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Wie eine neue Generation von Gründerinnen die IT-Welt erobert

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GRNDERINNEN
Die Gründerinnen Andrea Pfundmeier, Claudia Helming, Anna Alex und Julia Bösch | Outfittery/Secomba/DaWanda
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  • Immer mehr Frauen gründen erfolgreiche IT- und E-Commerce-Startups
  • Das liegt laut den Gründerinnen vor allem an der wachsenden Zahl an Vorbildern
  • Eigentlich könnte der Trend so zum Selbstläufer werden - doch dem steht noch Einiges im Weg

„Amorelie“, „DaWanda“ und Co.: Immer mehr Frauen wagen den Schritt in die Selbstständigkeit – und das mit Erfolg, besonders in der noch immer stark von Männern besetzten IT- und Internetwelt.

Während die Gründungsquoten in Deutschland zuvor seit 2004 gesunken sind, steigen sie in den letzten zwei Jahren wieder - insbesondere dank Frauen. Um immerhin drei auf nun 13 Prozent ist die Zahl der Startup-Neugründungen von Frauen 2015 gegenüber dem Vorjahr gewachsen.

Das mag wenig klingen, bestätigt aber einen aufkeimenden Trend: Eine neue Generation von Gründerinnen traut sich in die Männerdomäne. Bei dem Länderranking der University of Pennsylvania, das am Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt wurde, setzte sich Deutschland (übrigens auch der Gesamtsieger) 2015 auch dank dessen in der Kategorie „Unternehmertum“ auf Platz 1.

Mit den Klischees aufräumen

Dass der IT-Bereich langsam aus der Männer-Ecke geholt werde, liege vor allem an der wachsenden Zahl von Vorbildern, glaubt Andrea Pfundmeier. Die Augsburgerin ist selbst eines davon: Sie ist 28 Jahre alt und erfolgreiche Co-Gründerin des Technikunternehmens „Secomba“, das seit 2011 mit dem „Boxcryptor“ Daten-Verschlüsselung für Cloud-Dienste wie Dropbox oder Google Drive anbietet. Seit gut einem Jahr macht das Startup Gewinn.

andrea pfundmeier
Andrea Pfundmeier, Co-Gründerin des Technik-Unternehmens "Secomba", will die IT-Branche aus der Nerd-Ecke holen

Wenn Pfundmeier an Schulen über ihre Erfolgsgeschichte spricht, trifft sie auf viele Vorurteile: Der typische „IT-ler“ ist männlich, nicht sonderlich stilbewusst, trägt eine Brille und sitzt lieber im Keller als an die frische Luft zu gehen.

Mit solchen Klischees will die junge Frau aufräumen: „Die Branche ist nicht nur mathematisch und ‚nerdig’, wie die meisten denken, sondern man kann sich auch kreativ ausleben“, sagte sie gegenüber der „Huffington Post“.

"Die Branche ist nicht nur mathematisch und ‚nerdig’, wie die meisten denken."

Blumen, Klamotten, Sexspielzeug - "typisch Frau" eben

Bei den Themen, mit denen sich die Frauen im technischen Bereich beschäftigen, fällt Pfundmeier mit ihrer Computer-Software allerdings eher aus der Reihe. Viele sind im E-Commerce tätig – also im Onlinehandel – und verkaufen, was eben „typisch Frau“ ist.

So gründete Franziska von Hardenberg „Bloomy Days“, einen Versandhandel für Blumen-Abonnements, Lea-Sophie Cramer ist Co-Founderin von „Amorelie“, einem Sexshop speziell für Frauen, und das Zweiergespann Anna Alex und Julia Bösch rief „Outfittery“, einen Personal Shopping Service für Männerkleidung ins Leben – also eine Funktion, bei der in der Sparversion oft mal die Freundin in der Umkleidekabine aushilft.

Heute schlägt das Herz für die IT

Anna Alex bestätigt den Zusammenhang zwischen Geschlecht und Thema – das sei aber nicht unbedingt etwas Schlechtes. Klamotten und Blumen mögen zwar typisch Frau sein – aber wenn sich die Gründerinnern dafür begeistern, zeige sich die Leidenschaft auch im Geschäft.

„Frauen brauchen emotionale Nähe zum Produkt“, glaubt auch Claudia Helming, Gründerin der Selbstgemacht-Plattform „DaWanda“. Technik und Internet würden für viele Frauen auf den ersten Blick unnahbar wirken, aber in den letzten Jahren würden sie sich immer mehr ihre Nischen suchen – und sich durch den richtigen Zugang auch für die Technik begeistern.

"Frauen brauchen emotionale Nähe zum Produkt."

