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Digitales Lernen: "Dafür brauchen Sie kein Smartphone, sondern ein funktionierendes Gehirn"

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SCHOOL SMARTPHONE
Kinder mit Smartphones | Antonio_Diaz via Getty Images
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„Bring your own Device (BYOD)“ ist die neue Paraphrase für die Nutzung der eigenen Smartphones im schulischen Unterricht. Dies wird im Besonderen für den frühkindlichen Bereich, also in der Grundschule für das Alter von sechs bis zehn kolportiert.

"Schüler haben fast alle schon Smartphones. Logisch, dass diese auch im Unterricht genutzt werden", so das Argument von Pädagogen und uninformierten Eltern.

Dem Glauben, dass die Smartphone-Nutzung im Unterricht
– ob angeleitet oder nicht - das Lernen fördere, widersprechen aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse. Die Nutzung von digitalen Medien in frühen Lebensjahren führt zu Überforderung, fördert Ablenkung und verhindert Konzentration auf das Reale und Wesentliche.

Kinder entwickeln sich in unterschiedlicher Geschwindigkeit

Darüber hinaus entwickeln sich Kinder in den ersten 13 Lebensjahren in sehr unterschiedlicher Geschwindigkeit. Dies gilt an Schulen im Besonderen für die kognitive und intellektuelle Entwicklung. Diese ist aber zwingend notwendig, um Medienkompetenz zu erlernen und anzuwenden. Den kritischen Umgang mit digitalen Medien einem Siebenjährigen beizubringen, ist und bleibt eine Utopie.

Daher plädiere ich für einen altersgerechten Einsatz von digitalen Medien im Unterricht und empfehle, von Tablets und Smartphones in Kitas und Grundschulen so viel Abstand wie nur möglich zu nehmen. Ein Kindheit ohne Computer ist der beste Start in das digitale Zeitalter.

Damit wirken Sie der stetig voranschreitenden Oberflächlichkeit in der Informationsverarbeitung entgegen und bestärken die Notwendigkeit, reale Gegebenheiten des jungen Lebens geistig tiefer zu reflektieren. Dafür brauchen Sie kein Smartphone, sondern ein funktionierendes Gehirn. Smartphones fördern hingegen die oberflächliche Wahrnehmung von Informationen. Nur noch Bilder, Videos und Überschriften werden rezipiert, aber nicht mehr der tiefere Inhalt und Sinn der Information.

Kinder brauchen Raum für reale Beobachtungen

Es ist daher notwendig, Kindern Raum und Möglichkeiten zu geben für

  1. die Reflexion von realen Beobachtungen
  2. den Schutz gegen die stetige und dauerhafte Überinformation
  3. das Erlernen von individuellen Lernstrategien
  4. die Gewinnung der Erkenntnis, dass Wissen auf einem Chip nicht der Weg in ein glückliches Leben bedeutet
  5. die tiefgehende Reflexion von Schlagwörtern und Buzzwords der heutigen Wirtschafts- und Medienindustrie

Die Leistungsfähigkeit ist höher, wenn mit der Hand geschrieben wird

Auch Kim Deongsik, Professor für Educational Technology an der Seouler Hanyang Universität in Südkorea - einem Land mit einer hohen Anzahl von Medienabhängigen - fordert ein Umdenken in seinem Land: „Die jungen Menschen müssen zu selbständigem Denken angeregt werden, nicht zu einfacher Nachahmung."

Für ihn steht fest: Die Einführung des digitalen Textbuches und des Verdammens von Handschrift und Kopfrechnen in Korea soll in erster Linie die technische Leistungsfähigkeit des Landes demonstrieren. Gleiches ist der Rhetorik von Digital-Apologeten in Deutschland zu entnehmen.

Wissenschaftlich ist es längst erwiesen, dass die Lernfähigkeit höher ist, wenn mit der Hand geschrieben wird (z. B.: Mueller/Oppenheimer 2014). Das tiefere Verständnis ist bei Handschreibern deutlich höher als bei den „Wischtippern“.

Medienkompetenz ohne Computer

Will man nun tatsächlich Medienkompetenz erreichen, heißt das, kognitive und intellektuelle Kompetenzen zu entwickeln. Das geht im Besonderen in den ersten 9 bis 13 Lebensjahren vor allem ohne Computer. Stattdessen sollten Pädagogen, Eltern und Bildungsmanager auf die geistigen und intellektuellen Möglichkeiten des Menschen Rücksicht nehmen. Diese sind sehr unterschiedlich und abhängig vom Lebensalter.

Die Entwicklung zur Selbstbestimmung eines später erwachsenen Menschen hängt von seinem individuellen Entwicklungsstand ab und verdient den höchsten Respekt. Wer das bestreitet, ist entweder naiv, uninformiert, ein Opfer skrupellos-kommerzieller Interessen oder betreibt selbst Propaganda für ein Milliardengeschäft.

Prof. Dr. Gerald Lembke hat mit Ingo Leipner das Buch "Die Lüge der digitalen Bildung: Warum unsere Kinder das Lernen verlernen" verfasst. Es erscheint im Redline Verlag.

Digitale Kindheit: In welchem Alter sollten Kinder Smartphones haben? Wie wichtig ist es, früh zu lernen, wie Computer funktionieren? Und: Sind Computerspiele nun schädlich - oder gar nützlich? Diese Fragen machen viele Eltern hilflos.

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