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Das Geschäft mit dem Krankenschein: Warum viele Ärzte aus wirtschaftlicher Not gesunde Patienten krankschreiben

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ARZT
Krankenscheine | dpa
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  • Viele Krankenscheine werden von Ärzten aus Gefälligkeit ausgestellt
  • Der wirtschaftliche Schaden ist immens
  • Ärzte schummeln, weil sie fürchten, ihre Patienten zu verlieren

Knapp zehn Tage feiern deutsche Arbeitnehmer im Jahr durchschnittlich krank. Doch das ist nur eine Zahl. Unklar ist, ob die, die sich krankmelden, tatsächlich fiebernd, mit Schmerzen oder depressiv daheim sitzen. Denn Krankenscheine für Arbeitnehmer sind ein wertvolles Geschäft, aus dem Ärzte mittlerweile eine dubiose Industrie gestrickt haben.

Eine norwegische Studie vermutet: In Ländern wie Deutschland könnten sieben Prozent der Fehltage Gefälligkeiten sein - also etwas weniger als einer der zehn Tage. Damit steht statistisch gesehen fast jeder deutsche Arbeitnehmer unter Schummelverdacht - und mit ihnen die Ärzte, die ihnen die sogenannte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen. Denn es gibt Ärzte, die beim Krankschreiben deutlich großzügiger sind als andere und das begehrte Attest auch dann ausstellen, wenn es eigentlich nicht angezeigt wäre.

Es geht nicht nur um die Gesundheit

Die Motivation dahinter: Auch Ärzte sind wirtschaftlichem Wettbewerb ausgesetzt. Mehr Patienten, das bedeutet mehr Verdienst. Unmissverständlich formuliert ist dementsprechend der Titel der Studie "The Market for Paid Sick Leave" ("Der Markt für bezahlte Krankheitsausfälle"), die aus der Feder von Knut Røed and Simen Markussen des norwegischen Frisch Centre for Economic Research, einem Wirtschaftsforschungsinstitut.

Für ihre Studie haben sie Daten von norwegischen Arbeitnehmern aus den Jahren 2002 bis 2010 ausgewertet und sind zu einem drastischen Ergebnis gekommen. "Ärzte haben nicht allein den Gesundheitszustand ihrer Patienten im Blick, wenn sie über die Dauer der Krankschreibung entscheiden", heißt es in der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung", die die Ergebnisse der Studie ausgewertet hat.

Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass das Honorar, das Ärzte mit Krankschreibungen verdienen, ein wichtiger Einflussfaktor ist: "Patienten gehen lieber zu Ärzten, die sie großzügiger von der Arbeitspflicht befreien – und manche Ärzte passen sich diesem Wunsch aus ökonomischem Kalkül an", heißt es in dem Bericht.

Wer die Konkurrenz fürchtet, schreibt mehr Krankenscheine

Freigiebiger mit Krankenscheinen sind demnach selbstständige Ärzte, die darauf angewiesen sind, möglichst viele Patienten anzuziehen und zu halten. Wem das nicht gelingt, muss seine Praxis schließen. In Deutschland, einem gut versorgten Land, gibt es reichlich Ärzte, die gerne die Patienten übernehmen. Die wirtschaftliche Not führt zu einer regen Krankschreibepraxis. Angestellte Ärzte mit festem Gehalt sind strenger als Kollegen, die auf eigene Rechnung wirtschaften.

Die Großzügigkeit zahlt sich offenbar deutlich aus: Von der Studie erfasste Patienten, die ihren Hausarzt wechselten, gingen mit 14 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit zu Ärzten, die Arbeitnehmern im Schnitt einen Krankheitstag mehr pro Monat aufschreiben als andere. Mehr gelbe Scheine gibt es demnach auch bei Ärzten, die schlecht ausgelastet sind oder in besonders starkem Wettbewerb stehen.

In Deutschland ist die Situation noch gravierender

In Norwegen gebe es aufgrund dieser Praxis geschätzte vier Prozent mehr Krankheitstage. Wobei Norwegen allerdings deutlich dünner besiedelt ist als Deutschland und die Ärzte somit in geringerem Wettbewerb stehen. Außerdem müssen viele Norweger erst nach einer Woche einen Krankenschein vorlegen und nicht wie Deutsche nach drei Tagen.

Krankheitstage verursachen einen Schaden von rund 103 Milliarden Euro für die hiesige Volkswirtschaft, wie die "Handwerks Zeitung" vorrechnet. Bei sieben Prozent Schummel-Tagen, wie von Røed und Markussen vermutet, macht das einen Verlust von immerhin 7,2 Milliarden Euro im Jahr - damit ein paar Ärzte besser bei ihren Patienten dastehen.

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