Vor neun Jahren, als sie ihr Unternehmen gründete, seien noch wenige Frauen in der Internetbranche tätig gewesen, seitdem habe sich aber etwas getan. „IT und Produktmanagement ist das, wofür mein Herz schlägt“, sagt etwa Unternehmerin Anna Alex.

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Claudia Helming gilt als Vorbild schlechthin für IT-Gründerinnen

Das Bewusstsein in der Branche wächst

Dass sich im letzten Jahrzehnt in der weiblichen Startup-Szene viel bewegt hat, ist aber auf mehr als Begeisterung zurückzuführen, glaubt Stefanie Renda, Vorstandsmitglied des Bundesverbandes Deutsche Startups. Die Frauen vernetzten sich untereinander besser zwischen den großen Gründerzentren Berlin, Hamburg, München, Ruhrgebiet und Stuttgart. Es gibt sogar einen Gründerinnen-Stammtisch.

„Auch das Bewusstsein bei den Investoren für den positiven Einfluss von weiblichen CEOs auf die Unternehmenskultur wächst“, glaubt Renda. So würde die Branche von oben herab offener werden.

Was sich noch ändern muss

Ein Selbstläufer ist der Prozess aber trotzdem nicht - dafür, dass die Männer immer noch die Gründerszene dominieren, gibt es Gründe.

Woran es manchen Frauen nämlich noch fehlt, ist laut Anna Alex Selbstbewusstsein. Das helfe, um sich in der „männlichen Welt“ von beispielsweise Finanzierungsrunden durchzusetzen. Für sie ist ein Erfolgsfaktor eines Startups, sich nicht zu viele Sorgen zu machen: „An sich zweifeln und sich unnötig stressen ist typisch weiblich – aber auch Einstellungssache.“

outfittery
Anna Alex (links) und Julia Bösch, Gründerinnen von "Outfittery"

"Scheitern ist nicht schlimm"

Da laut der Expertin Stefanie Renda Frauen größere Angst vor dem Versagen haben, sei es umso wichtiger, sich klar zu machen: Scheitern ist nicht schlimm. Zumindest, wenn man den besten Zeitpunkt für eine Unternehmensgründung abpasst. Für Andrea Pfundmeier ist das kurz nach dem Studium. Die Gleichung der Augsburgerin: Wenig Verpflichtungen + geringer Lebensstandard = geringe Fallhöhe.

Auch Claudia Helming glaubt, zwischen 25 und 30 habe man nicht viel zu verlieren. Das Sicherheitsbedürfnis vieler junger Menschen der Generation Y hält sie für ein „Hirngespinst“. Wenn eine Unternehmensgründung nach zwei Jahren nicht funktioniere, könne man immer noch als Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt einsteigen, ohne große Verluste zu machen. Ein Drittel der Gründer stellt laut dem Deutschen Startup-Monitor sein Startup wieder ein.

"An sich zweifeln und sich unnötig stressen ist typisch weiblich – aber auch Einstellungssache."

Abschreckungsfaktor: Das Privatleben bleibt oft auf der Strecke

Gerade mit der unangenehmen Wahrheit statt Illusionen des Gründertums will Pfundmeier andere motivieren: „Wir sind oft auf die Nase gefallen“, sagt sie. Wichtig sei nur, einmal mehr aufzustehen. Das „Bild der Überfrauen“, die alles problemlos unter einen Hut kriegen, würde mehr schaden als nutzen, pflichtet auch Helming bei. Man kämpfe eben doch „täglich an tausend Fronten“.

Dabei bleibt das Privatleben schon mal auf der Strecke – ein Faktor, der viele junge Frauen abschreckt. Es sei ein „hohes Commitment“ und sie lebe für den Job, gibt Anna Alex zu. Aber in dem Moment wolle man es ja nicht anders. Wichtig sei es dann vor allem, „nachsichtige Freunde“ und ein „flexibles Privatleben“ zu haben.

Veränderungen schon in der Erziehung

Dass man auf Familie verzichten soll oder diese hinten anstellen soll, lehnt Alex trotzdem ab. Allerdings müsse eben der Wille groß sein, sich mit einer Startup-Gründung zusätzliche Arbeit aufzuladen.

Die Motivation dafür sollte nicht erst mit Entrepreneur-Seminaren an den Unis beginnen. „Das fängt schon in der Erziehung an“ glaubt sie. Die Klischees in Kinderbüchern, dass Mädchen nur „passiv mit Schleifchen im Haar in der Ecke stehen“, würden sich zwar bereits ändern. Trotzdem sollte man als Eltern darauf achten, welche Geschichten man erzählt.

Dann wird es auch weitere Vorbilder wie Alex, Pfundmeier oder Helming im IT-Bereich geben – vielleicht dann auch immer mehr abseits der Blumen und Klamotten. Die Welle ist immerhin losgetreten.

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