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Liebe Eltern, hört auf, den Lehrern an allem die Schuld zu geben

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PUPILS
Zu viele Eltern geben Lehrern die Schuld an schlechten Leistungen ihrer Kinder | Sally Anscombe via Getty Images
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THE BLOG

Liebe Eltern,

Ich verstehe euch. Ihr wollt das Beste für eure Kinder und dazu gehören natürlich auch gute Schulnoten. Schließlich hägt ihre Zukunft davon ab.

Aber bitte hört auf, den Lehrern die Schuld zu geben, wenn euer perfekt zurecht gelegter Plan nicht aufgeht.

Egal wie oft ihr beteuert, dass euer Kind sich doch angestrengt habe - es ist trotzdem nicht die Schuld eines Lehrers, wenn es schlechte Leistungen abliefert.

Viele von euch sehen das offenbar anders, wie ich nach der Lektüre eines “Spiegel-Online”-Interviews erschrocken feststellen musste.

Darin erklärt Hans-Peter Etter, selbst Lehrer und Leiter der Rechtsabteilung des Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverbands, warum Eltern heute immer häufiger gegen die Lehrer ihrer Kinder vor Gericht ziehen:

“Wir haben es mit Eltern zu tun, die massiv mit allen Mitteln um einzelne Punkte kämpfen”, sagt Etter. “Es geht nicht nur darum, ob das Kind das Abitur überhaupt schafft, sondern auch mit welcher Durchschnittsnote. Es ist dabei erstaunlich, was sich einige Eltern herausnehmen. Es kommt zum Teil zu unglaublichen Exzessen”.

Viele Eltern würden ihre Rechtsschutzversicherung ausnutzen und über lange Zeiträume hinweg klagen.

“Manchmal ist eine vier einfach eine vier”

Das macht mich sprachlos. Denn ein solches Verhalten ist nicht nur völlig absurd - es schadet langfristig vor allem euren Kindern.

“Manchmal ist eine vier einfach eine vier”, schreibt Lehrerin Melissa Bowers in einem Blog für die Huffington Post.

“Das bedeutet nicht, dass Johnnys Lehrerin ein böser Mensch ist. Es bedeutet, dass Johnny dieses Mal einfach eine vier verdient hat, weil sein Aufsatz nicht besonders gut war. Es bedeutet, dass Johnny sich weniger ablenken lassen sollte. Aber Johnny weiß das nicht, denn alles, was er beim Abendessen hört, ist, dass seine Eltern unglaublich wütend sind, weil Johnnys Lehrerin es tatsächlich wagt, ihrem Liebling eine vier zu geben.”

Johnny lernt also, dass er gar nichts für seine schlechte Noten kann, denn schließlich ist seine Lehrerin Schuld daran.

Das bleibt nicht ohne Konsequenzen: “Wenn Eltern so massiv auftreten, stört das die Beziehung zwischen dem Lehrer und dem Kind. Dabei ist diese Beziehung entscheidend, damit Lernen funktioniert und Spaß macht”, betont Etter.

Und damit nicht genug.

Johnny wird nie begreifen, dass er selbst Einfluss darauf nehmen kann, wie seine Noten ausfallen. Er lernt nicht, dass seine Entwicklung ein fortlaufender Prozess ist, dass intellektuelle Fähigkeiten nicht angeboren, sondern harte Arbeit sind.

Liebe Eltern, ihr erzieht mit eurem Verhalten eine überlebensunfähige Generation. Das haben zahlreiche Studien belegt.

Jugendliche sind so hilflos wie nie zuvor

Denn Eltern, die sich ständig in das Leben ihrer Kinder einmischen, erziehen hilflose, verängstigte und gestresste Menschen.

Das lässt sich zum Beispiel gut an der Pisa Studie 2014 erkennen. Daraus ging hervor, dass Jugendliche heute so hilflos sind wie nie zuvor und Schwierigkeiten haben, selbst einfache Alltags-Probleme selbstständig zu lösen.

“Eltern haben aufgehört, ihre Kinder auf das Leben vorzubereiten und angefangen, ihre Kinder vor dem Leben zu beschützen”, sagt Julie Lythcott-Haims, ehemalige Dekanin an der Stanford University, in einem Blog für die Huffington Post.

Auch sie hatte in ihrer Funktion als Dekanin mit Helikopter-Eltern zu tun, die sich konsequent in das Leben und die Leistungen ihrer Kinder einmischten.

Die Folge dieses überfürsorglichen Erziehungsstils sind aus ihrer Sicht Kinder oder junge Erwachsene, die “nur das schmückende Beiwerk von Mama und Papa” zu sein scheinen. “Unterentwickelt. Alleine nicht überlebensfähig.”

