zwar "Batman" den Prozess machen - der hat aber bis heute noch nicht stattgefunden.

79 illegale Foltergefängnisse in Luhansk und Donezk

Die Gefangen wurden weiterhin festgehalten. Erst am 29. Dezember 2014 wurde Hryschtschenko ohne Geld, Telefon, Hausschlüssel, Pass und mit Sommerkleidung im tiefsten Winter freigelassen. Wie ein Obdachloser habe er sich gefühlt - dreckig, mit langen und ungepflegten Haaren.

Was in dem einstigen Universitätsgebäude passierte, scheint in den Separatisten-Republiken an der Tagesordnung. Menschenrechtsorganisationen haben 79 Foltergefängnisse in den sogenannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk ausgemacht.

Ohne Geld und Perspektive

Die schrecklichen Zwischenfälle in den Gefängnissen werden seit Monaten von 17 ukrainischen Menschenrechtsorganisationen dokumentiert - die Ergebnisse wurden jetzt dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag übergeben. Zwar sind auch auf ukrainischer Seite Folterungen nachgewiesen - doch diese werden von der ukrainischen Justiz auch verfolgt. Die Folterknechte der Separatisten kamen dagegen bisher ungeschoren weg.

Oleksandr Hryschtschenko ist inzwischen nach Kiew geflohen. Dort teilt er sich eine Wohnung mit 30 weiteren Personen. Er hat keinen Job und bekommt derzeit keine psychologische Hilfe.

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