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Islam-Forscher: "Die europäische Kultur ist zutiefst vom Islam geprägt"

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MINARETT
Islamwissenschaftler: "Die europäische Kultur ist zutiefst vom Islam geprägt" | dpa
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  • Der Islamwissenschaftler Thomas Bauer glaubt, dass der Islam schon lange Teil der europäischen Kultur ist
  • Er stellt damit die Debatte, ob der Islam zu Deutschland gehört, in ein neues Licht
  • Die Gefahr liege allerdings ganz woanders: im Radikalismus und Pauschalismus, der die Gesellschaft spaltet

Es gibt kaum eine Frage, die derzeit in Deutschland so polarisiert wie "Gehört der Islam zu Deutschland?" Kanzlerin Merkel und viele weitere Politiker sagen ja, viele bekannte Muslime auch - die AfD und laut einer Umfrage 61 Prozent der Deutschen nein.

Doch wenn man dem Münsteraner Islamwissenschaftler Thomas Bauer glaubt, ist diese Debatte eigentlich überflüssig. Die europäische Kultur sei schon lange zutiefst vom Islam geprägt, sagte er gegenüber "RP Online".

Aufschluss soll ein Blick in die europäische Kulturgeschichte geben

Die Aussage von AfD-Politikern, dass der Islam nicht zu Deutschland gehöre, findet er schon allein wegen der Abgrenzung befremdlich. Deutschland sei ein Teil Europas und zu sagen, der Islam gehöre nicht zu Europa, sei unmöglich, erklärte er dem Blatt.

Konkret begründet er das mit dem Blick in die Geschichte: Der Aufschwung der Philosophie, der Theologie und der Wissenschaften im späten Mittelalter sowie die italienische Renaissance seien ohne den islamischen Einfluss nicht denkbar. Auch die intensiven Handelsbeziehungen würden eine Rolle spielen - und in Spanien, auf Sizilien und auf dem Balkan gab es sogar islamische Reiche.

"Der Islam ist also sehr wohl Teil der europäischen Kultur", so Bauer. Einen "Fremdkörper" in Deutschland, wie AfD-Stellvertreter Alexander Gauland den Islam bezeichnete, könne man die Religion mit Blick auf die Geschichte also kaum nennen.

Islamkritik sei trotzdem angebracht

Auch Beatrix von Storchs Aussage, der Islam sei nicht mit dem Grundgesetz vereinbar, hält Bauer für hinfällig. Kein religiöser Basistext sei mit dem Grundgesetz kompatibel - weder Bibel noch Koran. "Es muss aber auch keine Religion mit dem Grundgesetz vereinbar sein, weil sie nicht geltendes Recht festlegen."

Kritik am heutigen Islam hält der Wissenschaftler dennoch nicht für überflüssig. Er selbst fordert in seinem Buch "Die Kultur der Ambiguität", dass sich der Islam statt einer vielgeforderten Modernisierung an seiner Vergangenheit orientieren müsste. Bis ins 19. Jahrhundert konnten Moslems mit verschiedenen Interpretationen ihrer Glaubensschriften leben, der Fundamentalismus sei ein Phänomen der letzten Jahrhunderte.

"Wir leben in Zeiten des Verlusts der Mitte", sagt Bauer gegenüber "RP Online". "Auf der einen Seite eine breite Gleichgültigkeit, auf der anderen Fundamentalismus."

Ein Trend spaltet die Gesellschaft

Dieser Trend zum Extrem zeigt sich im radikalen Islamismus genauso wie bei radikalen Islamgegnern. NDR-Reporter und Fernsehpreis-Gewinner Michel Abdollahi sagte gegenüber der Huffington Post: "Unter dem Deckmantel einer neuen Angst, der Minarett-Phobie, hetzt die AfD pauschal gegen eine Glaubensgemeinschaft und versucht so, die Gesellschaft zu spalten."

Laut dem Grünen-Chef Cem Özdemir machen sich Parteien wie die AfD die Emotionalität der Debatte zu Nutze: "Die AfD wirft verbale Stinkbomben und verpestet den politischen Diskurs", sagte er gegenüber der "Huffington Post". Die Partei betreibe Stimmungsmache, habe aber keinen Beitrag zur Lösung vorzuweisen.

Das Problem ist nach Bauer vor allem, dass mit radikalen Meinungen die Bereitwilligkeit sinkt, die Realität wahrzunehmen. Wenn sich Menschen den Islam als Feindbild geschaffen haben, helfen also keine Fakten - nicht einmal solche, die zeigen, dass der Islam schon lange Teil unserer Kultur ist.

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(ca)