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Sozialwissenschaftler erklärt: Darum profitieren wir alle vom Grundeinkommen

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GRUNDEINKOMMEN
Demonstration für das Jedermann-Einkommen in Berlin | Getty
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  • Demnächst wird in der Schweiz über das bedingungslose Grundeinkommen abgestimmt
  • Ein Forscher sagt: Das Modell könnte große Folgen für die Wirtschaft haben

Die Schweiz steht vor einem revolutionären Schritt: Am 5. Juni stimmen die Bürger über die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens ab. Dem Projekt werden zwar nur geringe Erfolgsschancen zugeschrieben - doch dürfte sich das Thema Grundeinkommen damit ernst- und dauerhaft in der politischen Diskussion Europas festsetzen. Auch in Deutschland.

Dann wird in aller Ausführlichkeit über Chancen und Risiken des Jedermann-Taschengelds gesprochen. Befürworter müssen sich ernsthaften Bedenken entgegenstellen: das Grundeinkommen als Inflationsmotor, als Belohnung für die Faulen der Republik.

Das Mittel gegen die Einkommensschere?

Doch was wird wirklich mit unserer Wirtschaft geschehen, sollte das Grundeinkommen Gesetz werden? Eine Antwort hat jetzt der österreichische Sozialwissenschaftler Karl Reitter formuliert, der schon seit Jahren zu den Themen Wirtschaft und Gesellschaft forscht. Reitter stammt aus dem marxistischen Lager - geht aber mit weiten Teilen der Linken härter ins Gericht als viele Konservative: "Was haben die linken Kritiker denn da zu bieten?", echauffiert er sich im Interview mit der "Jungle World".

Dort macht er eine Rechnung auf, die die Dimension eines solchen Vorhabens verdeutlicht: Das Einkommen bedeute "eine massive Umverteilung, über den Daumen zwanzig bis dreißig Prozent des Bruttoinlandsprodukts in den europäischen Ländern". Sprich: Reitter sieht das Grundeinkommen als Mittel gegen die berüchtigte Einkommensschere, bei der das Einkommen der Menschen immer weiter auseinander driftet - die Reichen werden reicher, die Armen werden ärmer.

Mit der bekannten Folge: Reiche haben mehr Geld als sie ausgeben können, während Arme ihre Ausgaben kaum finanzieren können. Dort, sagt Reitter, würde das Grundeinkommen ansetzen: "Durch eine solche Umverteilung würde auch die Massenkaufkraft steigen."

"Finanzierbar ist das selbstverständlich"

Mega-Einkommen würden seinem Modell zufolge also nicht mehr gehortet oder an der tatsächlichen Wirtschaft vorbei durch die Börsenplätze geschoben, sondern verteilt und von der breiten Masse der Bürger in Waren und Dienstleistungen investiert. Damit wäre das Grundeinkommen ein gigantischer Wirtschaftsmotor. Davon würden wiederum auch jene profitieren, die im Zuge der Umverteilung - ein Grundeinkommen muss schließlich finanziert werden - etwas abgeben mussten.

Auch der Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Thomas Straubhaar sieht das Modell positiv: "Ein Grund­ein­kom­men wür­de den Ein­zel­nen schüt­zen, aber den Wan­del der Wirt­schaft ins­ge­samt be­schleu­ni­gen", sagt er im aktuellen "Spiegel". Schließlich müsse eine Alternative her zu einem "Aus­beu­tungs­sys­tem, um Ar­beit durch­zu­set­zen, die sonst kei­ner ma­chen will".

Reitter nennt das eine "revolutionäre Politik". Revolutionäre Ideen sind allerdings häufig Luftschlösser. Lassen sie sich denn umsetzen? "Finanzierbar ist das selbstverständlich", sagt der Wissenschaftler. Dafür müsse sich zumindest in Europa jedoch das Steuersystem wandeln: Bürger zahlen demnach zu viel, Unternehmen zu wenig Steuern. Auch hier glaubt Reitter an eine Umverteilung als Mittel der Lösung.

In der Job-Welt steht eine große Änderung an

Auch ansonsten ist der Optimismus des Forschers schier unerschütterlich - etwa auf die Frage hin, ob das Einkommen die Löhne sinken lassen würde. "Wir haben Niedriglohnsektoren, prekäre Arbeitsverhältnisse, Aushöhlung der gewerkschaftlichen Rechte, das alles auch ohne Grundeinkommen. Wenn es eingeführt würde, würde es genau das Gegenteil bewirken", sagt er.

Denn: Das Grundeinkommen könnte den Zwang zum Malochen beseitigen. Über ungeliebte Arbeiten müsste neu verhandelt werden zwischen Arbeitgebern und -nehmern. Es könnte der Weg zu mehr Gerechtigkeit für diejenigen sein, die derzeit in Knochenjobs stecken, glaubt auch Straubhaar: "Der Mensch ist öko­no­misch zu wert­voll, um ihn sol­che Ar­bei­ten ma­chen zu las­sen und ihn dann Jahr­zehn­te krank mit durch­zu­schlep­pen", sagt er. Außerdem würde sich das Machtverhältnis zu ihren Gunsten verschieben, meint Reitter. Sie würden dann öfter sagen: "Für das Geld mach ich das nicht mehr."

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