Huffpost Germany

"Ihr braucht keinen Mann für eine Revolution!" – Dieser muslimische Porno-Star bricht ein Tabu

Veröffentlicht: Aktualisiert:
NADIA ALI
Nadia Ali, pakistanisch-amerikanische Pornodarstellerin und Aktivistin. | Kelly Madison Media
Drucken

Eine noble arabische Villa. Die Frau steht in der Küche, trägt ein Kopftuch und beginnt das Abendessen für ihren Ehemann zuzubereiten. Es gibt orientalische Spezialitäten: Lammfleisch, Bulgur, mariniertes Gemüse. Auch der Mann hat den Kopf bedeckt; er trägt einen Turban.

Ihr Umgang ist liebevoll, dennoch scheint die Frau sehr unterwürfig – aber als der Mann das Abendessen genießt, schnappt sie sich heimlich seine Autoschlüssel, steigt in ein Paar High Heels, schleicht sich aus der Tür und zischt ab.

Als sie zurückkommt, packt sie der erzürnte Ehemann am Hals und zieht sie ins Haus. Sie fleht ihn an: "Nicht die Steine!". Der Mann entscheidet sich, sie stattdessen mit dem Stock zu verprügeln.

Quelle: Youtube
(Szene aus dem Film "Women of the Middle East". Quelle: Youtube)

Die Frau schreit: "Es tut mir leid! Ich habe etwas für dich ", aber er lässt sich zuerst nicht erweichen.

Der Schmerz, den er ihr zufügt, macht ihn langsam geil. Er lüftet ihren Schleier – und schon ist der Zuschauer mitten im nächsten Akt: einer Pornoszene.

Vielleicht Teil der Pornosammlung Bin Ladens

Willkommen bei „Frauen des Nahen Ostens“ (Original: „Women of the Middle East“), einem umstrittenen Erotikfilm, der mit dem Slogan wirbt: "Sie sehen unterdrückt aus – aber sobald sie eine Möglichkeit bekommen, sich frei auszudrücken, kommt ihre wilde, unzähmbare und natürliche Sexualität ans Tageslicht. Dieser Film wäre Teil der Pornosamlung Bin Ladens gewesen, aber erleben Sie es selbst. "

Die verschleierte Frau, die die Autoschlüssel klaut und später in der Sexszenen wieder zu sehen ist, wird von Nadia Ali gespielt. Ali ist eine 24-jährige Pornodarstellerin und Tochter einer pakistanischen Familie in Amerika.

Seit gut einem Jahr ist sie in der Branche, momentan arbeitet sie aber mehr als Aktivisten für Frauenrechte als in der Pornoindustrie. Die praktizierende Muslima bricht mit ihren Sexszenen ein Tabu: Sie sprengt religiöse Grenzen im Namen der Pornografie.

Arabische Porno-Stars zählen zu erfolgreichsten weltweit

Damit ist sie nicht er einzige muslimische Pornostar in den USA: Auch Mia Khalifa, die meistgesuchte Pornodarstellerin auf der Plattform Pornhub und gebürtige Libanesin, trägt zum Teil ein Kopftuch in Clips und wurde dadurch erst berühmt. Khalifa, die wegen ihren Clips regelmäßig Morddrohungen bekommt, ist allerdings keine Muslima, sondern Christin.

Der "Hidschab-Porno“, also der Sex mit einer verschleierten Frau vor laufender Kamera, wird laut Pornhub vor allem in den arabischen Staaten gesucht: Pakistan, Irak, Ägypten – in diesen Ländern ist das Suchvolumen besonders hoch.

Passend zum Thema: Dieser Pornostar erregt die arabische Welt

Ali trägt ihr Kopftuch, den Hidschab, in verschiedenen Hardcore-Sexszenen. Das Koptuch, das von vielen muslimischen Frauen getragen wird, um sich vor Männern außerhalb in der Öffentlichkeit zu bedecken, ist tief in der islamischen Kultur und Religion verwurzelt.

Von Kritikern wird es allerdings als Mittel zur Unterdrückung der Frau gesehen: Die verschleierte Frau sei eine stille Frau.

