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Smartphone - Fluch oder Segen?

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4 Tipps für alle vom Smartphone genervten Eltern | MoMo Productions via Getty Images
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THE BLOG

Es geht um ein Problemfeld, das sicherlich nicht nur unsere Familie betrifft. Mein Mann und ich sind Eltern einer 8-jährigen und einer 15-jährigen Tochter sowie eines 12-jährigen Sohnes, und wir fragen uns, welchen Platz das Smartphone in unserer Familie einnehmen soll. Können Jugendliche von ihrem Smartphone so abhängig werden, dass man es mit einer Spielsucht vergleichen kann? Und was können Eltern dagegen tun, wenn es so weit ist?

Bei uns in der Familie ist es unsere 15-jährige Tochter, die sich bei jeder Gelegenheit mit ihrem Smartphone beschäftigt. Wenn sie mal eine Pause machen muss, weil wir essen oder gemeinsam etwas unternehmen, wirkt sie unkonzentriert und nervös. Sie hatte es auch auf einer Auslandsreise dabei, und obwohl wir ihr vorher gesagt haben, sie solle nicht ins Internet gehen, kam sie mit einer enorm hohen Rechnung nach Hause.

Ständig ist sie darauf bedacht, dass sie guten Netzempfang hat, und will an keinen Ort mehr mitkommen, wo das nicht der Fall ist. Wir haben das Gefühl, sie regelrecht an ihr Smartphone zu verlieren, und spüren eine wachsende Frustration deswegen. Am liebsten würden wir ihr Smartphone einfach in die Mülltonne werfen.

Außerdem fragen wir uns, ob sie bereits so abhängig ist, dass sie nicht mehr allein von dem Gerät loskommt und Hilfe durch speziell ausgebildete Therapeuten braucht.

Und, wenn ja, wie können wir ihr helfen? Wir selbst finden Smartphones im Alltag durchaus sehr praktisch, was Unterhaltung, Kommunikation und die schnelle Verfügbarkeit von Informationen angeht.

Doch wir Eltern sind - im Gegensatz zu unserer Tochter - problemlos in der Lage, die Geräte einfach mal auszuschalten und für viele Stunden am Tag wegzulegen. Wir würden uns freuen, Ihre Meinung zu diesem Thema zu hören.

Vom Smartphone genervte Eltern

Antwort von Jesper Juul:

Mit diesem Problem sind Sie wahrlich nicht allein. Bis jetzt haben die meisten Eltern in der westlichen Welt entweder aufgegeben, etwas zu unternehmen, wenn ihre Kinder nichts anderes als das Smartphone im Kopf haben, oder sie haben versucht, Regeln und Grenzen zu formulieren, was ebenfalls selten funktioniert und Ursache für viele Konflikte und Streitereien in der Familie ist.

Also haben sie Experten befragt - vor allem Neurobiologen und Psychologen -, die auch wenig Konkretes zu sagen wissen und sich gegenseitig widersprechen.

Man muss sich darüber im Klaren sein, dass Smartphones noch so neu sind, dass Familien bisher kaum Gelegenheit hatten, diesbezüglich eine Kultur des Umgangs zu entwickeln. (Beim Fernsehen dauerte es etwa 40 Jahre.)

Wie immer sind es die Erwachsenen, die durch ihren eigenen Umgang mit Handys das allgemeine Verhalten prägen.

In meiner Ursprungsfamilie waren wir es gewohnt, dass mein Vater zwischen 17.30 und 18.00 Uhr Zeitung las. Nach dem Abendessen saß er dann von 19 Uhr an bis zum Sendeschluss vor dem Fernseher. Im Laufe der Jahre gesellte sich auch meine Mutter dazu. Handys waren am Anfang Werkzeug und Spielzeug für den Mann.

Die Frauen standen diesen Geräten bis Mitte der 90er-Jahre eher skeptisch gegenüber, haben die Männer seitdem aber in jeder Hinsicht - Anzahl der Handys, Häufigkeit des Gebrauchs, womöglich auch Missbrauch - überholt.

Medienerziehung muss man bei den Erwachsenen anfangen

Die große ungeklärte Frage lautet meines Erachtens: Warum herrscht einerseits so ein
riesiger Hunger nach sozialen Kontakten, während andererseits so viele versuchen, einem engen Kontakt mit Partnern und Kindern aus dem Weg zu gehen?

Als ich im Jahr 2003 folgenden Vorschlag für eine Medienkultur in der Familie formulierte, hat mir das wenig Sympathien eingebracht. Denn es bringt einem viel mehr Prestige ein, sich um die Kinder zu kümmern, als die Erwachsenen »erziehen« zu wollen. Aber hier muss man bei den Erwachsenen anfangen.

Ich forderte:

• Schalten Sie Ihr Handy ab, wenn Sie Ihre Kinder zum Kindergarten / zur Schule bringen und wenn Sie sie von dort wieder abholen, egal ob Sie mit dem Auto fahren oder zu Fuß gehen.

• Schalten Sie Handy, Fernseher, iPad und Radio ab, wenn sich die Familie am Esstisch versammelt.

• Führen Sie an Wochenenden und in den Ferien, die Kinder und Erwachsene gemeinsam verbringen, eine tägliche »Medienzeit« ein, in der es okay ist, im Internet zu surfen, zu chatten und E-Mails zu schreiben. Die übrige Zeit des Tages bleibt das Handy aus.

• Nehmen Sie niemals ein eingeschaltetes Handy mit ins Bett - es sei denn, ein Familienmitglied soll ausdrücklich die Möglichkeit haben, Sie jederzeit zu erreichen.

Ich weiß aus Erfahrung, dass dies kein Problem ist, wenn die Kinder es von klein auf gewohnt sind und die Eltern sich selbst daran halten. In der Regel tun sie das, weil sie dieses Verhalten als Gewinn auf allen Ebenen erleben. Wenn ein Kind schon so alt ist wie Ihre Tochter, gestaltet sich die ganze Sache natürlich schwieriger.

Teenager fühlen sich in diesem neuen sozialen Universum wohl

Ohne Ihre Familie oder Ihre Beziehung zu Ihrer 15-jährigen Tochter zu kennen, möchte ich vorschlagen, mit größter Ehrlichkeit und Offenheit vorzugehen. Sagen Sie Ihrer Tochter genau das, was Sie mir geschrieben haben. Laden Sie sie ein, darüber nachzudenken und eine mögliche Alternative zu formulieren.

Tut sie das nicht, müssen Sie den Kampf als verloren betrachten und überlegen, wie Sie sich den jüngeren Geschwistern gegenüber verhalten. Es besteht kein Zweifel, dass sich viele Teenager in diesem neuen sozialen Universum wohlfühlen. Und wenn wir unterwegs sind, sehen wir ja die vielen Handynutzer, die immer online sind, ihre Nachrichten checken oder mit jemandem telefonieren.

Haben Mobiltelefone unser soziales Leben bereichert, oder bieten sie uns nur eine weitere Möglichkeit, die eigentlich bestehende Einsamkeit zu verdrängen?

Ich selbst bin vermutlich zu alt, um diese Frage beantworten zu können, doch vielleicht können uns die heutigen 15-Jährigen helfen, wenn sie 20 oder 25 Jahre alt geworden sind.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch 4 Werte, die Eltern und Jugendliche durch die Pubertät tragen von Jesper Juul.

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