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Darf ich an den Computer? Wie sieht eine sinnvolle Medienerziehung aus?

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Miguel Sanz via Getty Images
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Andrea Kästle: Medienerziehung fordert uns besonders heraus. Wir sind mit Medien nur zum Teil groß geworden, wir kennen uns weniger aus als die Kinder. Und müssen doch einen vernünftigen Rahmen vor­geben.

Mathias Voelchert:
Ich finde, bei dem Thema müssen sich als erstes die Eltern auch selbst fragen: Wie lange sitzen wir eigentlich allabendlich vor dem Fernseher?

Sehr viele Eltern sitzen gar nicht mehr vor dem Fernseher. Die Kinder kleben trotzdem vor der Kiste.

Dann haben sie offenbar nichts Besseres zu tun.

Was früher Drogen waren, sind heute die Medien: eine ideale Blaupause für Schreckensvisionen. Man sieht sein Kind zum »Nerd« werden, blass, schmal, lethargisch. Und computersüchtig.

Angst vor Kontrollverlust und Abhängigkeit hat es immer schon gegeben. Aber Angst ist auch hier ein schlechter Ratgeber. Wir müssen viel früher damit anfangen, einen freundlichen Kontakt zu unseren Kindern aufzubauen. Dass uns dann, wenn es ernst wird, noch geglaubt wird. Dass unsere Jugendlichen verstehen, dass wir ihnen nicht nur den Spaß verderben wollen, wenn wir ihre Me­dien­zeit beschränken.

Eigenverantwortung mit Medien erlernen

Wie sieht eine vernünftige Medienerziehung aus?

Unser Ziel sollte ja sein, dass das Kind möglichst bald selbst den Umgang mit Medien zu steuern in der Lage ist. Was heißt: Mit Vorgaben und strikten Kontrollen allein ist es nicht getan. Und wenn mein Kind immer zu wenig darf, wird sein Heißhunger auf die digitale Welt nur größer. Eltern kommen nicht darum herum, sich auch selbst mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Was heißt das?

Wenn mein Sohn ein Computerspiel will, egal, ob er es sich wünscht oder ankündigt, es sich zu kaufen, nützt es doch nichts, wenn ich es bloß erlaube oder schenke - oder eben nicht. Es ist wichtig, herauszufinden, warum er das Spiel will, überhaupt mich für das Thema zu interessieren. Und dafür wäre es das Beste, ich würde es mit ihm spielen.

Darauf haben sicher die wenigsten Eltern Lust.

Zum Elternsein gehört auch die Beschäftigung mit Dingen, die mich nicht anspringen. Wir müssen uns schon fragen: Welche Eigen­schaften brauchen wir, damit unser Kind einen kompetenten Medienumgang erlernen kann?

Unsere Eltern haben mit uns früher Rommé gespielt oder irgendein Brettspiel. Und heute spielen wir halt mit den Kindern eine Runde Doodle Jump. Bei der wir natürlich gnadenlos verlieren, das freut dann die Kinder. Es macht für mich keinen Sinn, diese Dinge als Irrsinn zu verteufeln.

Mit dem Kind in Kontakt bleiben

Aber Doodle Jump ist auch nicht das Spiel, vor dem Eltern sich fürchten. Was ihnen Sorgen macht, sind Online-Rollenspiele mit ihrem extrem hohen Suchtfaktor und Killerspiele.

Diese Ängste kann ich gut verstehen, aber ich kann mich nur wiederholen. Es kommt jetzt darauf an, in Kontakt zu bleiben mit unseren Kindern. Wir sind doch daran interessiert, dass die Jugendlichen diese Phase gut bewältigen, sie selbst wollen ja auch nicht abstürzen oder süchtig werden. Das sollten wir ihnen auch so sagen. Wenn wir allerdings mit unserem Manierentheater unsere Glaubwürdigkeit verspielt haben, wird es eng.

Ich finde, manchmal geht unser Verständnis für die Jugendlichen zu weit. Warum muss ich mich auf alles einlassen, was von ihnen kommt? Ich kann doch einfach sagen: Bei uns werden keine Computerspiele dieser Art gespielt - und fertig.

Fertig für Sie. Aber damit ist doch der Reiz, den soziale Netzwerke und Spiele auf Ihr Kind ausüben, nicht weggewischt. Es ist die Welt, in der unsere Kinder aufwachsen, wir können die nicht einfach ausblenden.

Und wenn uns die Düse geht, müssen wir die Hosen runterlassen und es aussprechen: »Ich habe Angst, was da kommt, wenn ich sehe, wie viel du momentan am Computer klebst! Ich will auf keinen Fall, dass du sozial verwahrlost! Hör bitte auf, so viel zu spielen!«

Aber ich kann doch sagen: »Von uns bekommst du keinen Computer. Wenn du den unbedingt haben willst, musst du ihn dir selbst kaufen.«

Das können Sie sagen, und das ist wunderbar. Allerdings wäre es dann nett, wenn Sie Ihren Jugendlichen bei der Jobsuche unterstützen. Und vielleicht schießen Sie am Ende ja noch 100 Euro zu. Wenn Sie ihn mit dem Projekt ganz allein lassen, wird seine Verbissenheit nur größer.

