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„Ich habe Angst um mein Baby": In Deutschland fehlen Kinderärzte - das hat dramatische Folgen

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KRANKENHAUS
In vielen deutschen Regionen fehlen Kinderärzte | Getty
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  • Der Mangel an Kinderärzten hat sich zuletzt weiter verschärft
  • Insbesondere für Kleinkinder kann dies dramatische Folgen haben

Maria Malic* ist verzweifelt. Die 40-Jährige ist im neunten Monat schwanger. „Die Geburt steht kurz bevor, aber ich habe noch immer keinen Kinderarzt“, sagt sie.

Zunächst habe sie in ihrem Viertel nach Kinderärzten gesucht. Doch alle Mediziner sagten, sie würden nur Privatpatienten nehmen. Der einzige, der auch Kassenpatienten akzeptiert, hat einen Aufnahmestopp verhängt.

Mittlerweile habe sie zwei Dutzend Ärzte auch in den Nachbarvierteln abgeklappert. „Mich würde es ja nicht stören, ein paar Kilometer zum Arzt zu fahren, aber alle sagen, sie sind voll oder nehmen eben nur Privatpatienten.“

"Ein Skandal im reichen Deutschland"

„Ich habe nur Angst um mein Baby. Was soll mit ihm werden?“, fragt sich Malic. Die Hochschwangere ist sichtlich sauer. Es sei ein „Skandal, dass Eltern im reichen Deutschland keine Kinderärzte finden“, schimpft sie.

Auch andere Münchner Eltern berichten im Gespräch mit der Huffington Post von ähnlichen Erfahrungen. Tatsächlich bestätigen einzelne Kinderärzte auf Nachfrage, dass sie keine neuen Patienten mehr aufnehmen würden.

Der „Münchner Merkur“
betitelte deshalb gerade seine Lokalausgabe mit der Überschrift „Der weite Weg zum Kinderarzt“. So gibt es etwa im vor allem von weniger betuchten Menschen bewohnten Hasenbergl besonders wenige Kinderärzte.

Die einzigen beiden Spezialisten im Viertel hätten gegenüber Eltern abgelehnt, neue Patienten aufzunehmen. „Hier ist es eine Katastrophe“, sagte Ruslan Litvinau, Vater eines sechsjährigen Kindes, der Zeitung.
 

Offiziellen Angaben zufolge sind die Wartezeiten vor allem auf dem Land lang

Laut statistischem Amt der Stadt leben im Bezirk Schwabing-Freimann 8030 Kinder bis 14 Jahre. Vor Ort gibt es 15 Kinderärzte. In Feldmoching-Hasenbergl wohnen 8663 Kinder, doch kümmern sich dort nur zwei Ärzte um sie. Und nicht nur dort – sind Pädiatoren in der bayerischen Landeshauptstadt dem "Merkur"-Bericht zufolge „extrem rar gesät“.
 
Auch anderswo in der Republik gibt es immer wieder Berichte von einem Mangel an Kinderärzten. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) schlug bereits im Frühjahr vergangenen Jahres Alarm: "Momentan gibt es in der ambulanten Versorgung einen Mangel insbesondere in einigen Bereichen von Großstädten wie Berlin und Köln, aber auch in ländlichen Regionen der großen Flächenstaaten.“ Und auch die Zeitung "Welt" konstatierte 2015: "Die Praxen vieler Kinderärzte sind überlaufen."
 
Das liege sicher an den vielen Flüchtlingen, sind manche Eltern wie etwa die Malics überzeugt. Und tatsächlich stellt deren Versorgung in manchen Städten keine leichte Aufgabe dar. Doch klar ist auch: Das Problem der Unterversorgung vielerorts bestand bereits vor der jüngsten Flüchtlingswelle.

Mediziner-Verband: Ärztemangel ist vor allem für Eltern von Neugeborenen problematisch

In einigen Bundesländern wie Bayern gebe es Regionen, „in denen Eltern 30 oder 40 Autominuten bis zum nächsten Kinderarzt fahren müssen", sagte im Frühjahr der BVJK-Präsident Wolfram Hartmann. Besonders problematisch sei dies für die Eltern von Neugeborenen. Denn Babys müssten allein für die vorgeschriebenen Routineuntersuchungen alle paar Wochen zum Kinderarzt.

In Zukunft werde sich die Unterversorgung mit Kinderarztpraxen jedoch "nicht entspannen - sondern wohl sogar verschärfen", orakelte Hartmann.

Eltern warten stundenlang im Auto vor der Praxis

Offenbar behielt der Mediziner-Funktionär Recht. Im oberbayerischen Freising warnte die Lokalzeitung gerade erst vor einem „Engpass an Kinderärzten". Bis zu drei Stunden müssten sich die kleinen Patienten gedulden. Manche Eltern warten mit ihren Kindern bereits im Auto, um nicht statt nur Salbe auch noch Streptokokken mit nach Hause zu nehmen. Ähnliche Schlagzeilen gab es zuletzt in Hof, Regensburg, Hamburg und diversen anderen Städten.

