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"Elitesoldat zu werden, war schon immer mein Traum"

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SOLDIER IRAQUE
"Jäger. Meine Kampfeinsätze als Elitesoldat" | Damir Sagolj / Reuters
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Wir rasen in fünf Metern Höhe mit 250 Stundenkilometern über der irakischen Wüste dahin. Ich sitze am Rand der Bank in unserem Transporthubschrauber und fühle die Hitze des Auspuffs an meinem linken Arm.

Die Nacht ist finster, aber überall in der weiten Ebene leuchten die Gasfackeln der Ölförderanlagen. In der Kabine sitzen sieben weitere Jäger. Im trüben Licht meiner Nachtsichtbrille glühen ihre Augenhöhlen grün. Wie immer wirken sie ruhig und entspannt. Ich überprüfe ein letztes Mal meine Ausrüstung und meine Waffe, einen C8-Karabiner. Der Lademeister des Hubschraubers, dessen Aufgabe es ist, uns in die Kabine und hinaus zu leiten, hebt die Hand und hält zwei Finger hoch: noch zwei Minuten bis zum Ziel.

Wir waren Teil der "Operation Viking". Wir sollten den Feind aufspüren, Informationen über ihn sammeln und ihn gegebenenfalls ausschalten. In jener Nacht hatten wir die Mission, ein Waffenlager zu zerstören.

Seit einigen Monaten war das Leben auf dem Luftwaffenstützpunkt Basra die Hölle. Basra war zu Saddam Husseins Zeit ein Zivilflughafen gewesen und wurde während der "Operation Irakische Freiheit" von den Koalitionsstreitkräften genutzt. Dort war auch das 500 Mann starke dänische Bataillon DAN-BAT untergebracht, das Teil einer 4000 Mann starken britischen Brigade war.

Im Winter und Frühjahr 2007 war der Stützpunkt unentwegt attackiert worden: Die von dem radikalen schiitischen Geistlichen Muktada al-Sadr geführte Mahdi-Miliz (Dschaisch al-Mahdi) feuerte aus einer Entfernung von fünf bis zehn Kilometern täglich bis zu 25 Raketen auf die Basis ab.

Nun wollte die Koalition das Problem in Angriff nehmen und die Waffenlager der Mahdi-Miliz aufspüren. Dem Einsatzkommando gehörten auch einige Jäger-Soldaten an. In den vergangenen 24 Stunden war unser Lager mit 16 Raketen angegriffen worden.

Eine 107-mm-Rakete chinesischer Herkunft hatte ein Quartier der britischen Truppen getroffen und die Unterkunft in ein blutiges Gemenge aus Knochen, Blut und verbogenen Metallteilen verwandelt. Ein Soldat war getötet und zwei weitere schwer verletzt worden.

Als ein Aufklärungstrupp knapp 20 Kilometer entfernt auf ein Waffenlager gestoßen war, in dem mehrere 107-mm-Raketen versteckt waren, wollten wir sofort aufbrechen und das Depot zerstören. Mein Team war gerade von einem sechstägigen Einsatz heimgekehrt und wollte sich erholen, als der Kommandant unseres Zugs, den wir nur "Bizeps" nannten, auftauchte und uns mitteilte, dass wir sofort zu einer weiteren Mission aufbrechen würden.

Innerhalb einer Stunde hatten wir das Gebiet studiert, in dem sich das Waffenlager befand, die Maßnahmen für den Notfall geplant und eine unbemannte Aufklärungsdrohne organisiert, die vor, während und nach dem Einsatz aus gut 2700 Metern Höhe jegliche Aktivität am Boden filmen und melden würde.

"Ich war nicht der Sprengstoffexperte"

Ich war nicht der Sprengstoffexperte unserer Einheit, aber da ich Erfahrung in der Minenräumung besaß und vier Jahre bei den Pionieren gewesen war, erhielt ich die Aufgabe, Informationen über die Raketen zu sammeln, eine Sprengladung vorzubereiten und ein Verfahren zu entwickeln,
um die Waffen unschädlich zu machen.

So sitze ich also in dem Hubschrauber, der in zwei Minuten den Einsatzort erreichen wird, dessen Koordinaten die Aufklärungseinheit durchgegeben hat. In der Gegend wimmelt es von Kämpfern der Mahdi-Miliz, die als die aggressivste im Irak gilt. Wir haben keine Lust, ihnen unsere
Gegenwart zu verraten.

