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"Schwiegertochter gesucht": Wie das Privatfernsehen gegen die Unterschicht hetzt

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Liebe Redakteure beim Privatfernsehen:

Wie zynisch muss man eigentlich sein, um Euren Job machen können? Wie verkorkst ist wohl das Weltbild von Leuten, die jeden Tag in ihren Sendungen die Menschenwürde mit Füße treten?

Und wie gestört muss Euer Verhältnis zur Gesellschaft sein, dass Ihr für ein paar Prozentpunkte Einschaltquote die Ärmsten in dieser Gesellschaft der Lächerlichkeit preisgebt?

Ich verachte Euch dafür, wie ihr Tag für Tag mit Euren abgeschmackten Reality- und Casting-Formaten dafür sorgt, die sozialen Milieus in Deutschland gegeneinander aufzuhetzen.

Wenn ich an Ekel-TV denke, dann kommen wir keineswegs die Kakerlaken aus dem Dschungel-Camp in den Sinn. Ich denke an all die scheinbar harmlosen, bunten Unterhaltungssendungen, mit denen Sender wie RTL, Pro Sieben und RTL2 schon seit Jahren ein Riesengeschäft daraus gemacht haben, Dicke, Arme und Dumme in aller Öffentlichkeit vorzuführen.

Ekelhaftes Unterschichten-Bahsing

In Sendungen wie „Bauer sucht Frau“, „Familien im Brennpunkt“ oder „Schwiegertochter gesucht“. Aber auch in den Boulevard-Programmen, mit denen das Unterschichten-Bashing zur besten Sendezeit noch zu einem Fernseh-Event aufgebauscht wird.

Dem weiß Gott nicht immer für seinen sensiblen Humor bekannten TV-Satiriker Jan Böhmermann haben wir es nun zu verdanken, dass nun wenigstens die Macher von „Schwiegertochter gesucht“ endlich entlarvt wurden.

Mit seiner Redaktion von „Neo Magazin Royale“ schleuste er zwei Schauspieler in die Sendung von Moderatorin Vera Int-Veen ein, die sich als Karikaturen eines geistig wie sozial rückständigen Vater-Sohn-Gespanns bewarben und feststellen mussten, dass den Machern der Show die gespielte Beklopptheit noch nicht krass genug war.

Dem „einsamen Eisenbahnfreund“ Robin aus einer Hochhaussiedlung in Duisburg, genauso jungfräulich wie ungewaschen, wurde ein rosa „Liebe ist...“-Puzzle geschenkt, damit er im Fernsehen noch ein wenig lächerlicher rüberkommt. Vater René durfte im Fernsehen den fürsorglichen Alkoholiker mimen – und als er anfing, Tränen des Stolzes auf seinen Sohn zu verdrücken, hielt das Kamerateam voll auf sein Gesicht.

Ein großer Dank an die beiden Schauspieler Simon Steinhorst („Robin“) und Andreas Schneiders („René“) für Ihren Einsatz. Und wie schön, liebe Privatfernseh-Macher, dass nun jeder weiß, wie niederträchtig Ihr seid.

Spätestens seit dem Ihr eine bedauernswerte junge Frau namens Beate in einer der vergangenen Staffeln dem bundesweiten Gespött preisgegeben habt, ist klar, wie sehr Ihr Leute verachtet, die weder Abitur noch die Fähigkeit zur rhetorischen Brillanz haben. Wer kein Zahnpastagrinsen hat, der taugt in Euren Augen allenfalls noch dazu, hämisch dahin kichernden Zuschauern das Gefühl zu vermitteln, dass es in diesem Land immer noch Leute gibt, die noch ärmer dran sind.

Moderner Klassenkampf

Liebe Leute vom Privatfernsehen: Ihr bietet mit Euren Sendungen die Bühne für einen modernen Klassenkampf. Und Ihr wisst das. Die soziale Spaltung in diesem Land schreitet voran, die Mittelschicht ist in den vergangenen zwei Jahrzehnten um mehrere Millionen Menschen schmaler geworden.

Noch viele Millionen mehr haben Angst, dass sie die nächsten sein können, die sich im Teufelskreis aus schwindenden Vermögen, mangelnder Bildung und schlechten Zukunftsaussichten wiederfinden. Genau für diese Leute macht Ihr Eure so genannte Fernseh-Unterhaltung. Und Ihr legt damit Feuer unter der Demokratie. Jede Eurer verdammten Sendungen trägt dazu bei, dass uns ein kleines Bisschen mehr vom sozialen Frieden abhanden kommt.

Wie diese Verachtung der Armen, die in scheinbar unpolitischen Formaten gezeigt wird, gesellschaftlich funktioniert, hat die Soziologin Britta Steinwachs in ihren Buch „Zwischen Pommesbude und Muskelbank“ beschrieben. Sie spricht von einer „strategischen Inszenierung der Unterschicht“ in Euren Sendungen.

Glaubt Ihr ernsthaft, dass das keine Folgen hat?

Wo der Hass anfängt

Wundert Ihr Euch denn wirklich, woher die Eliten-Kritik kommt, in deren Verlauf sich schon so viele Deutsche in regelrechte Hass-Fantasien gegen „die da oben“ hinein gesteigert haben? Ich habe tiefstes Unverständnis für Pegida und alle anderen fremdenfeindlichen Mobs in diesem Land. Aber ich sehe, wo all das seinen Anfang nimmt: Da nämlich, wo wir einander nicht mehr helfen, sondern uns nur noch gegenseitig fertig machen.

TV-Satiriker Oliver Kalkofe brachte es vor zwei Jahren gut auf den Punkt. In der Sendung „Pures Leben“ wurde eine beleibte und aller Wahrscheinlichkeit nach unterbezahlte Laiendarstellerin („Schleckermäulchen Aileen“) gezeigt, die in Müllcontainer steigt, um dort nach weggeworfenen Sahnetorten zu suchen. „Und das Ganze nur, damit der ganze Scheiß nichts kostet und damit dann all die anderen dann vor der Glotze dich auslachen können und sagen; 'Okay, ich bin auch bekloppt, aber nicht so dumm wie die fette Fressmaschine in der Mülltonne.“

Wenn so Fernsehen im Jahr 2016 funktioniert, dann wird es Zeit, dass jeder klar denkende Mensch sein Empfangsgerät zum Fenster rausschmeißt. Allein nur, um Euch privaten Fernsehmachern zu zeigen, was für hässliche Menschen Ihr seid.

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