Huffpost Germany

Identitäre Bewegung: Das lächelnde Gesicht der Neuen Rechten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SELLNER
Martin Sellner bei einer Demonstration der Identitären Bewegung Österreich | Facebook
Drucken

Wer Martin Sellner an einem sonnigen Tag in Wien begegnet, könnte meinen, der Mann modele für den H&M-Werbekatalog. An den Seiten trägt er die dunklen Haare kurz rasiert, oben länger. Lässige Sonnenbrille. Breites Lächeln, sportliche Statur.

Sellner ist 27 und Student. Und er ist das Gesicht und der Anführer der Identitären Bewegung in Österreich. Die IB, wie Sellner die Organisation kurz nennt, ist die wohl derzeit erfolgreichste rechte Jugendbewegung Europas. Und manche Experten meinen, dass es auch die gefährlichste ist.

Sellner nennt die Identitären ein “patriotisches Greenpeace”

Das verwundert auf den ersten Blick. Denn Sellner ist eloquent, er grenzt sich in Interviews deutlich von Rechtsextremisten ab und nennt die Identitären ein "patriotisches Greenpeace". Auch die Widerstandskämpfer der Weißen Rose sieht er als Vorbild. Da passt es durchaus, dass die Identitären Protestformen von Umweltschützern und der Linken der 1960er-Jahre übernommen haben.

Die Ziele der Identitären könnten aber von denen ihrer Vorbilder nicht weiter entfernt sein. Sie wollen eine Gesellschaft ohne Einwanderer, vor allem ohne Muslime. Niemand soll mehr nach Europa kommen - die meisten Einwanderer und Flüchtlinge, die schon da sind, sollen wieder gehen.

Sellner sieht die IB als Avantgarde. “In unserer Haltung kommt das Grundgefühl einer ganzen Generation zum Ausdruck, ja einer ganzen Zeit”, glaubt er.

Kritiker sehen das anders: Sie warnen, dass Sellner und seine Gruppe die Harmlosigkeit nur vorspielt. So beobachtet der Verfassungsschutz in Österreich und in einzelnen deutschen Bundesländern die Bewegung. Anti-Rassismus-Aktivisten attestieren den Identitären einen “Faschismus light” und nennen sie “Fascho-Hipster”.

identitäre
(Aktion der Identitären in Wien. Quelle: Facebook)

Doch was stimmt nun wirklich?

Die Frage ist auch für Deutschland wichtig. Denn in Deutschland entstehen derzeit beinahe im Wochentakt neue Identitäre Gruppen, vielfach unter Beteiligung von AfD-Mitgliedern. Vorbild sind die Identitären in Österreich.

Auch an deutschen Universitäten ist die Bewegung aktiv und wirbt um Unterstützung. Außerdem unterhalten die Identitären aus Österreich engen Kontakt zur Neuen Rechten in Deutschland, vor allem zu ihrem Vordenker Götz Kubitschek. Der wiederum pflegt enge Kontakte zu rechten AfD-Spitzenpolitikern.

Einige hundert Identitäre sind wohl derzeit in Deutschland und Österreich aktiv. Und die Gruppe wächst rasant.

FPÖ könnte bald den Präsidenten stellen

Wie sehr die Identitären den Zeitgeist zumindest in Österreich repräsentieren, zeigt ein Blick auf die letzten Umfragen für die Wahl des Bundespräsidenten am 22. Mai. Etwas mehr als die Hälfte der Österreicher wollen für Norbert Hofer stimmen, den Kandidaten der rechtspopulistischen FPÖ.

Wer wissen will, wie die Identitären ticken und was wir von der neuen rechten Jugendbewegung zu erwarten haben, muss mit Sellner sprechen. Beim Skype-Interview ist er in einem großen Loft, der Wohnung seiner Eltern. Die Sonne scheint durch die Fenster des riesigen Raumes.