Bananen und Gurken anfassen verboten

Für Ali ist das Kopftuch im Porno das Gegenteil: ein Zeichen der Ermächtigung. "Ich mache Pornos als pakistanische Frau, um deren Freiheitsrechte zu stärken“, sagte Ali gegenüber „The Daily Beast“.

Quelle: Facebook
(Nadia Ali, Pornodarstellerin und Aktivistin. Quelle: Facebook)

Ihr Bruch mit einem uralten Tabu – verschleierte Frauen beim Sex zu zeigen – sieht sie nicht als Ausdruck gegen das Kopftuch. Aber in einer Kultur, in der geistliche Gelehrte Frauen verbieten können, Bananen und Gurken wegen ihrer phallischen Form anzufassen, hofft sie, eine Veränderung anzustoßen.

"Eine Schande für Pakistan"

In Pakistan wird diese Hoffnung im Keim erstickt: "Man hat mir gesagt, ich sei keine Muslima, ich sei eine Schande für Pakistan", sagt sie im Interview mit "The Daily Beast“. Ali lässt sich ihre Religion allerdings nicht absprechen: "Ich haben einen orientalischen Hintergrund und ich bin Muslima – nicht in der Art, wie meine Eltern, aber ich praktiziere.“

Im Gegensatz zum Rest ihrer Familie betet Ali nur zwei Mal täglich, statt den üblichen fünf Gebeten. Kurzzeitige Konflikte nimmt sie gerne in Kauf, da sich langfristig als Aktivistin für die Rechte der Frauen in Pakistan einsetzen möchte – gegebenenfalls durch Pornos, aber nicht nur.

Nadia Ali setzt sich generell für Frauenrechte ein. Besonders die Aufklärung junger muslimischer Frauen über ihre Sexualität und die sexuelle Ungerechtigkeit in den arabischen Ländern liegt ihr am Herzen.

Quelle: Kelly Madison Media
(Szene aus dem Film "Women of the Middle East". Quelle: Youtube)

"Es gibt eine Menge Männer, die die Braut bekommen, die sie wollen, aber sie mit einer Nutte betrügen, weil sie Feiglinge sind", sagte sie gegenüber "Vice".

Pornos mit Frauen für Rechte von Lesben und Schwulen

Ihre Familie nimmt ihre Entscheidung ebenfalls hin, wenn auch die Pornofilme mit mäßiger Begeisterung. Zwischen praktizierender Muslima, Aktivistin und ihrem Job als Pornodarstellerin sieht sie keinen Widerspruch: "Mein Glaube hat nichts mit meiner Sexualität zu tun. Es ist ein Konflikt in der Öffentlichkeit, nicht in mir."

Überhaupt sieht sie sich in ihren Filmen nicht als Figur des Islams, sondern Pakistans. Bevor sie einen Film dreht, bittet sie die Produzenten, das Wort "Muslima“ nicht in den Titel zu nehmen.

Ein nächstes Ziel hat sich die 24-Jährige auch schon gesetzt: Da Homosexualität in Pakistan laut Gesetzt illegal ist, will sie in Zukunft vielleicht mal wieder einen Pornofilm drehen: mit Frauen. Um ein Zeichen für Lesben und Schwule zu setzen. „Ich will pakistanischen Frauen zeigen, wie man Sex hat und masturbiert", sagt sie in "The Daily Beast" und betont: "Ihr braucht keinen Mann für eine Revolution“.

Pakistan: Gerichtshof sperrt Pornoseiten

Pakistan zählt zu den Ländern, in denen gegen Pornografie am konsequentesten vorgegangen wird. Der Oberste Gerichtshof in Pakistan ordnete vor kurzem an, 429.343 Websites zu sperren, von denen Gefahr ausgeht „die Jugend Pakistan zu verderben“, berichtet das österreichische Magazin „Profil“. Nadia Ali wurde die einreise nach Pakistan verboten.

Bei der Masse pornografischer Inhalte im Netz sollte es den Behörden allerdings schwer fallen, alle Pornoseiten auf den Index zu setzen – zumal ein Großteil der Inhalte nicht im „sichtbaren“ Web liegt, sondern im sogenannten „Deepweb“ und „Darknet“, das über herkömmliche Browser und Suchmaschinen nicht erreichbar ist.

Auch auf HuffPost:

Diese Pornoseite zeigt: So ticken Frauen beim Sex wirklich

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.