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Und jetzt: Ab in die Krippe! Kommt unser Baby damit zurecht, wenn es auch fremdbetreut wird?

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Und jetzt: Ab in die Krippe! Kommt unser Baby damit zurecht, wenn es auch fremdbetreut wird? | Sean Gallup via Getty Images
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Andrea Kästle: Ab welchem Alter kann man sein Kind bedenkenlos fremdbetreuen lassen?

Mathias Voelchert: Schwer so allgemein zu sagen. Insgesamt finde ich: Die ersten Monate sind so entscheidend für die Mutter/Vater-Kind-Bindung, da würde ich ein Baby noch nicht in die Krippe geben. Was nicht heißt, dass es nicht stundenweise auch von der Oma oder der guten Freundin betreut werden kann.

Ist für die Bindung denn entscheidend, dass ein Elternteil tagsüber immer verfügbar ist?

Kleinkinder binden sich an denjenigen, der die meiste Zeit mit ihnen verbringt. Wobei Bindung ja heißt, sich kennenzulernen, einander zu spüren, zu riechen, sich zu berühren. Als Vater oder Mutter wäre ich natürlich gern der, an den das Kind sich bindet.

Aber viele Familien sind auf ein zweites Gehalt einfach angewiesen. Da müssen beide bald wieder arbeiten.

Ja, so ist es im Moment. Dabei sollten wir aber schon im Hinterkopf haben, was der Kinderarzt Herbert Renz-Polster schreibt: Dass nämlich Kinder ab dem siebten, achten Lebensmonat sich nur sehr ungern von denjenigen trennen, an die sie sich gebunden haben. Zum Teil zeigen sie dann auch "bei der besten Ersatzbetreuung anhaltende Zeichen von Depression".

Krippe ist für Kinder anstrengende Arbeit

Das werden viele Mütter nicht so gern hören. Die fühlen sich jetzt endlich nicht mehr als Rabenmütter, wenn sie eine Krippe in Anspruch nehmen.

Das Thema ist hochexplosiv, und jede Familie ist ja auch anders. Aber man sollte sich schon bewusst machen: Krippe ist für Kinder anstrengende Arbeit. Ein guter Kompromiss könnte eine gesunde Mischung aus Eigen- und Fremdbetreuung sein.

Kann sich denn ein Baby nicht einfach an mehrere Erwachsene binden?

Das Bindungsprogramm ist, wie Fachleute wissen, nicht wahllos. Schon nach wenigen Wochen beginnt ein Baby, eine Bindungsperson zu bevorzugen. Das ist meist die, die mit ihm auch die meiste Zeit verbringt.

Leidet eigentlich die Kinderliebe zu den Eltern darunter, wenn das Kind zusätzliche Bindungen eingeht?

Nein, sie verliert allerdings ihre Exklusivität. Was jedoch kein Schaden sein muss.

Oft sind doch die Mütter, die allein die Kinder versorgen, auch gestresst.

Deshalb sollen sie auch unbedingt für sich sorgen und sich Auszeiten verschaffen. Die braucht man natürlich schon.

Ist nicht jede Fremdbetreuung sowieso besser als die genervte Mama daheim?

Das kommt doch stark auf die Qualität der Fremdbetreuung an. Die Erzieherinnen in den Krippen und Kitas sind ja auch nur Menschen. Die oftmals heillos überlastet sind.

Die institutionalisierte Erziehung ist also den Eltern nicht automatisch überlegen?

Ganz und gar nicht. Vorausgesetzt mal, die Eltern sind auch bereit, über ihr Verhalten nachzudenken. Kinder lernen zu Hause, ihre Bedürfnisse mit denen der Eltern abzugleichen, das ist sehr wichtig. In der Kita lernen sie, Regeln einzuhalten. Das ist etwas anderes.

Kinder brauchen Menschen aus Fleisch und Blut

Aber, noch mal: Eltern schimpfen doch mit ihren Kindern, sie nehmen alles persönlich und werden leicht ungerecht. Eine Erzieherin dagegen pocht entspannt auf die Regeln und macht sich keine Sorgen, ob aus dem Kind mal was werden wird.