Sellner scheint die Aufmerksamkeit sichtlich zu gefallen, die die Aktionen der IB in den vergangenen Wochen ausgelöst haben.

sellner
(Martin Sellner bei einer Demonstration. "Der Widerstand muss friedlich sein", sagt er. Quelle: Facebook)

Einige Wochen vor unserem Gespräch haben er und rund 20 Mitstreiter - vor allem Studenten - eine Theateraufführung des Stückes “Die Schutzbefohlenen” der Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek mit Flüchtlingen an der Universität in Wien gestürmt. Sie verspritzten Kunstblut und rollten ein Banner mit der Aufschrift “Heuchler” auf der Bühne aus.

In einer kruden Logik wollte die Gruppe damit an die Opfer des Terroranschlags von Paris erinnern und darauf aufmerksam machen, dass Flüchtlinge die Sicherheit Europas gefährden. In einem nach der Aktion verbreiteten Statement hieß es an die Adresse des Publikums gerichtet:

„Ihr habt Vergewaltiger beklatscht und den Terror nach Europa geholt. Durch eure Ignoranz und Heuchelei mussten Menschen sterben. An euren Händen klebt das Blut von Bataclan und Brüssel.”


(Aufnahme der Aktion der Identitären an der Universität Wien. Eine Irakerin, die in dem Jelinek-Stück mitspielte, sagte anschließend: "Ich habe Angst um meine Kinder gehabt und gedacht: Die werden uns jetzt töten.")

Martin Sellner: "Scharfe Worte für scharfe Zeiten"

Die Aktion an der Wiener Uni erinnerte stark an den ersten großen Auftritt der Identitären im Jahr 2012 in Frankreich, wo die Gruppe auch gegründet wurde.

Damals besetzten rund 60 Mitglieder des französischen Ablegers der Bewegung das Dach einer Moschee in der Stadt Poitiers, um gegen die “Islamisierung Europas” zu demonstrieren. Der Ort war nicht zufällig gewählt: In Poitiers schlugen die Franken im Jahr 732 eine Armee von Arabern zurück.

identitäre
(Identitäre auf dem Dach einer Moschee in Poitiers. Copyright: Getty)

Ein Dach war auch das Ziel der Wiener Identitären bei einer ihrer jüngsten Aktionen. Sellner und seine Gruppe kletterten vor einer Aufführung des Jelinek-Stücks auf das Dach des Wiener Burgtheaters und warfen Flugblätter auf die Straße, um gegen die Inszenierung zu protestieren.

Die Erstürmung des Daches erinnert dabei eher an einen Bond-Film als eine Aktion von Rechten:

Kurz vor der Aktion am Burgtheater hatte die Präsidentin des österreichischen Nationalrats die Aufführung unter ihren “Ehrenschutz” gestellt.

Sellner sagt im Vorspann zu dem Video von der Aktion (hier auf Youtube), das später im Netz auftauchte: “Kurze Zeit darauf wurde eine junge Frau von drei Asylanten am Praterstern brutal vergewaltigt. Wo bleibt der Ehrenschutz für unsere Frauen, ihr Heuchler?”

Das lächelnde Gesicht der Neuen Rechten

“Klar, das sind scharfe Worte, aber wir leben auch in scharfen Zeiten", sagt Sellner zu den Aktionen gegen das Jelinek-Stück.

Solche Aussagen passen nicht recht zu seinem Auftreten. Sellner hört gerne die derzeit angesagteste österreichische Band “Wanda” und kann ausführlich über Philosophie und eine Vorbilder der konservativen Revolution in den 1920er-Jahren reden.

Woher diese Radikalität kommt, erklären ältere Fotos von Sellner: Aufnahmen von ihm aus dem Jahr 2008 zeigen einen verbitterten jungen Mann, der mit Österreichs Neonazi-Größen Demos von Linken behindert und zu Gedenkveranstaltungen von Wehrmachtssoldaten pilgert.

identitäre
(Sellner wirft Flugblätter vom Dach des Burgtheaters in Wien, Quelle: Facebook)

Mit dieser Vergangenheit hat er gebrochen, sagt er. "Wer unsere Texte liest und unsere Aktionen sieht, der merkt, dass wir uns inhaltlich und weltanschaulich von den Rechtsextremen abgrenzen. Wir bekennen uns zur Demokratie."