Bis zu 30 Kilometer bis zur nächsten Praxis

Unstrittig sei, dass es im Freistaat "neben etlichen Münchner Stadtteilen ländliche Regionen gibt, in denen es eine Unterversorgung an Kinder- und Jugendärzten gibt", sagt Brigitte Dietz, Pressesprecherin des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Bayern (BVKJ) im Gespräch mit der Huffington Post. Bis zu 30 Kilometer müssten Eltern mit ihrem Nachwuchs im Einzelfall bis zur nächsten Praxis fahren.

Eltern gehen aus Verzweiflung zum Allgemeinarzt - doch das kann dramatische Folgen haben

Mitunter würden Eltern dann mit ihren kleinen Patienten schlicht zum Allgemeinarzt in ihrer Nähe gehen, weiß Dietz und warnt: „Doch das kann im Ernstfall natürlich höchstproblematisch sein, weil die Kollegen meist nicht die speziellen Umstände bei Erkrankungen von Säuglingen und Kindern kennen.“
 
Tatsächlich gelten bei Kindern oft ganz andere Regeln im Umgang mit Krankheiten als bei Erwachsenen. Der renommierte Freiburger Sepsis-Experte Philipp Henneke rät, bei Babys unter vier Monaten bereits bei 38 Grad Fieber zum Arzt oder gleich in die Klinik zu gehen. Säuglinge hätten in den ersten Lebenswochen ein "deutlich erhöhtes Risiko für schwere Infektionen". Bei Erwachsenen ist 38 Grad dagegen noch nicht einmal Fieber.

Im Ernstfall kann es bei Infektionen von Babys auf jede Stunde ankommen

Eine auch als Blutvergiftung bezeichnete Sepsis bei Babys ist selbst für Kinderärzte sehr schwer zu erkennen, für Allgemeinärzte gilt das umso mehr. „Bei einer Sepsis von Babys kommt es auf jede Stunde an“, sagt deshalb auch Michael Dördelmann, Leiter der Kinderklinik Flensburg, im Gespräch mit der Huffington Post. Den kleinen Körpern drohe innerhalb „weniger Stunden ein totaler Verfall.

Lange Wartezeiten oder nicht verfügbare Kinderärzte gefährden deshalb Menschenleben. Um den Mangel in einer Reihe von Regionen zu beheben, müsse die Kassenärztliche Vereinigung schlicht in den betroffenen ländlichen Gegenden die Gründung von mehr Praxen zulassen, so BVKJ-Sprecherin Dietz. Zudem müsse deren Ansiedlung vom Staat besser gefördert werden – etwa durch zinslose Darlehen.

Auch in Notaufnahmen lange Wartezeiten

Doch es kann dauern, bis sich hier eine Lösung findet. Lange war für vom Pädiatoren-Mangel betroffene Eltern der Gang zu den ärztlichen Notdiensten oder in eine Kinderklinik im Ernstfall in der Regel ein Ausweg. Doch zumindest in Münchner Kliniken müssen Eltern mittlerweile oft stundenlang warten, bis ihre Kinder überhaupt begutachtet werden.

Eigentlich sollte das 2012 beschlossene das Landärztegesetz den Ärztemangel auf dem Land abmildern. "Gelungen ist das höchstens in Ansätzen. Im Wesentlichen verfehlt es sein Ziel", resümierte die Bertelsmann-Stiftung jedoch bereits 2014.

Sehr krankes Kind abgewiesen

Besonders lange auf Kinderärzte warten müssen offenbar Kinder von Asylbewerbern. In Jena wurden einem „Bild“-Bericht zufolge jüngst Babys einer Flüchtlingsfamilie von einem Kinderarzt einfach nicht untersucht. Der Behandlungsschein vom Sozialamt sei seit einem Tag abgelaufen gewesen.

Die Pastorin, die die Familie betreut, schimpfte: „So entfielen für zwei Babys nicht nur die notwendigen Impfungen.“ Die nur 6200 Gramm leichte Amelia sei nicht versorgt worden, obwohl sie Durchfall und Erbrechen gehabt habe.

Dabei hat das kleine Mädchen einen mächtigen Fürsprecher: Sie ist das Patenkind von Ministerpräsidenten Bodo Ramelow (Linke). Doch geholfen hat ihr das am Ende nicht.

Maria Malic will es nicht so weit kommen lassen. Sie werde nach dem Verlassen des Krankenhauses in eine Kinderarzt-Praxis gehen – und diese „so lange belagern, bis ich einen Termin bekomme“.


*Name geändert


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