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Gregor Gysi wettert in Böhmermann-Sendung gegen Merkel: "Völlig inkonsequentes Verhalten"

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"Völlig inkonsequent": Gysi wettert in Böhmermann-Sendung gegen Merkel | Screenshot
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Jan Böhmermann ist zurück. Seine erste "Neo Magazin Royale"-Sendung nach dem Skandal um das Erdogan-Schmähgedicht wurde mit Spannung erwartet und übertraf alle Erwartungen - und das ganz ohne weiteren Seitenhieb in Richtung Türkei.

Zum Unterhaltungswert der Sendung trug nicht nur der gefakte "Schwiegertochter gesucht"-Kandidat bei, sondern auch Böhmermanns Talkgast. Mit Gregor Gysi hatte sich der Satiriker einen Politiker eingeladen, der seine Entertainer-Qualitäten in Fernsehshows schon oft unter Beweis gestellt hat.

Der Ex-Linken-Chef war auch im “Neo Magazin Royale” in Bestform - und ließ es als gelernter Rechtsanwalt trotz Protesten von Seiten Böhmermanns nicht nehmen, den Erdogan-Schmähgedicht-Skandal in bester Gysi-Manier zu kommentieren.

"Erdogan macht eine Scheißpolitik"

“Das Gedicht, das Sie gelesen haben, fand ich nicht schön”, sagte er. Es bediene alle möglichen Vorurteile, das finde er nicht gut. “Auf der anderen Seite haben Sie völlig recht”, räumte der Politiker ein. “Wir haben nicht nur Meinungsfreiheit, wir haben nicht nur Pressefreiheit, wir haben auch Kunstfreiheit.”

Erdogans Verhalten ist für Gysi vollkommen unverständlich. Er selbst sei schon oft beleidigt worden und habe auch keinen Strafverfolgungsantrag gestellt, sagte er - nur halb im Scherz.

“Dass Sie so viel Zustimmung (für das Gedicht, Anm. d. Red.) bekommen, liegt daran, dass der türkische Präsident so eine Scheißpolitik macht.” Er verbiete die größte Oppositionszeitung, er verfolge die Kurdinnen und Kurden, er bombadiere die Kurdinnen und Kurden in Syrien, die dort gegen den IS kämpfen, empörte sich Gysi.

"Merkels Verhalten ist völlig inkonsequent"

Und schon kam die Spitze gegen Berlin: “Unsere Regierung kritisiert dieses Verhalten kaum. Das geht nicht”, polterte der Ex-Linken-Chef.

Auch eine Attacke gegen die Kanzlerin persönlich ließ sich Gysi nicht nehmen. “Und jetzt noch was zu Frau Merkel”, lachte Gysi feixend - “Wenn ich mich jetzt hier politisch falsch verhalte, wird das einfach rausgeschnitten okay?”, entgegnete Böhmermann alarmiert.

Gysi empfahl dem Moderator schlicht: “Sie schweigen am besten einfach.”

Merkel müsse im Fall eines ausländischen Staatsoberhauptes ja freigeben, dass überhaupt ein Strafverfolgungsprozess stattfinden darf, erinnert Gysi. “Jetzt gibt sie das frei und sagt danach, dass sie diesen Straftatbestand abschaffen.”

Man könne doch nicht sagen: Den einen will ich noch verurteilt sehen und danach schaffe ich das ab. “Das ist doch völlig inkonsequent”, rief Gysi und erntete großen Applaus im Saal und eine versteinerte Miene von Böhmermann.

Paragraph 103 des Strafgesetzbuchs völlig veraltet

Er halte den ganzen Paragraphen 103 des Strafgesetzbuchs für grundgesetzwidrig. "Warum sollte die Beleidigung dieses Mannes schwerer wiegen als die Beleidigung von Ihnen oder von mir? Das ist doch auch nicht in Ordnung.”

Der Paragraf besagt, dass Beleidigungen eines ausländischen Staatschefs zu einer Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder einer Geldstrafe führen. Kritiker führen an, dass der Paragraf längst nicht mehr zeitgemäß sei. Er stammt er aus dem Jahr 1871, also noch aus dem Kaiserreich, und schützte das Recht monarchischer Oberhäupter.

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(ca)