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"Warum bleibt ihr bei den Schwatten?" Eine Putzfrau knöpft sich Gabriel vor - und zeigt, was bei der SPD wirklich schiefläuft

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  • Bei einer SPD-Veranstaltung stiehlt eine Putzfrau aus NRW Parteichef Gabriel die Show
  • Ihre unangenehmen Fragen zeigen, was den Sozialdemokraten derzeit wirklich fehlt

Erst krank, dann obskure Rücktrittsgerüchte: Die vergangenen Tage dürften nicht zu den Höhepunkten in Sigmar Gabriels Polit-Laufbahn gehört haben. Wobei - von Höhepunkten sind sie in der SPD ja gerade ohnehin Lichtjahre entfernt.

Ein Auftritt von Gabriel sollte daher am Montag ein wenig vom dem geraderücken, was zuletzt mächtig ins Wanken geraten war: die Glaubwürdigkeit der Sozialdemokraten. Auf der SPD-Wertekonferenz im Berliner Willy-Brandt-Haus räumte der SPD-Chef in einer rund 45-minütigen Grundsatzrede strategische Fehler seiner Partei ein: "Wir sind ein bisschen zu viel Staat, und zu wenig soziale Bewegung", sagte Gabriel.

Ob die SPD-Depression damit gelindert werden kann - fraglich.

In Erinnerung dürfte daher auch eher Gabriels Podiums-Gespräch mit Putzfrau "Susi" Neumann bleiben. Die 38-jährige Frau aus Gelsenkirchen, die sich schon vor einigen Wochen bei "Anne Will" mit der NRW-Regierungschefin Hannelore Kraft ein heftiges Rededuell geliefert hatte, stahl Gabriel die Show - mit einer ziemlich direkten Antwort auf die jüngste Ratlosigkeit in der SPD-Spitze:

"Wenn 'ne Reinigungskraft dir das sagen könnte, wie du das hinkriegst...ich würde es tun. Ich würde es wirklich tun", sagte Neumann und sorgte bei den Parteimitgliedern und Gabriel für Gelächter. Zuvor hatte der SPD-Chef gefragt: "Was soll ich jetzt machen? Rausgehen und alles so beschissen lassen? In der Hoffnung, wenn's ordentlich schlecht ist, wählen sie hinterher SPD?"

Neumann, die im Januar von Kraft zu einer SPD-Mitgliedschaft überredet worden war, leistet jetzt so etwas wie Wahlkampfhilfe für Gabriel & Co. "Wenn die SPD weg ist, haben wir ja überhaupt nichts mehr." Gabriel stimmte ihr zu: "Ich finde das ein nachvollziehbares Argument."

"Warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?"

Als sich die 38-Jährige darüber aufregt, dass die SPD nichts gegen befristete Arbeitsverträge in der Wirtschaft tue, sagt Gabriel, dass es mit der Union nicht zu machen gewesen sei. "Warum bleibt ihr dann bei den Schwatten?", fragt Frau Neumann in die Runde. Der Saal jubelt.

Zuletzt hatte es Gabriel, der die Partei nach der Wahlpleite 2009 aus der Krise und 2013 in die große Koalition mit der Union führte, schwer in seiner Partei. Das hat mehrere Gründe:

  • Kurswechsel: Ob die Diskussion mit Pegida-Leuten in Dresden, die Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung oder der zeitweise diskutierte Rauswurf Griechenlands aus der Eurozone - Gabriel stößt seine Partei regelmäßig mit nicht abgesprochenen Alleingängen und Interviews vor den Kopf.
  • Stilfragen: Gabriel wird selbst von Kritikern zugebilligt, dass er wie kaum ein anderer Politiker Stimmungen riechen und daraus politisch Kapital schlagen kann. Oft hat er aber sein Temperament nicht im Griff, reißt dann ein, was er gerade aufgebaut hat. So zofft er sich nicht nur mit TV-Journalistinnen, sondern auch mit SPD-Funktionären, die er für verbohrt hält. Beim Parteitag ließ er sich von Juso-Chefin Johanna Uekermann provozieren, die er rüde abkanzelte. Das kostete ihn einige Prozentpunkte. Ein Versöhnungsgespräch soll nicht wirklich etwas gebracht haben. Auch Justizminister Heiko Maas oder Ex-Generalsekretärin Yasmin Fahimi wurden von Gabriel auf offener Bühne verspottet.
  • Strategie: Bis in die Parteispitze hinein gibt es erhebliche Zweifel, ob Gabriel ein Rezept hat, die SPD erfolgreich aus dem 20-Prozent-Loch zu führen. Im Dezember sollte die SPD nach seinem Willen noch wirtschaftsfreundlicher werden, jetzt geht es wieder mehr nach links. Bislang sieht es so aus, als ob der 56 Jahre alte Bundeswirtschaftsminister dennoch im nächsten Jahr Kanzlerkandidat wird. Gabriels Rivalen Andrea Nahles oder Olaf Scholz wollen 2017 nicht den Kopf hinhalten, warten auf bessere Zeiten. So bleibt es bis auf weiteres in der SPD bei der One-Man-Show Gabriel.

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