Eltern als Verbündete

Man hört viele Horrorgeschichten. Von Jugendlichen, die in Windeln vor dem PC sitzen, weil sie beim World-of-Warcraft-Spielen keine Pause machen wollen. Die ihr Essen mit der Familie nur noch reinschlingen, um gleich wieder in ihre virtuellen Welten abtauchen zu können.

Auf solche Horrorgeschichten will ich in diesem Rahmen nicht eingehen. Wenn es uns als Eltern zu viel wird, muss mein Jugendlicher von mir gehört haben: »Diese Spielerei, die beeinflusst dich, das ist was anderes als eine Wiese mit Gänseblümchen. Dein Gehirn passt sich auf Dauer der Art an, auf die es genutzt wird. Bitte pass auf!«

Manchmal müssen wir auch in den Krieg ziehen für eine gute Zukunft der Kinder. Es kann nicht falsch sein, den Kindern zu sagen: »Ich will unbedingt, dass du diese Phase unbeschadet überstehst!«

Aber ein 15-Jähriger ist vernünftigen Argumenten nicht besonders zugänglich.

Aber er hört sie trotzdem. Es ist wichtig, dass er die Eltern als Verbündete erlebt. Die sich mit ihm zusammen dafür einsetzen, dass er die Pubertät möglichst unbeschadet übersteht.

Ansonsten bleibt mir nur noch, Zeiten festzulegen, zu denen der Computer genutzt werden kann?

Das macht man natürlich, gleichzeitig sagt man auch dazu: »Ich will letztlich, dass du dich selbst zu steuern lernst.« Vielleicht ist es dann sinnvoller, Wochenkontingente zu vereinbaren, dann bleibt dem Jugendlichen mehr Spielraum.

Und wenn er an einem Tag fünf Stunden am Stück gespielt hat, merkt er, was das mit ihm macht. Letztlich bleiben Verbote immer ein unwirksames Mittel, um etwas zu erreichen, dessen sollte man sich bewusst sein.

Fehlende Alternativen

Darf man auch mal den Stecker ziehen?

Unbedingt. Wenn nicht aufgehört wird, obwohl die Zeit abgelaufen ist, und auch schon angemahnt wurde: raus mit der Sicherung.

Vor allem gewitzte, zurückhaltende Jungs sind gefährdet, zu sehr in Online-Rollenspielen abzutauchen. Bei denen können sie ihr Potenzial voll entfalten, ohne zu sehr aus der Deckung zu müssen. Kann ich da nicht gegensteuern?

Was unsere Kinder immer auch brauchen, sind Alternativen. Wirkliche Herausforderungen. Die fehlen ihnen heutzutage komplett. Wir haben keine Aufgaben für sie. Wir sagen ihnen nur, sie sollen bitte mal den Tisch abräumen. Hausaufgaben machen. Was für eine Welt!

Muss da denn nicht die Initiative von den Jugendlichen selbst kommen? Wir fänden es ja toll, wenn sie zum Beispiel anfangen würden, ein Baumhaus zu bauen. Aber man kann sie ja nicht zum Jagen tragen, oder?

Nein, kann man nicht. Aber wir müssen für die Jugendlichen Gelegenheiten schaffen, dass sie Sinnvolles leisten können. Wir sollten sie schon unterstützen. Zum Beispiel darin, einen Job zu finden. Und wenn wir wollen, dass unsere Kinder für etwas brennen, ist es natürlich gut, wenn auch wir mit Leidenschaft unsere Themen verfolgen.

Erwachsenenfreie Räume

Schlimm ist ja auch, dass fast jeder inzwischen ein internetfähiges Handy besitzt. Dann ist der Computer aus, und der Junge daddelt einfach am Handy weiter. Muss ich das auch noch einsammeln?

Ich finde es durchaus passend, wenn die Mutter sagt: »Ich will nicht, dass ihr nonstop am Handy hängt wie an einem Tropf, ich sammle die Dinger regelmäßig ein.« Dann kann man weitersehen, wie es läuft. Worum es mir bei dem Thema aber auch geht, ist, dass wir unsere Jugendlichen unbedingt behandeln sollten wie Erwachsene, bei denen es schon gut gegangen ist.

Zu oft drängen sich unsere Horrorvisionen in ein Zukunftsbild und verunsichern zuerst uns, dann die Jugendlichen. Wir sollten als Eltern daran glauben, dass es gut ausgeht, und dann alles dafür tun, dass es auch so werden kann, statt immer das Schlimmste zu befürchten!

Würden Sie sich auf Facebook mit Ihren Kindern anfreunden?

Nein, würde ich nicht, Jugendliche brauchen erwachsenenfreie Räume. Und das ist ja Facebook für sie. Viel besser finde ich es, von Zeit zu Zeit zu fragen: »Darf ich mal reinschauen, könnt ihr mir erklären, was ihr da so macht?

Ich will, dass ihr dafür in den nächsten Jahren die Verantwortung allein übernehmt.« Das werden die Kinder erst mal vielleicht nicht so toll finden, aber unter der Oberfläche sind sie dankbar dafür, dass man sich interessiert für das, was sie tun.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Ich geh aber nicht mit zum Wandern von Mathias Voelchert und Andrea Kästle.

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