Kinder sind übermäßig gestresst

Eltern, die ständig mit Lehrern über die Noten ihrer Kinder verhandeln, senden eindeutige Signale an ihre Kinder:

1. “Du bist nicht gut genug, deshalb muss ich eingreifen”
2. “Ich traue dir nicht zu, das Problem alleine zu lösen”

Diese unausgesprochenen Urteile sind nicht nur verletzend - sie führen auch dazu, dass betroffene Kinder unter enormem Druck und Stress leiden. Das belegt beispielsweise eine Studie der Universität Bielefeld im Auftrag der Bepanthen-Kinderförderung.

Dabei kam heraus, dass jedes sechste Kind und jeder fünfte Jugendliche in Deutschland unter Stress leidet.

Etwa jedes zweite der befragten Kinder gab an, dass es Angst habe, die Eltern zu enttäuschen, während 87 Prozent der Eltern der Studie zu Folge nicht merken, dass ihre Kinder überfordert sind.

Ist das nicht furchtbar traurig?

In der Schule geht es um die Leistungen der Kinder. Zur Schule zu gehen ist IHR Job und was sie in der Schule erreichen, ist IHRE Verantwortung.

Stellt euch einfach mal vor, jemand mischt sich ständig in euren Job ein - wie würdet ihr euch fühlen?

Welches Selbstbild hättet ihr, wenn jemand euren Chef anruft, um ihm zu sagen, dass ihr nichts für eure schlechten Leistungen könnt und er doch bitte nicht so streng mit euch sein soll. Ansonsten käme der Anwalt.

Gebt euren Kinder die Chance, zu lernen

Kinder können nur ein gesundes Selbstbewusstsein entwickeln, wenn sie auch mal scheitern.

Erst dann merken sie, dass es kein Weltuntergang ist, wenn sie hin und wieder eine schlechte Note schreiben. Es ist ein Hinweis darauf, dass sie sich noch nicht genug mit dem Thema der Arbeit befasst haben.

Gebt euren Kindern die Chance, zu scheitern und daraus zu lernen. Sich den Dreck von den Kleidern zu klopfen und es noch einmal zu probieren - so lange, bis es klappt.

Dazu gehört auch, dass sich die Kinder selbst mit Lehrern auseinanderzusetzen. Selbst Maßnahmen ergreifen, um die eigenen Leistungen zu verbessern. Nur so entwickeln Kinder die Denkmuster, die nötig sind, um später erfolgreich zu sein.

Ihr dürft und solltet eure Kindern in schulischen Dingen unterstützen - WENN sie euch darum bitten.

“Junge Menschen brauchen ein hohes Maß an Autonomie - NICHT Kontrolle - während sie zu Erwachsenen heranwachsen. Aber ein Mangel an Kontrolle heißt NICHT ein Mangel an Beteiligung”, schreibt Larry Nelson von der Bringham Young University in einer E-Mail an die Huffington Post.

Nelson führte 2012 Studien über Helikopter-Eltern durch. Das wenig überraschende Ergebnis: Überfürsorgliche Eltern schaden ihren Kindern.

Gebt den Lehrern eine faire Chance, eure Kinder zu unterrichten

Wenn ihr eure Kinder nicht psychisch verkorksen wollt, gebt den Lehrern eine faire Chance, ihre Arbeit zu machen.

Damit Lehrer gut unterrichten können, ist es nötig, dass eure Kinder sie respektieren.

Aber wie soll ein Kind seinen Lehrer respektieren, wenn seine Eltern es nicht tun?


Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung


Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößern sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.


Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.


Viele Kinder aus sozial schwachen Familien haben niemanden, der sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert. Ein Blick auf die Hausaufgaben, Konflikte mit Freunden - oder Gesundheitsprobleme: In dem Münchner Projekt Lichtblick Hasenbergl unterstützen Pädagogen junge Menschen bei all diesen Fragen. Hier erfahrt ihr mehr zu der Initiative.


In Ruanda haben 400.000 Kinder keine Chance auf einen Platz in der Schule; besonders Waisen und Mädchen sind benachteiligt. Das Projekt "Schulen für Afrika" von Unicef ermöglicht tausenden Kindern den Zugang zu Bildung. Hier könnt ihr die Initiative unterstützen.


Ein zuverlässiges Transportmittel kann für Menschen in einem Entwicklungsland alles verändern. World Bicycle Relief stattet Menschen in ländlichen Regionen Afrikas mit Fahrrädern aus und schenkt ihnen damit ein großes Stück Lebensqualität. Hier geht es weiter zu diesem faszinierenden Projekt.

Du willst, dass dein Kind ein Genie wird? Dann gib ihm einen dieser Namen!