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Der gefrorene Blick: So stark können die Medien die Entwicklung von Kindern beeinflussen

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CHILD SCREEN
Kind sieht fern | Byron Peter via Getty Images
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THE BLOG

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Aus den inzwischen zahlreich vorliegenden internationalen Untersuchungen zum Fernsehverhalten geht eines klar hervor: Wer seinen Fernsehkonsum bewusst in Maßen hält, sich seine Programme gezielt aussucht und souverän mit der „Aus“-Taste umzugehen weiß, der bringt in der Regel eine Voraussetzung mit, die anderen abgeht: Er verfügt über höhere Bildung!

Diese Bildung aber hat der Betroffene nicht vom Bildschirm gelernt, sondern außerhalb des Fernsehzimmers, durch völlig anders geartete Tätigkeiten wie Schulbesuch, Lektüre von Büchern und Zeitungen, Musizieren, Reisen, Sport, Hobbys und vieles mehr. Erst diese Vielfalt ganz anderer Aktivitäten befähigt ihn, sich dem Sog des Bildschirms erfolgreich zu widersetzen und Herr der Situation zu bleiben. Seine Medienkompetenz wurde also nicht am Medium, sondern jenseits des Mediums erworben.

Medienkompetenz wird nicht vor dem Bildschirm erlernt

Nichtsdestoweniger wird landauf, landab noch immer das überholte Dogma verkündet, Medienkompetenz werde allein am Medium, also auch am Fernseher, erworben. Menschen mit niedrigerem Bildungsniveau folgen solchen Rattenfängertönen nur zu willig, überlassen sich dem Bilderrausch und meinen, der Vorgang des Schauens als solcher werde schon bildend auf sie wirken.

Dass Bildungsprozesse ein hohes Maß an Eigenaktivität, Intellekt und Kritikvermögen, Phantasie und Kreativität verlangen und diese Fähigkeiten durch stundenlanges Starren auf den Bildschirm nicht im geringsten zu erwerben sind, das wird ihnen nicht bewusst.

So gehören sie bald zu jenem in der Forschung oft beschriebenen Typus des Vielsehers, der sich subjektiv wohlig und entspannt fühlt, sich gut unterhalten und gut informiert glaubt, in Wahrheit aber zu den Getriebenen, Gehetzten gehört, die ständig dem Stress unterliegen, nichts verpassen zu dürfen, alles gesehen haben zu müssen, und dennoch nie ein Gefühl der Sättigung erreichen, sondern nach immer neuen „Events“ gieren und nichts mehr fürchten, als die Leere nach dem Abschalten.

Der Wille ist wie gelähmt

Selbst wenn ihnen die körperlichen Symptome sagen, dass sie besser aufhören sollten, finden sie nicht die Kraft dazu, der Wille ist wie gelähmt. Sagen wir es deutlicher: Sie zeigen alle Anzeichen einer schweren Sucht.

Längst wird heute von offiziellen Gesundheitsorganisationen wie der WHO das extensive Fernsehen zu den Suchtkrankheiten gezählt, und man muss schon einem gerüttelten Maß an Selbsttäuschung erliegen, wenn man diese Gefahr, von der sich jedermann zu jeder Zeit durch ehrliche Selbstbeobachtung überzeugen kann, nicht wahrhaben will.

560.000 „Internetabhängige“

Im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts sind zur Fernsehsucht weitere Suchtformen hinzugetreten, vor allem im Bereich der Computerspiele und der verschiedenen Formen der Internetnutzung.

Der Drogen- und Suchtbericht der deutschen Bundesregierung von 2012 sprach von einem „exzessiven oder pathologischen Computerspiel- und Internetgebrauch bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen“, der ständig zunehme. Allein die Zahl der „Internetabhängigen“ wurde mit 560.000 angegeben, und zusätzlich wurden geschätzte 2,5 Millionen als „problematische Internetnutzer“ eingestuft, wobei es sich überwiegend um junge Leute zwischen 14 und 24 Jahren handelte.

