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Expertin warnt vor sexueller Gewalt im Netz: "Das Smartphone ist das ultimative Tatmittel"

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Kinder bewegen sich scheinbar viel sicherer in der digitalen Welt als ihre Eltern, die Neuheiten wie Snapchat gerne verschlafen. Aber der Schein trügt.

Das sagt zumindest die Psychologin Julia von Weiler, die mit dem Verein „Innocence in danger“ gegen sexuellen Missbrauch von Kindern kämpft. Sie warnt davor, dass Kinder durch verschiedenste Wege und Personenkreise sexuelle Gewalt erfahren können – und Eltern diese Gefahr schnell unterschätzen.

Das Internet ist nicht für Kinder geschaffen

"Das Internet ist von Erwachsenen für Erwachsene gemacht worden, aber die Zugänge sind egalitär. Inzwischen ist einer von drei Internetnutzern ein Kind, aber die Netzindustrie reagiert darauf nicht“, sagte die Psychologin im Gespräch mit der Huffington Post.

Die Gesellschaft erwarte, dass sich Kinder und Jugendliche darin ohne Probleme bewegen könnten – dabei sei das Internet nicht auf ihre Bedürfnisse ausgelegt.

Erwachsene Täter bekämen so die Möglichkeit, Kinder gezielt zu manipulieren – die ihnen kognitiv hoffnungslos unterlegen seien. "Das heißt, das Machtgefälle ist ohnehin die ganze Zeit riesig und alle Welt tut so, als sei das nicht so und erwartet, dass die Kinder damit zurecht kommen“, resümiert von Weiler.

Die digitale und analoge Welt verzahnen sich

Gefahr für die Kinder droht dabei einerseits von Tätern, die versuchen, über Foren, soziale Netzwerke oder Online-Spiele mit ihnen in Kontakt zu kommen. "Online-Games sind ein super Einfallstor für Täter und Täterinnen. 'Da spielen wir zusammen, dann sind wir uns ja gar nicht fremd.' So kann ich super Kontakt aufnehmen“, erklärt von Weiler die Täterperspektive.

child smartphone scared

Dabei ist der Täter nicht immer der Unbekannte hinter dem Rechner: 90 Prozent aller Missbrauchsfälle finden im sozialen Nahbereich statt. Aber auch in der analogen Welt bieten die digitalen Medien dem Täter Anknüpfungspunkte, Kinder zu manipulieren und zu kontrollieren.

Die Psychologin erinnert sich an den Fall eines Praktikanten, der bei seiner Arbeit im Jugendzentrum ein 12-jähriges Mädchen im Zentrum selbst ignoriert habe, um ihm dann aber per SMS und WhatsApp eindeutige Nachrichten zu schicken und sexy Fotos zu verlangen. "Sie hat sich gewehrt, es aber niemandem erzählt. Sie wusste, dass er sich falsch verhält, aber war auch verliebt. Schließlich wurde ihre Mutter misstrauisch und hat die Nachrichten gelesen“, erzählt sie.

Das Smartphone ist das ultimative Tatmittel

Als verlängerter Arm des Täters fungiere dabei das Smartphone: "Das Smartphone ist das ultimative Tatmittel. Damit bin ich immer bei dir, egal wo du bist und egal was du machst. Ich kann das Smartphone nutzen, um dich unter Druck zu setzen, ich kann das Smartphone nutzen, um dir zu schmeicheln: 'Ich hab so Sehnsucht nach dir, schick mir mal ein sexy Foto.' Ich kann drohen“, führt von Weiler aus.

Das Smartphone erlaube keine Pause mehr für das Opfer. Früher hatten Kinder, die sexuelle Gewalt erlitten, auch mal Zeiten, die sie ohne den Täter verbrachten und in der sie vielleicht sogar Kraft sammeln konnten, um sich jemanden anzuvertrauen.

Sexuelle Gewalt durch Nacktfotos

Aber auch dem Cyber-Mobbing kann sexuelle Gewalt zugrunde liegen. "Ich denke, dass ein erheblicher Prozentsatz des Cybermobbings eigentlich sexualisierte Gewalt ist oder zur Grundlage hat. Wenn ein Sexting-Bild gegen den Willen des Fotografierten verbreitet wird, ist das sexualisierte Gewalt“, erklärt von Weiler.

