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Liebe Alice Schwarzer: Wer Sie noch ernst nimmt, hat nicht mehr alle Tassen im Schrank

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ALICE SCHWARZER
Alive Schwarzer macht schon länger Stimmung - mittlerweile auch gegen Flüchtlinge | Getty/dpa/HuffPost
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Liebe Alice Schwarzer,

es kommt mir heute seltsam vor, aber: Es gab Zeiten, in denen ich Ihre Ideen sympathisch fand. Ich bin 35 Jahre alt, und für mich ist die Idee der gesellschaftlichen und rechtlichen Gleichstellung der Geschlechter etwas völlig Normales.

Ich habe Sie einst gefeiert für Ihr Streitgespräch mit der stumpf daher plappernden Feminismus-Mattscheibe Verona Pooth. Wahrscheinlich sind Sie mitverantwortlich dafür, dass ich mit anderen Rollenbildern aufgewachsen bin als die Generationen meiner Eltern und Großeltern. Dafür bin ich Ihnen dankbar.

Und nun Schluss mit den Nettigkeiten.

Mir will es nicht in den Kopf hinein, warum Sie seit Jahren in aller Öffentlichkeit am Rad drehen, wenn es um das Thema Islam geht. Was Sie publizieren, grenzt an rechtspopulistische Hetze. Es sind verirrte und bisweilen auch reichlich verwirrte Texte.

Sie reden bewusst jenen das Wort, die vor einer "Islamisierung des Abendlandes“ warnen. Und in ihrer kulturreaktionären Verbohrtheit glauben Sie auch noch allen Ernstes, sie würden immer noch für die Sache der Frauen kämpfen. Darauf muss man erst einmal kommen.

Man muss sich das mal vorstellen in was für ein Milieu Sie sich da begeben: Pegida-Gründer Lutz Bachmann hat schon längst seine Sympathien für Sie bekundet. Und Sie nahmen vor gut einem Jahr Pegida in Schutz, und das angeblich „berechtigte Unbehagen“, das auf den Demos zum Ausdruck käme.

Zur Erinnerung: Pegida - das ist jenes Konglomerat von Menschenkritikern, das die von Ihnen einst unterstützte Bundeskanzlerin Angela Merkel ganz gerne mal als „Fotze“ beschimpft.

Wo selbst gleichsam rassistisch argumentierende weibliche Gastrednerinnen wie die rechtsradikale belgische Politikerin Anke Van dermeersch mit Catcalls und ähnlichen sexistischen Anmachen auf der Bühne begrüßt werden, wie zum Beispiel im Dezember in Dresden.

Mit solchen frauenfeindlichen Deppen fühlen Sie sich ernsthaft verbunden?

Eigentlich müssten da doch alle Alarmsignale bei Ihnen aufleuchten. Sie auf der Seite jener, die sich vergnügt über die Körbchengröße von Politikerinnen wie Frau Van dermeersch begeistern und Andersdenkende zu Sexualobjekten herabwürdigen. Sie hätten zu jeder Zeit merken müssen: Diese Leute wollen keine Gesellschaft, in der alle Menschen gleichberechtigt leben können.

Aber womöglich wollen sie das auch nicht. Und wir hätten das alle schon viel früher sehen können, wenn wir das nur gewollt hätten.

Das von Ihnen verantwortete Magazin „Emma“ jedenfalls tut sich schon seit gut zwei Jahrzehnten mit undifferenzierter „Islam-Kritik“ hervor. Zum Beispiel im Jahr 1997, als bei Ihnen der damalige Verfassungsschutzpräsident Peter Frisch vor „bürgerkriegsähnlichen Verhältnissen“ durch einen angeblich immer stärker werdenden Islamismus in Deutschland warnen durfte.

Mehr als 19 Jahre sind seitdem schon vergangen. Seit einiger Zeit setzen rechte Terroristen gezielt Asylbewerberheime in Brand. Doch von einem Dschihad ist Deutschland immer noch weit entfernt. Was auch daran liegt, dass die überwältigende Mehrheit der friedlich in diesem Land lebenden Muslime diese von Ihnen verbreiteten Horrorvorstellungen als Nonsens entlarvt hat.

