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Russland glaubt an Verschwörung: Europäische Jury hat uns den ESC-Sieg geklaut

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  • Russland kritisiert das ESC-Ergebnis als politisch motiviert
  • Im Vorfeld hatte es von russischer Seite offenbar Zensurversuche gegeben
  • Eine Zusammenfassung seht ihr im Video oben

Hinter den Kulissen des diesjährigen Eurovision Song Contest war womöglich noch mehr los als auf der Bühne - jedenfalls politisch: Russische Abgeordnete forderten vor dem ESC-Abend von den Veranstaltern, die ukrainische Sängerin Jamala zu disqualifizieren. Ähnlich wie zahlreiche Beobachter lasen sie aus ihrem Lied "1944" eine Kritik an der Annexion der Krim-Halbinsel durch Russland 2014 heraus.

Die Verantwortlichen jedoch wollten sich nicht beugen, schließlich hätten sie sich schon dem Vorwurf ausgesetzt gesehen, russischen Forderungen nach Zensur stattzugeben, berichtet "Spiegel Online". Sie ließen Jamala machen. Die 32-Jährige machte. Und gewann den Sangeswettstreit.

Damit ist die Empörung aus Moskau wieder da. Alles ein abgekartetes, manipuliertes Spiel, tönt es nun aus dem Land, das vorher Einfluss auf einen anderen Wettbewerbsbeitrag nehmen wollte. Zuvorderst wäre da der russische Teilnehmer Sergey Lazarev, der die meisten Anrufe von ESC-Zuschauern erhielt, bei den Wertungen der nationalen Jurys jedoch deutlich schlechter abschnitt und damit auf Platz 3 hinter Australien landete. "Einige Jurys haben uns boykottiert", sagte er. Wurde der Sänger für Russlands militärischen Vorstoß bestraft?

Russischer Politiker spricht vom "Sieg des kalten Krieges"

Auch die Getreuen von Russlands Präsident Wladimir Putin sehen das so. Das Siegerlied, in dem es offiziell um die Vertreibung der Tataren von der Krim durch Stalin geht, sei kein Beitrag für den gesamteuropäischen Kulturdialog, den sich der Wettbewerb auf die Fahnen geschrieben habe, sagte der einflussreiche Außenpolitiker Alexej Puschkow am Sonntag. Der ESC verwandele sich in ein politisches Schlachtfeld.

Ähnlich äußerte sich der Parlamentarier Konstantin Kossatschjow. Der Erfolg von Jamala sei ein "Sieg des Kalten Krieges" des Westens gegen Russland, meinte er der Agentur Tass zufolge in Moskau. Der Politiker Ruslan Balbek von der moskautreuen Führung der Halbinsel Krim sprach von einem "Ergebnis der antirussischen Politik". Der Westen habe das Votum des Publikums ignoriert und einer "ukrainischen Erpressung" nachgegeben.

Präsident Poroschenko: "Das ganze ukrainische Volk hat gesprochen"

Einig sind sich die Ukraine und Russland indes dabei, dass "1944" ein politisches Lied mit Bezügen auf die heutige Situation ist. Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko ließ es auf Twitter nicht an Pathos missen: "Heute hat mit Jamalas Stimme das ganze ukrainische Volk gesprochen. Die Wahrheit hat wie immer gesiegt", schrieb es. Der Kiewer Bürgermeister Vitali Klitschko nannte das Ergebnis einen "Sieg, der für uns alle heute wichtig ist".

Diese sicherlich beabsichtigte Lesart des Songs ist dann doch wieder interessant - weil laut ESC-Statuten politische Inhalte eigentlich keinen Platz haben sollen im Wettbewerb. Die werden nun umso stärker im Nachhall des Konzertabends diskutiert.

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(lk)