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Warum Musik immer lauter wird - und das bald ein Ende haben könnte

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Warum wird Musik immer lauter? | Diverse Images/UIG via Getty Images
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Musik wird immer lauter. Ein Trend, der nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Klangqualität von Musik schädlich ist. Soundexperten kämpfen deshalb nun gegen den "Loudness-War" - also den "Lautstärkekrieg" der Plattenfirmen.

Kurz vor Veröffentlichung ihres neuen Albums Anfang Mai schickte die englische Band "Radiohead" die Single "Burn the Witch" voraus - von Kritikern gelobt für ihre dichte Atmosphäre und Experimentierfreudigkeit.

Doch die technische Umsetzung des langsam anschwellenden Songs erntete Kritik: Eine vertane Chance nennt sie der erfahrene Mastering-Ingenieur Ian Shepherd. "Was wir bekommen, ist ein Song, der zurückhaltend und eingeschränkt ist."

Von Anfang an, so Profi Shepherd, sei der Song sehr laut produziert - dabei könnte der ansteigende Effekt viel eindrucksvoller rüberkommen, wenn auch die Lautstärke langsam zunehmen würde.

Seit Jahrzehnten wird Musik immer lauter

"Burn the Witch" ist ein Beispiel unter zahllosen für einen Trend in der populären Musik: Seit Jahrzehnten wird sie immer lauter, unabhängig vom Lautstärkeregler der Hörer.

Das ruiniert den Musikgenuss, sagen Audio-Liebhaber und Musiktechniker. Sie kämpfen dagegen - und sehen nach vielen Jahren einen Hoffnungsschimmer.

Warum das Ganze? "Die Grundidee ist: Je lauter die Musik wahrgenommen wird, desto besser verkauft sie sich", sagt Michael Oehler, Professor für musikalische Akustik an der Hochschule Düsseldorf - Studien zufolge aber ein Trugschluss.

"Oft wird mehr Dynamik als angenehmer empfunden"

Zumindest am Anfang klingen die lauten Songs auch für viele Hörer hell und kraftvoll. Ein Album aus den 70er-Jahren erscheint im Vergleich oft schwachbrüstig und weniger durchsetzungsfähig.

Und ja, in Maßen helfe das Vorgehen, räumen auch die Kritiker ein. Aber im Übermaß vernichte es das Zusammenspiel von lauten und leisen Stellen, die dynamische Spanne - wenn nicht sogar ungewollt Rauschen oder Knacken entsteht.

Am Ende leide der Spaß an der Musik, die sogar das Ohr ermüden soll. "Oft wird mehr Dynamik als angenehmer empfunden", bestätigt Oehler.

Früh bemerkten Plattenfirmen, dass sich laute Songs in Jukebox und Radio besser durchsetzen. Doch die analoge Technik setzte schnell Grenzen. Erst das digitale Zeitalter bot neue Möglichkeiten im Mastering, dem letzten Schritt der Musikproduktion. Seitdem wird die Musik immer lauter - das belegen Studien.

Tausende beschwerten sich über die Klangqualität von "Metallica"-Album "Death Magnetic"

"Fast alles ist bis an die Grenze gedrückt", beschreibt Mastering-Ingenieur Shepherd. Der Engländer ist seit Jahren aktiv im Kampf gegen den Loudness War - und weigert sich, selbst mitzumachen. "Das betrifft alle Genres", sagt er.

Das Vorgehen: die Kompression. Das Knallen der Snare-Drum wird leiser, das sanfte Gitarrenzupfen lauter. Damit kann die gesamte, nun gleichförmige Aufnahme näher hin zum Maximalwert gedrückt werden. Ohne Kompression würden die lauten Stellen verzerren, die leisen weiter untergehen.

Doch übertreibt man es, können Aufnahmen trotzdem verzerren. Paradebeispiel: Das "Metallica"-Album "Death Magnetic" (2008). Tausende beschwerten sich in einer Petition über die Klangqualität und forderten eine Neuauflage.

"Ich hoffe, dass der Gipfel erreicht ist"

Die Fans konnten sogar den direkten Vergleich ziehen: Im Videospiel "Guitar Hero" erschienen dieselben Songs mit zurückhaltender Produktion und klangen deshalb für viele besser.

Auch in der Kritik: Klassiker wie "Californication" (1999) von den Red Hot Chili Peppers und "(What's the Story) Morning Glory" (1996) von Oasis.

Doch was damals die Ausnahme war, sei heute die Regel, sagt Shepherd. "Heutzutage ist es fast einfacher, ein Beispiel zu finden, das nicht superlaut ist."

Zwei immerhin fallen ihm ein: Die neuen Alben der Superstars Beyoncé ("Lemonade") und Drake ("Views") seien recht zurückhaltend - wenn auch auf lautem Niveau. "Ich hoffe zumindest, dass der Gipfel erreicht ist."

Der Hörer soll nicht ständig am Regler drehen müssen

Am 20. Mai will Shepherd mit seinem "Dynamic Range Day" (Tag der dynamischen Spanne) wieder für feinfühliges Mastering werben.

Shepherd will niemandem vorschreiben, wie er zu arbeiten hat - denn Lautheit könne auch Stilmittel oder Standard eines Genres sein. Aber viele Kollegen fühlten sich gedrängt, alles auf Anschlag zu drehen.

Und die Audiophilen hegen Hoffnung: Streaming-Dienste wie Spotify und die Videoplattform Youtube können ihre Wiedergabe auf eine gleiche durchschnittliche Lautstärke bringen, wie Shepherd beschreibt.

So muss der Hörer nicht ständig am Regler drehen - und die laut produzierten Songs seien auf einmal nicht mehr lauter als der Rest, stattdessen glänzten dynamische Aufnahmen. Die Motivation des Loudness War wäre dahin.

"Wenn man es einmal gehört hat, fällt es einem ständig auf"

Eine Petition fordert daher Streaming-Dienste auf, das Prinzip als Standard einzurichten - rund 4500 Menschen haben bisher unterschrieben. "Keines dieser Systeme ist perfekt, aber ich hoffe auf jeden Fall, dass sie etwas verändern", sagt Shepherd.

Auch Audio-Professor Oehler zeigt sich zurückhaltend. "Das wird mit Sicherheit etwas ausmachen, man muss es aber noch länger beobachten.

Solange die Musik nicht als komplett unangenehm empfunden wird, wird sich der Durchschnittshörer nicht beschweren." Genau deswegen will Profi Shepherd die Aufmerksamkeit für die brachiale Produktion: "Wenn man es einmal gehört hat, fällt es einem ständig auf."

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