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Dopingvorwürfe gegen Russland: Wie der Kreml bei den Olympischen Spielen betrogen haben soll

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PUTIN
Massive Doping-Vorwürfe gegen Russland: Waren mehrere Athleten bei den Winterspielen 2014 in Sotschi gedopt? | Getty/AP/HuffPost
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  • Das Image Russlands als Sportnation ist am Boden
  • Der frühere Leiter des russischen Doping-Kontrolllabors erhebt schwere Vorwürfe
  • 15 russische Medaillen-Gewinner sollen bei den Olympischen Spielen in Sotschi gedopt gewesen sein

Kreml-Chef Wladimir Putin hat ein seltsames Verhältnis zur Wahrheit. Vielleicht könnte man auch sagen: Lügen sind Teil seiner Politik. Propaganda nennen es die einen, politisches Kalkül die anderen, wenn Putin etwa behauptet, dass eine Krim-Annexion "nicht erwogen" werde - und zwei Wochen später sagt, er begrüße die Krim "an heimischen Ufern".

Insofern verwundert es nicht, dass Putins Sprecher am Freitagmittag bei Twitter den verbalen Vorschlag-Hammer herausgeholt hat. Er schrieb von der "Verleumdung eines Verräters". Gemeint war Grigori Rodschenkow, früherer Chef des russischen Doping-Kontrolllabors.

15 gedopte russische Athleten bei den Olympischen Winterspielen?

Rodschenkow hatte am Donnerstag in der "New York Times" eine Bombe platzen lassen: Bei den Winterspielen 2014 in Sotschi seien 15 russische Medaillen-Gewinner gedopt gewesen, sagte er dem Blatt. Mit Hilfe gefälschter Urinproben sei das Doping verschleiert worden. Rodschenkow sprach vom "größten Betrug im Sport aller Zeiten".

Das sind heftige Anschuldigungen, die im Kreml für Schnappatmung gesorgt haben dürften - denn Rodschenkow spricht explizit von einem staatlich gelenkten Betrug.

Im Herbst 2013 habe der russische Geheimdienst FSB begonnen, Rodschenkows Labor Besuche abzustatten. Das sei offensichtlich geschehen, um sich genau über die Behälter von Dopingproben und deren Verschlusssysteme zu informieren.

Wahrscheinlich, dass Putin eingeweiht war

Sollte das stimmen, wäre mehr als sicher, dass Putin in die Machenschaften eingeweiht war. Der FSB gilt als langer Arm des Kreml-Chefs, Putin war selbst einst Direktor des FSB.

Vor den Olympischen Spielen in London 2012 habe er einen Cocktail aus drei verbotenen, leistungssteigernden Substanzen entwickelt, erklärte Rodschenkow. Seitdem sei dieser an russische Sportler gegeben worden. Zwei Jahre später, in Sotschi, habe die Überwachung der Dopingproben dann beim russischen Kontrolllabor gelegen. Das Sportministerium habe darin die Chance gesehen, die Spiele zu dominieren. Es sei ein systematischer Dopingplan erstellt worden.

Organisiertes Staatsdoping wie in der DDR

Große Teile der Anschuldigungen erinnern an das organisierte Staatsdoping aus Zeiten des Kalten Krieges, in denen Staaten wie die DDR oder die Sowjetunion darauf aus waren, das politische Kräftemessen mit dem Westen in den Sportstadien dieser Welt auszutragen.

Das Motto damals: Erfolg um jeden Preis. Die Politik war damals nicht nur eingeweiht, sie förderte das systematische Doping auch.

Glaubt man Rodschenkow, hat sich im Kreml offenbar nicht viel geändert.

"Wenn sich ein flächendeckendes Dopingsystem in Russland bestätigen sollte, müssen harte und weitreichende Sanktionen folgen. Andernfalls wird die Glaubwürdigkeit des Sports fahrlässig verspielt", sagte Eberhard Gienger, sportpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, der Huffington Post.

"Die Anschuldigungen müssen noch vor Rio aufgeklärt werden"

Auch im Spitzensport gebe es "rote Linien“, die bei Überschreiten harte Strafen zur Folge hätten, so der CDU-Sportexperte. "Die massiven Anschuldigungen müssen noch vor Beginn der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro geklärt werden.“

Gienger rät jedoch von einer voreiligen Verurteilung ab. "Die Beweise gehören offengelegt und von unabhängigen Stellen geprüft. Erst dann können sportpolitische Konsequenzen gezogen werden. Pauschale Vorverurteilungen und Verallgemeinerungen aller russischen Athleten dürfen kein Automatismus sein."

Unterstützung erhält Gienger von Özcan Mutlu. Für den Sportpolitik-Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion sind die aktuellen Doping-Vorwürfe "ein zusätzlicher guter Grund, die Fußball-WM 2018 zu hinterfragen."

"Ein Land, das im tiefsten Dopingsumpf steckt, ist ungeeignet als Austragungsort für internationale Sportereignisse und Wettkämpfe", sagte Mutlu der Huffington Post.

Klar ist: Keiner der von Rodschenkow beschuldigten russischen Athleten war in Sotschi des Dopings überführt worden. Das Team gewann bei den Winterspielen 33 Medaillen.

Olympiasieger Subkow und Legkow weisen die Anschuldigungen zurück

Die Olympiasieger Alexander Subkow und Alexander Legkow wiesen die Einnahme verbotener Substanzen sofort zurück - was sollen sie auch sonst tun? "Das ist eine absolute Verleumdung der Sportler der russischen Nationalmannschaft und auch von mir", sagte Subkow, der 2014 in Sotschi im Vierer- und Zweierbob Gold gewann, der russischen Zeitung "Sport Express".

Langlauf-Olympiasieger Legkow sieht die Vorwürfe gelassen. "Rufen Sie meine Trainer an und fragen Sie, wie wir in jenem Jahr trainiert haben", sagte Legkow.

Bereits im vergangenen Jahr hatten Doping-Enthüllungen in der russischen Leichtathletik für Schlagzeilen gesorgt. Damals sei Rodschenkow dazu gezwungen worden, seinen Job aufzugeben, sagte er. Er bekam Angst um seine Sicherheit und ging nach Los Angeles.

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(lk)