Das Aufklärungsteam ist noch in der Gegend und teilt uns mit verschlüsselten Funksprüchen mit, dass der Landeplatz sicher ist. Noch eine Minute bis zur Landung. Ich mache mich bereit, um als Erster hinauszuspringen, denn ich bin der Kundschafter der Einheit. Ich beuge mich vor und warte auf das Zeichen des Lademeisters. Los, los, los! Ich springe hinaus in die Nacht und laufe schnell aus der vom Rotor aufgewirbelten Wolke aus Sand und Schotter hinaus. Meine sieben Kameraden folgen mir. Wir schwärmen aus und bilden einen Kreis, um die Landezone zu sichern. Keine Bedrohung in Sicht.

Der Hubschrauber steigt sofort wieder auf, um zum Stützpunkt zurückzukehren. Ich gebe meinen Kameraden Signale mit meiner weißen Lampe, einem Passivlicht an meiner Waffe, das nur mit einer Nachtsichtbrille sichtbar ist. Sie antworten, und wir sammeln uns. Die Shadow-Drohne
meldet keinerlei Feindbewegungen in der Umgebung.

Wir befinden uns nur fünf bis sechs Kilometer von einer Ortschaft entfernt, von der aus man das Waffenlager über zwei Straßen erreichen kann. Wenn jemand den Hubschrauber gehört hat, werden wahrscheinlich in kürzester Zeit Mahdi-Kämpfer auf einer dieser Straßen anrücken. Wir
müssen uns beeilen.

Der Sprengstoffexperte und ich machen uns auf den Weg zu dem Depot, das etwa 50 Meter vom Landeplatz entfernt ist. Die übrigen Teammitglieder beziehen hinter den Sanddünen Stellung und sichern unsere Position. Eine der Raketen, die wir zerstören sollen, liegt für den Einsatz bereit und zeigt in die Richtung unseres Lagers. Um sie abzufeuern, brauchen die Kämpfer nur einen selbst gebauten Raketenwerfer, vielleicht genügen auch ein paar Sandsäcke, um sie auszurichten.

Wir bringen Sprengladungen an den Raketen an und befestigen sie mit elastischen Bändern am Zünder. Wenn man das Herzstück der Waffe zerstört, wird sie vollkommen unbrauchbar. Ich überprüfe alles und melde unserem Kommandanten Kenneth, dass alles bereit ist. Auf sein Zeichen mache ich die Sprengladung scharf, die mit einer Verzögerung von zwei Minuten explodieren wird. Ich zähle von fünf rückwärts, und auf meinen Befehl "Feuer" löst mein Kamerad Rasmus die Zündung aus. Wir schalten unsere Stoppuhren ein.

Ich melde über Funk, dass die Sprengladungen gezündet sind. Wir laufen los und gehen etwa 30 Meter entfernt hinter einer Sanddüne in Deckung. Die übrigen Mitglieder der Einheit sind vielleicht 300 Meter entfernt und sichern unsere Position in allen Richtungen ab. Ich gebe durch, dass es noch eine Minute bis zur Detonation dauert.

Noch 30 Sekunden

Dann 30 Sekunden. "Zehn Sekunden ... fünf Sekunden." Ich drücke meinen Kopf in den Sand und lege die Hände in den Nacken, um ihn zu schützen. Ein hohles Krachen durchbricht die Stille der Nacht. Die Erschütterung hebt Rasmus und mich vom Boden.

Metallsplitter fliegen über unsere Köpfe hinweg. Ein Fragment von der Größe einer Bratpfanne landet direkt hinter uns im Sand. Von der Gewalt der Explosion überrascht, aber ansonsten unversehrt, melden wir Kenneth, dass wir eine Schadensbeurteilung vornehmen werden, um sicherzugehen, dass die Raketen zerstört sind. Wir nähern uns dem Ort der Sprengung und begutachten den großen, mit glühenden Metallteilen gefüllten Krater.

Die Überreste der Raketen sind im Umkreis von gut hundert Metern verstreut. Wir kehren zu unseren Kameraden zurück, die bereits den Hubschrauber angefordert haben und die Zone sichern, in der er in fünf Minuten landen soll.