Aber Sie wurden nicht müde, vor dem Untergang des Abendlandes zu warnen. So zum Beispiel in ihrem Buch „Die große Verschleierung“ von 2011, das selbst die konservative FAZ als, Zitat, „jakobinischen Kreuzzug“ bezeichnete.

Doch vollends abgedreht wurden Ihre Positionen erst mit dem Aufstieg der so genannten „Islam-Kritiker“ in Deutschland, denen Sie derart peinlich-solidarisch das Wort redeten, dass es der versammelten deutschen Frauenbewegung flau im Magen wurde.

Dabei sei gesagt: Natürlich muss man über Probleme diskutieren, die es offensichtlich gibt. Aber nicht so wie Sie es tun. Sie gießen Öl ins Feuer, wo sie nur können. Weil es Ihnen immer schwerer fällt, Menschen für sich genommen zu betrachten – und nicht als Zielgruppe von pauschalen Anwürfen.

Ihre persönliche Schreibstube ist mittlerweile zum Zentrum des politischen Wahnsinns geworden. Nach den Wahlerfolgen der AfD bei den Landtagswahlen im März diesen Jahres schrieben Sie allen Ernstes: „Es war falsch, die Partei zu dämonisieren. Denn die AfD-Wählerinnen sind nicht die Anderen – es sind wir selber. Es sind nicht nur Nichtwählerinnen, sie kommen auch aus der Union und SPD oder von den Grünen. Ihre Ängste müssen ernstgenommen werden.“

Dass es womöglich nicht die „Ängste“ waren, sondern die von Rechtsradikalen mit steigendem Erfolg ausgenutzte Spaltung der Gesellschaft (wie viele Politologen und Soziologen feststellen), das wollen sie nicht verstehen.

Bemerkenswert übrigens ist Ihre äußerst holprige Argumentation zu der weiblichen Wählerschaft der AfD: Die ist in der Tat klein. Und sie wächst bisher auch keineswegs. Auch wenn Sie sich das angesichts der von Ihnen beobachteten „Angst“ der Frauen vor dem Islam noch so sehr wünschen würden.

Ganz zu schweigen von dem entsetzlichen Unsinn, den Sie nach den in der Tat widerlichen Silvester-Attacken von Köln geschrieben haben. Zu einem Zeitpunkt, da die polizeiliche Aufklärungsarbeit gerade begonnen hatte, wussten Sie schon, dass auch „syrische Flüchtlinge“ unter den Tätern waren.

Das war in diesem Moment und vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion nichts weiter als Stimmungsmache gegen die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin – und ein Spiel mit rassistischen Vorurteilen.

Sie warnten vor dem „blauäugigen Import von Männergewalt“ und vor jungen Männern, die den „Krieg“ in ihren Heimatländern auf deutschen Straßen nachspielen wollten.

Man fragt sich, um es mit den „Sternen“ zu sagen, was Sie bloß so ruiniert hat, Frau Schwarzer.

Ist es ihr frappierender Hang zur Besserwisserei und Selbstgerechtigkeit, der auch in Ihrer Steueraffäre zu erkennen war? Oder ist es Bosheit gegenüber einem Land, das Sie schon längst nicht mehr verstehen?

Sie haben jetzt ein neues Buch geschrieben. Es handelt von den Übergriffen in Köln. Der Islamwissenschaftler Bassam Tibi warnt in dem Vorwort davor, dass Gewalt gegen Frauen etwas sei, dass der islamisch-arabischen Kultur innewohne.

Sie werden für das Werk Applaus bekommen. Von Pegida, von der AfD, und von allen anderen Angehörigen der lauten Minderheit, die glaubt, dass in diesem Land „irgendwas schief läuft“.

Diejenigen, denen tatsächlich etwas an der Zukunft dieses Landes liegt, werden Sie nicht mehr erreichen. Denn Sie haben selbst dafür gesorgt, Frau Schwarzer, dass man Sie nur noch dann ernst nehmen kann, wenn man nicht mehr alle Tassen im Schrank hat.

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