Sellner marschierte Seite an Seite mit Neonazi-Größen

Von den Rechtsextremen würde die Bewegung als Verräter gesehen. Wir sind "null Prozent Rassismus und 100 Prozent Identität", beteuert er.

Auch wenn die Identitären sich von den Rechtsextremen abgrenzen wollen - mit diesem Satz werfen sie wie diese ohne zu zögern alles in einen Topf: Flüchtlinge hätten mit dem Terror in Paris zu tun. Wer Ausländer ins Land lasse, müsse auch damit rechnen, dass Frauen zu Freiwild werden.

Sieht er sein Engagement von damals als Fehler?

"Dass junge Menschen zu den Nazis gehen, ist ein Versagen der Gesellschaft", sagt Sellner. Als junger Mensch mit patriotischen Gedanken habe man bisher nur zu den extremen Rechten gehen können. Doch das ändere sich jetzt mit der Identitären Bewegung. Der Wiener sieht sich deshalb auch als eine Art "patriotischen Streetworker".

Die Identitären sehen sich nicht als “Nationalisten”, sondern als “Patrioten” und fordern einen “Ethnopluralismus”. Vereinfacht bedeutet das: Andere Kulturen und Religionen sind okay, solange sie in ihren Ländern bleiben. Eine Idee, die sich in Bezug auf den Islam auch bei AfD-Vordenkern wie Alexander Gauland findet.

Es mag paradox klingen, aber alle, die die Identitären als dumpfe Nazis abstempeln, greifen zu kurz. Denn ganz anders als Neonazis wollen die Identitären an die Universitäten, sie wollen die Eliten und die Mitte der Gesellschaft ansprechen. Etwas, was NPD und Co. nicht gelungen ist.

Und Sellner knüpft an weitverbreitete Ressentiments an. Er warnt vor einem "großen Austausch" in Europa. Muslime könnten schon bald in der Mehrheit sein, glaubt er, und damit würde die Identität der europäischen Kulturen zerstört. In seinen Worten sieht Wien bald wie Kairo aus, Berlin bald wie Istanbul. “Viele Multikultis sehen das als Bereicherung”, sagt er. “Wir sehen das als Gefahr.”

Der Austausch würde von den Politikern - vor allem von den Regierungsparteien in Österreich und Deutschland - gefördert. Bei einer Rede vor Pegida-Anhängern in Dresden forderte Sellner deshalb, Merkel für ihre Flüchtlingspolitik vor Gericht zu stellen.

"Multikulti ist eine privilegierte Sicht"

Aber wo in Europa zeigt sich der “große Austausch”, der Sellner und die anderen Identitären umtreibt? Und hat er nicht gemerkt, dass das, was er als “Mulitkulti-Romantik" bezeichnet, heute nicht mal mehr bei den Grünen zu finden ist?

Wer den “großen Austausch” nicht sehe, der habe schlicht eine “privilegierte Sicht”, sagt Sellner. “In den Armenvierteln Europas ist Mulitkulti schon heute unerträglich.”

Diese Entwicklung sehe man in den bürgerlichen Viertel nicht. Da sei es immer noch chic, "zum Perser essen zu gehen".

So viel Sellner im Gespräch theoretisiert - konkrete Vorschläge für eine bessere Politik erschöpfen sich im Slogan “Grenzen dicht machen”. Ob Einwanderer, die sich integrieren wollen, in einem Land bleiben dürfen, wisse er auch noch nicht, sagt Sellner.

Einige von Einwanderern dominierte Viertel in den Städten seien grundsätzlich in Ordnung, sagt er - solange sie nicht wachsen würden.

Wie gefährlich sind die Identitären wirklich?