Zwar gab es noch keine genaue Definition, ab wann von Sucht im Sinne einer anerkannten Krankheit zu sprechen sei, doch waren sich die Fachleute sicher, dass in der Grauzone zwischen „exzessiv“ und „pathologisch“ mit einer hohen Dunkelziffer zu rechnen sei.

Das Hikikomori-Syndrom als „stille Epidemie“

Die extremste Ausprägung der Bildschirmsucht bildet das sogenannte Hikikomori-Syndrom, das zuerst in Japan beobachtet wurde und von daher seinen Namen bekam.

In Berichten dazu hieß es schon 2006: „In Japan ist das Phänomen offenbar besonders stark verbreitet, immer mehr Eltern bitten dort Psychologen um Hilfe, weil ihre Kinder ihre Zimmer nicht mehr verlassen wollen. Der Psychologe Saito Tamaki spricht von einer „nationalen Tragödie“, die meist junge Männer in der Pubertät erfasse.“

„Hikikomori bedeutet übersetzt so viel wie ‚sich einschließen’ und bezeichnet sowohl das Syndrom als auch die Betroffenen. Das japanische Gesundheitsministerium definiert Hikikomori als Menschen, die ihr Elternhaus für mindestens sechs Monate nicht verlassen – meist isolieren sie sich sogar für Jahre. Die seltsame Krankheit gleicht einer stillen Epidemie. Bis zu 1,2 Millionen junge Menschen, so Tamaki Saito, haben sich gegenwärtig in ihrem Elternhaus eingeigelt, ein Viertel davon seit mehr als fünf, acht Prozent gar seit mehr als zehn Jahren. (...)

Eine erste Studie in eigens eingerichteten Hikikomori-Gesundheitszentren erfasste 2001 über 6.000 Fälle. 40 Prozent der Betroffenen waren zwischen 16 und 25 Jahre alt, ein Fünftel zwischen 25 und 30. (...)

Charakteristisch ist der hermetische Lebensstil der jugendlichen Eremiten: Die meiste Zeit bleiben sie eingeschlossen, schlafen tagsüber und verbringen die Nacht vor ihrem PC oder Fernseher. Ihre sozialen Kontakte jenseits des Internets gehen gegen Null.“

Betroffene spüren ihren eigenen Körper nicht mehr

Auf einen weiteren Aspekt der Medien- und Computersucht weist der Hirnforscher Gerald Hüther hin: „Eine weitere Folge der extensiven Nutzung moderner Medien zur Affektregulation ist, dass sich durch intensives Spielen mit dem Computer die Körperrepräsentanzen verändern, das heißt, die Jugendlichen spüren ihren eigenen Körper nicht mehr (Hervorhebung R.P.).

Wenn man körpereigene Signale immer weniger wahrnimmt, verkümmern letztendlich die Vernetzungen im Gehirn, die für die Wahrnehmung und Interpretation dieser Signale zuständig sind. Das wiederum findet seinen Ausdruck – und das lässt sich schon heute bei manchen Jugendlichen feststellen – in gestörtem Hunger- und Durstgefühl, das Schlafbedürfnis sinkt; in Südostasien sind bereits die ersten computerabhängigen jungen Männer vor ihren Computerspielen verhungert und vertrocknet. Sie konnten die Bedürfnisse ihres eigenen Körpers nicht mehr erkennen.“

Menschen, die in dieser Weise der Bildschirmsucht erliegen, verabschieden sich also nach und nach nicht nur aus der realen Verbindung mit ihren Mitmenschen, sondern auch aus der Verbindung mit ihrem eigenen Körper und in letzter Konsequenz aus dem realen Leben auf dieser Erde. Sie entschwinden in das digitale Nirwana.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch "Der gefrorene Blick. Bildschirmmedien und die Entwicklung des Kindes" von Prof. em. Dr. Rainer Patzlaff. Es erscheint im Verlag Freies Geistesleben.

Digitale Kindheit: In welchem Alter sollten Kinder Smartphones haben? Wie wichtig ist es, früh zu lernen, wie Computer funktionieren? Und: Sind Computerspiele nun schädlich - oder gar nützlich? Diese Fragen machen viele Eltern hilflos.

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