Ja, das ist der Unterschied. Aber Kinder brauchen Menschen aus Fleisch und Blut um sich herum. Sie brauchen die Mutter, die heute so müde ist, dass sie kein Klaviergeklimper mehr aushält. Die sich morgen dafür gern was vorspielen lässt von der Tochter. Die ihrem Kind persönlich Rückmeldung darüber gibt, wie es ihr geht, was los ist.

Manche Familien haben allerdings derart destruktive Strukturen, dass die Kinder in der Krippe besser aufgehoben sind.

Ja, das trifft nach Angaben von Fachleuten auf etwa zehn Prozent aller Familien zu.

Worauf sollte man achten bei der Wahl der Krippe?

Das Blöde ist ja: Man muss froh sein, wenn man überhaupt einen Platz kriegt. Für mich wäre wichtig: Wie empfinde ich die Stimmung in der Einrichtung? Geht es dort freundlich, entspannt, fröhlich zu? Wie wird mit Kindern umgegangen, die eher auffällig sind? Weil sie beißen, schlagen, einnässen?

Wie sollte mit diesen Kindern umgegangen werden?

Wenn es gleich heißt: "So was gibt es bei uns nicht" - dann wäre diese Krippe für mich gestorben. Wenn ich allerdings höre: "Ach, das kennen wir schon, damit können wir umgehen!", dann: Grünes Licht!

Was ist mit dem Betreuungsschlüssel?

Der sollte auch stimmen. Gut wäre eine Erzieherin/Kinderpflegerin pro drei, vier Kinder. Es ist doch so: Wenn heute eine Mutter Vierlinge kriegt, stürzt die ganze Verwandtschaft zusammen, alle wollen helfen. Aber eine Erzieherin, denken wir, schafft locker sieben Kinder auf einmal. Das kann doch niemand leisten.

Aber die Kita mit der idealen Personaldecke ist nicht bezahlbar.

Wer entscheidet das? Wir wissen längst, dass jeder Euro, den wir in hochqualifizierte Betreuung investieren, eine über zehnprozentige Rendite bringt. Weil aus gut betreuten Klein- und Kindergartenkindern später besser ausgebildete Erwachsene werden, die auch sicherer im Leben stehen. Es ist wirklich absurd, bei den Kleinsten zu sparen.

Drastisch erhöhter Stresshormonspiegel

Sie haben es schon gesagt: Krippenalltag ist für Kinder Arbeit.

Dänische Untersuchungen zeigen bei über 20 Prozent der Krippenkinder zwischen einem Jahr und drei Jahren im Gehirn einen drastisch erhöhten Stresshormonspiegel. Das muss man einfach wissen, wenn man ein Kind für die Krippe anmeldet.

Heißt das auch, dass das Kind nach einem Krippentag Erholung braucht?

Jedenfalls kein Programm mehr. Es reicht, sich mit ihm aufs Sofa zu kuscheln und Musik zu hören.

Welche Qualifikationen brauchen Erzieherinnen?

Sie sollten vor allem auch ihre eigenen Begrenztheiten erkennen. Sich und die Regeln nicht übers Kind stellen. Kinder wie Eltern mögen. Und: Supervisionen sollten eine Selbstverständlichkeit sein.

Aber was ist denn mit der Sozialkompetenz? Ist es nicht gut, wenn schon ein Zweijähriger lernt, sich in eine Gruppe einzufügen? Das wäre ein Argument für die Krippe.

Ich gehe davon aus, dass Kinder, die zu Hause sind, nicht ausschließlich an der Mutter kleben. Die unternehmen doch auch Dinge, und Geschwister gibt es ja vielleicht auch.

Was sollte man bei der Eingewöhnung beachten?

Auf jeden Fall genug Zeit mitbringen. Vier, sechs Wochen, in denen man flexibel mit der Arbeit umgehen kann. Und wenn es mir schwerfällt, das Kind abzugeben, bringe ich es auch besser nicht in die Krippe. Sondern mein Partner. Weil es sonst auch dem Kind schwerer fällt, loszulassen.

Zum Schluss: Was ist also das Beste fürs Kind?

Das Beste gibt es nicht. Sicher kann man sagen: Kleinkinder brauchen konstante Zuwendung.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Ich geh aber nicht mit zum Wandern von Mathias Voelchert und Andrea Kästle

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