Sellners Kontakte nach Deutschland sind eng. Er verbringt regelmäßig Zeit auf dem Rittergut von Götz Kubitschek im ostdeutschen Schnellroda. Das Gut ist in den vergangenen Jahren zu einer intellektuellen Kaderschmiede für die Neue Rechten geworden.

Kubitschek ist eng mit den AfD-Rechtsaußen Björn Höcke und André Poggenburg befreundet. In Schnellroda wird auch die Zeitschrift Sezession herausgegeben, für die Sellner schreibt.

identitäre
(Gruppenbild mit Rechten - die Identitären schwenken ihre Fahnen mit dem Lambda-Zeichen. Quelle: Facebook)

Experten wie der Extremismusforscher Armin Pfahl-Traughber sehen in der rechten Clique in Schnellroda und in Zeitschriften wie der “Sezession” ein Umfeld, das zu Gewalttaten anstiftet.

In einer der letzten Ausgaben der “Sezession” wütete ein Autor über einen “vorsätzlichen Staatsstreich der (Bundes)Regierung gegen das eigene Volk”. Die Deutschen würden “irreversibel zur Minderheit im eigenen Land werden, um in der Folgezeit indianergleich allmählich ganz zu verschwinden”.

Schließlich fand sich in dem Artikel die Forderung: "Wer den Deutschen diese Lebensgrundlage entziehen will, muss als Feind benannt und entschlossen bekämpft werden.”

In diesen martialischen Worten sieht Sellner aber keinen Aufruf zur Gewalt. Der Protest müsse "auf zivilem Niveau bleiben”, sagt er. Bei den Aktionen der Identitären dürfe es keine Gewalt geben. Sellner spricht von “symbolischer Konfrontation”. Die Aktionen sollen nicht glatzig und dumpf daherkommen, sondern Spaß und Aufmerksamkeit versprechen.

"Wir sind die Stimme der schweigenden Mehrheit"

Aber bei einer symbolischen Konfrontation bleibt es nicht immer, wie bei einer Demo am Wiener Praterstern.

Und als gewaltfrei werden die Aktionen aber nicht von jedem wahrgenommen. Eine Irakerin, die im Theaterstück von Jelinek mitspielte, beschrieb den Moment, als die Identitären die Bühne stürmten, so: "Ich habe Angst um meine Kinder gehabt und gedacht: Die werden uns jetzt töten." Sie fühlte sich für Momente an den Krieg und die Gefahr in ihrer Heimat erinnert.

Sellner interessieren die Einzelschicksale der Flüchtlinge wenig - er sieht sich selbst und die Identitären als “Stimme der schweigenden Mehrheit”. Mit seinen Aktionen will er die Stimme dorthin bringen, wo sie kaum gehört werde.

Das erinnert entfernt an die Parolen der radikalen Linken im Deutschland der 1970er-Jahre. Auch die Bildungsbürger-Kinder Meinhof und Co. nahmen für sich in Anspruch, für eine schweigende, unterdrückte und bedrohte Mehrheit - nämlich die Arbeiterklasse - zu kämpfen; am Ende auch mit blutigen Mitteln unter dem Deckmantel der RAF.

Wohin es mit den Identitären am Ende geht?

Eine Antwort auf diese Frage gibt der französische Schriftsteller Michel Houellebecq in seinem im vergangenen Jahr erschienen Bestseller “Unterwerfung”. In dem Buch ist ein muslimischer Präsidentschaftskandidat dabei, die Wahlen in Frankreich zu gewinnen - unterstützt von den Konservativen und Sozialdemokraten. Auf der anderen Seite stehen die Identitären und der rechte Front National.

Im Buch versinkt Frankreich nach und nach im Chaos und die Identitären versuchen mit Anschlägen, bei denen es reihenweise Tote gibt, die Wahl zu verzögern. Vergeblich.

Die Geschichte der Identitären - bei Houellebecq endet sie blutig.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.