Beim Sexting schickt man dem Partner Nacktfotos – was eigentlich ganz harmlos ist. Das Spiel kann aber auch böse enden, wenn die Fotos ohne Einverständnis der Beteiligten an die Öffentlichkeit gelangen.

So erging es der jungen Amanda Todd, die sich vor vier Jahren das Leben genommen hat. Das Mädchen aus Kanada schickte als Siebtklässlerin ein oberkörperfreies Foto von sich an einen Mann, den sie online kennengelernt hatte.

Er erpresste sie, veröffentlichte das Foto und schickte es ihren Klassenkameraden. Selbst ein Umzug half nichts: Der Mann fand sie immer wieder und setzte sie unter Druck. Schließlich beging das Mädchen aus Verzweiflung Selbstmord. Vor zwei Jahren machte die Polizei den mutmaßlichen Täter ausfindig: Es handelte sich um einen Sexualstraftäter aus den Niederlanden.

Aber auch beim Cyber-Mobbing ist der Urheber nicht immer ein Unbekannter aus dem Netz: Ein 13-jähriges Mädchen aus Berlin hatte ihrem gleichaltrigen Freund Nacktbilder geschickt, der diese den Mitschülern zeigte, nachdem die Beziehung in die Brüche gegangen war. Der Fall landete letztes Jahr vor Gericht und der Junge wurde zu Schmerzensgeld verurteilt.

Es kommt zu einer Schuldumkehr

"Das Interessante daran ist: Den meisten Druck bekommen die Menschen, deren Foto ungewollt verbreitet wird und das ja eigentlich nicht wollten. Die sind die Vollidioten, heißt es – die jedoch, die das Bild verbreiten, über die wird nicht so viel nachgedacht. Schuld an der Verbreitung ist aber die Person, die verbreitet und niemand sonst. Da gibt es eine Schuldumkehr und einen fröhlich gelebten Sexismus“, sagt von Weiler.

Die Psychologin fordert deshalb: "Ein Drittel aller Sexualstraftäter ist minderjährig, das ist online genauso. Deshalb sollte man sich jeden Mobbing-Fall einzeln angucken und fragen, was ist da die Grundlage und wie bewerte ich das.“

Wie schützt man Kinder vor sexueller Gewalt?

Doch was können Eltern tun, im ihre Kinder vor sexueller Gewalt im Internet zu schützen? Ein Internet-Verbot hält von Weiler nicht für sinnvoll. Sie fordert eine Altersverifikation.

"Technisch ist es möglich, unterschiedliche Zugänge anzubieten, zum Beispiel durch eine Altersverifikation. Aber wenn man das sagt, wird man geteert und gefedert. Es dauert online in bestimmten Chats 30 bis 90 Sekunden bis Kinder sexualisiert angesprochen werden. Was meinen Sie was da in der analogen Welt los wäre? Polizei, Bürgerwehr.... Online passiert das die ganze Zeit und da denkt man nicht drüber nach“, sagt von Weiler.

Sie rät den Eltern, dass sie sich für das, was ihre Kinder online machen, interessieren sollen. Sie sollen Snapchat ausprobieren oder mit den Kindern Fifa spielen – damit sie wissen, womit sich ihre Kinder tagtäglich umgeben. "Wenn es um digitale Medien und das Internet geht, verlieren Eltern oft ihre natürliche Autorität. Sie entscheiden den ganzen Tag über die Kinder – nur da hört das auf“, sagt die Psychologin.

Wichtig sei außerdem, dem Kind klar zu machen, dass es sich bei Problemen jeder Art immer an die Eltern wenden kann. Idealerweise habe ein Kind neben den Eltern noch weitere Ansprechpartner – denen auch die Eltern vertrauen können.

Digitale Kindheit: In welchem Alter sollten Kinder Smartphones haben? Wie wichtig ist es, früh zu lernen, wie Computer funktionieren? Und: Sind Computerspiele nun schädlich - oder gar nützlich? Diese Fragen machen viele Eltern hilflos.

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(lk)