Dies ist die gefährlichste Phase des Einsatzes. Die Explosion hat unsere Anwesenheit verraten. Während wir auf den Hubschrauber warten, beobachte ich die Straßen und halte nach Aufständischen Ausschau, die jeden Augenblick auftauchen können. Ich versuche, meine beschleunigte Atmung zu beruhigen. Der britische Hubschrauberpilot teilt uns über Funk mit, dass er in zwei Minuten landen wird. Kurze Zeit später hören wir den beruhigenden Klang der Rotorblätter, die die Nachtluft zerhacken.

Über Funk kommt die Mitteilung, dass in unserem Gebiet Aktivität beobachtet worden ist. Dann hören wir Schreie des Aufklärungstrupps. Es wäre sehr gefährlich, wenn es jetzt zu einem Gefecht käme: In einer "heißen" Landezone könnte der Hubschrauber nicht landen, und dann wären wir in ernsten Schwierigkeiten.

"Landung in einer Minute", meldet der Pilot. Wir schalten unsere kleinen Infrarotlampen ein, um ihm unsere Position zu zeigen. Die Meldung von Feindaktivität in der Umgebung hat uns verunsichert, aber da wir keine klare Identifizierung haben, beschließen wir, das Berge manöver durchzuziehen. Der Hubschrauber kommt in Sicht.

Er nähert sich mit großer Geschwindigkeit in geringer Höhe. Dann verringert er plötzlich das Tempo und hüllt uns in eine Staubwolke. Der Druck der sich drehenden Rotorblätter zwingt uns, uns vorzubeugen, um nicht hinzufallen. Der Lademeister blinkt zweimal mit seiner Infrarotlampe, um uns zu signalisieren, dass wir an Bord gehen können.

Ich bin der Erste in der Formation und laufe mit aller Kraft gegen den Wind, um zur Laderampe des Hubschraubers zu gelangen, springe hinein und werfe mich auf meinem Platz gegen die Kabinenwand. In dem Augenblick, als der letzte Mann an Bord ist, hebt der Hubschrauber mit heulendem Triebwerk ab.

Er fliegt eine scharfe Wende und nimmt Kurs auf den Stützpunkt. Der Einsatz läuft wie geplant. Das Munitionslager ist zerstört, und wir wurden nicht in Kampfhandlungen verwickelt. Ohne unsere Sicherheit aufs Spiel zu setzen haben wir den Geschosshagel, der das Leben im Lager zuletzt so nervenaufreibend gemacht und uns oft gezwungen hat, in den Bunkern zu übernachten, teilweise unterbunden.

Natürlich haben wir die Mahdi-Miliz nicht ausgeschaltet; sie wird weiter versuchen, den Südirak zu destabilisieren und die Macht zu übernehmen. Aber wir haben ihre Fähigkeiten eingeschränkt, uns zu bekämpfen.

Lächelnde Gesichter

Ich sehe mich in der Kabine um und schaue in sieben verschwitzte, lächelnde, mit Tarnschminke beschmierte Gesichter. Ich lächele ebenfalls. Ich habe dazu beigetragen, die Sicherheit unserer Truppen zu erhöhen, und ich habe das Gefühl, dass die "Operation Viking" meine Entscheidung
für das Jægerkorpset bestätigt.

Das ist, wonach ich mich gesehnt habe: Nach einer jahrelangen, extrem harten Ausbildung will ich mit meinen Kameraden im Jäger-Korps an einem richtigen Kriegseinsatz teilnehmen. Das war schon mein Traum, als ich mich im Alter von neun Jahren nachts im Tarnanzug aus dem Haus schlich, um in der alten Festung in der Nähe meines Kopenhagener Elternhauses zu spielen.

Und ich träumte ihn weiter, als ich mit 14 Jahren hart zu trainieren begann, um in die königliche Garde zu kommen. Ich denke an das zermürbende Ausleseverfahren und an die Erleichterung zurück, die ich empfand, als ich endlich das burgunderrote Barett und das Jäger-Schulterstück erhielt.

Ich erinnere mich auch noch an meine Enttäuschung und mein Ausscheiden aus dem Korps. Und ich erinnere mich daran, warum ich acht Jahre später in die Einheit zurückkehrte. Ich tat es wegen Einsätzen wie diesem.

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Jäger. Meine Kriegseinsätze als Elitesoldat", erschienen im riva Verlag.

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Er dachte, er wird nur interviewt. Was dann passierte, ist berührend