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Der Eurovision Song Contest zeigt, was in Europa wirklich schief läuft

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Eurovision Song Contest war einmal interessant - heute zeigt der ESC nur noch, was in Europa schief läuft | dpa
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Die Zeiten, in denen ich mich für den Eurovision Song Contest interessiert habe, sind ungefähr so lange her wie der bislang letzte Meistertitel des 1. FC Kaiserslautern. Helmut Kohl war noch Bundeskanzler. Und Tony Marshall galt dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen als präsentabler Samstagabend-Entertainer.

Damals, in den späten 90er-Jahren, hing ein unbeschreiblicher Mief über dieser Republik. Und in dieser Zeit versprühte ausgerechnet der bis dato reichlich angestaubte Eurovision Song Contest (der damals tatsächlich noch „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ hieß) etwas Subversives. ("Die Geschichte des Eurovision Song Contest" gibt es auch als Buch auf Amazon.)

Das lag an einem gewissen Guildo Horn (bürgerlich, ohne Flachs: Horst Köhler), der seine gedrungene Statur in ein enges Bühnenkostüm zwängte, wie ein Berserker über die Tanzfläche schoss und mit „Guildo hat euch lieb“ eine großartige Realsatire auf das Unterhaltungsgeschäft performte.

Wippende Mitt-Vierziger mit Hugo-Gläsern in der Hand

Plötzlich war der ESC, der sich selbst immer ein bisschen zu ernst nahm, vollkommen auf Höhe der Zeit. Doch das ist nun schon eine Generation her.

Das Wort „Europa“ hat mittlerweile einen anderen Klang als damals. Und auf den ESC-Partys werden heute keine Nussecken mehr verteilt. Man trifft dort vor allem nicht mehr ganz so junge Menschen, die sich an ihrem Hugo-Glas festhalten und mit ihren nicht mehr ganz so jungen Füßen zu Melodien mitwippen, die an normalen Tagen jedem noch nicht gänzlich betrunkenen Dorfdisco-DJ die Schamesröte ins Gesicht treiben würden.

Als Politikjournalist könnte man sich an dieser Stelle natürlich Gedanken machen, welche gesamtgesellschaftlichen Implikationen dafür verantwortlich sind, dass dieses Event von Jahr zu Jahr peinlicher wird.

Scheinheilige Empörung über die ESC-Punktevergabe

Klar, der Eurovision Song Contest führt uns vor Augen, dass es keine gesamteuropäische Öffentlichkeit gibt, auch wenn uns das die Macher jedes Jahr mit dreistem Freude-schöner-Götterfunken-Bombast vorgaukeln wollen. Sonst fänden sich nicht jedes Jahr aufs Neue wieder irgendwelche beleidigten Jupps und Juttas, die in der Dunkelheit ihrer deutschen Wohnzimmer sich darüber echauffieren würden, dass die „Osteuropäer sich immer gegen uns verschwören“ wollten.

Und womöglich ist der ESC selbst zu einem Elitenprojekt geworden. Das hat die ARD im vergangenen Jahr mit dem genauso autoritären wie instinktlosen Versuch bewiesen, uns den Verschwörungstheoretiker Xavier Naidoo als deutschen Vertreter unterzujubeln.

Aber wahrscheinlich würde das zu kurz greifen. Denn es ist noch viel schlimmer. Der Fehler ist das Event an sich.

Was als Wettbewerb des europäischen Kulturbetriebs daher kommt, hat schon seit Jahren die musikalische Folgewirkung von einem feuchten Furz bei einem Phil-Collins-Konzert. Mit der Sicherheit des morgendlichen Sonnenaufgangs kann man davon ausgehen, das absolut nichts von dem, was irgendwo in Europa „Trend“ oder gar „cool“ ist, es auf die Bühne des ESC schafft.

Wie heißt eigentlich der Titel von „Jamie-Lee“?

Was ist von dem geblieben, was in den vergangenen Jahren mit Glitterregen und Messehallen-Feuerwerk beim ESC gefeiert wurde? Einst haben ABBA beim Grand Prix den Start ihrer Weltkarriere gefeiert. Cliff Richard ist hier international bekannt geworden, ebenso France Gall.

Heute ist das anders. Lena? Existiert heute nur noch auf Instagram - wenn sie nicht gerade in „Volle Kanne“ der versammelten Doppelherz-Zielgruppe die Zeit zwischen Unterbuchsen-Bügeln und Kaffeekränzchen die gepflegte Langeweile versüßt.

Kennt jemand noch den Namen der deutschen Starterin von 2015?

Und weiß jemand, mit welchem Titel „Jamie-Lee“ in diesem Jahr wieder den Deutschen das Gefühl näher bringen will, in Europa ganz am Ende der Futterkette zu stehen?

Passend zum Thema: Eurovision Song Contest im Live-Stream

Hoffentlich rettet uns die Ukraine

Das Problem ist jedoch durchaus international. Was hat eigentlich Conchita Wurst nach dem Sieg im Jahr 2014 noch an künstlerischem Input nachgelegt? Und wie hieß eigentlich die Gewinnerin des Jahres 2013? Oder der des Jahres 2015?

Ganz zu schweigen von dem aufgeblähten Wettbewerb, der in den vergangenen Tagen anlief, und den sich selbst der kürzlich zurückgetretene UEFA-Boss Michel Platini nicht schlimmer hätte ausdenken können. So wie sich bei der kommenden Fußball-Europameisterschaft nun dank des zur monströser Größe angewachsenen Teilnehmerfeldes so denkwürdige Partien wie Rumänien gegen Albanien ergeben haben, laufen beim ESC nun unter der Woche so genannte „Halbfinals“, in denen Künstler mit dem Format einer Möbelhaus-Kapelle stundenlang unter Beweis stellen können, wie glanzlos und plump Europa bisweilen sein kann.

Als überzeugter Europäer kann ich mir das antun. Es ist einfach zu traurig zu sehen, wie innovationsfeindlich sich dieser Kontinent jedes Jahr aufs Neue zeigt.

Eine Hoffnung bleibt jedoch: Dass die ukrainische Sängerin "Jamala" - eine Krim-Tatarin - der Veranstaltung ein wenig Schwung verleiht. Ein Lied über die von Moskau aus veranlasste Vertreibung der Krim-Tataren im Jahr 1944 auch beim Moskauer ESC-Event über die Leinwände flimmern zu lassen - das ist genau jene Widerspenstigkeit, von der das sturzlangweilige Sängerfestival noch viel mehr bräuchte.

Passend zum Thema: Alle Songs des Eurovision Song Contests gibt es bereits auf einer Doppel-CD, die ihr zum Beispiel bei Amazon kaufen könnt.