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Wir erziehen unsere Kinder zu Soziopathen

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CHILD ANGRY
Wir erziehen unsere Kinder zu Soziopathen | Bruno Maccanti Pescador via Getty Images
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Kinder kommen unschuldig zur Welt. Es ist ihr Umfeld, das aus ihnen gute oder böse Menschen macht. Und in diesem Punkt haben wir als Gesellschaft versagt.

Wenn wir weitermachen wie bisher, erziehen wir eine Generation gefühlloser und rücksichtsloser Kinder. Junge Menschen, die sich nicht in andere hineinversetzen können. Oder noch schlimmer: Es gar nicht wollen. Wir erziehen kleine Soziopathen.

Sozial sein bedeutet heute also, andere Menschen zu manipulieren?

In der Schule lernen Kinder chemische Formeln, Gedichtinterpretation und Exponentialgleichungen. Soziale Werte stehen nicht auf dem Lehrplan. Wie man mit anderen Menschen umgeht. Was Menschlichkeit, Respekt und Empathie bedeuten.

"In den neuen Kompetenzzielen für Schüler ist das soziale Verhalten nur in Form einer 'Sozialtechnologie' enthalten", sagt der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin. "Das heißt, Jugendliche sollen lernen, wie sie ihr Verhalten effektiv einsetzen, um ihre beruflichen Ziele zu erreichen."

Wie absurd ist das denn? Sozial sein bedeutet heute also, andere Menschen zu manipulieren? Ich erinnere mich mit Schrecken daran, wie zwei Mitschüler in der sechsten Klasse eine Lehrerin zum Weinen brachten. Immer wieder verhöhnten sie die Frau mit dummen Sprüchen und Beleidigungen. Sie verspotteten ihr schütteres Haar. Es war grausam.

"Da kommt eine Lawine auf uns zu."

Das hatte mit kindlicher Unbekümmertheit nichts mehr zu tun. Diese 12-jährigen Jungen wussten genau, wie sie unsere Lehrerin verlezten konnten. Und sie taten es mit Absicht. Warum? Vermutlich nur, um dem langweiligen Englischunterricht zu entgehen.

Natürlich ist das ein extremes Beispiel, aber es sieht auch allgemein nicht gut aus. "Wir stellen immer mehr fest, dass Kinder sich nicht mehr ausreichend in andere einfühlen können", sagt Karl Heinz Brisch, leitender Oberarzt an der Kinder- und Poliklinik der Ludwig-Maximilian-Universität München. Dies werde sich voraussichtlich in den nächsten Jahren noch verschlechtern. "Da kommt eine Lawine auf uns zu."

Tatsächlich hat eine Studie ergeben, dass Studenten heute viel weniger einfühlsam sind als noch vor 20 Jahren.

Es gibt viele Gründe für die kollektive Verrohung. Unsere Kinder werden zum Beispiel in zu großen Kita-Gruppen betreut. Sie verbringen außerdem immer mehr Zeit mit technischen Geräten.

Die Folgen sind dramatisch - und sie betreffen alle Gesellschaftsschichten

Und: Statt des gesellschaftlichen Zusammenhalts zählt die Leistung des Einzelnen. Heute kann es jeder nach oben schaffen. Dafür ist aber auch jeder für sich selbst verantwortlich. Wer nicht bestehen kann, fällt durch die Maschen des Systems und gilt als Versager. Also lernen Kinder früh, die Ellenbogen auszufahren. Die Folgen sind dramatisch - und sie betreffen alle Gesellschaftsschichten.

Kinder aus sozial schwachen Familien werden oft schon von ihren Eltern vernachlässigt. Viele beherrschen in der Schule nicht einmal grundlegende Umgangsformen, die ihnen überforderte Lehrer auch später nicht beibringen können. "Hallo" und "Danke" sagen. Anderen zuhören. Pünktlich sein.

Doch auch in höheren Schulen machen Lehrkräfte erschütternde Beobachtungen. "Auch auf dem Gymnasium fehlt den Schülern jedes Verständnis dafür, dass sie Teil einer Gemeinschaft sind", wird die Umgangstrainerin Miriam Hanke in dem Buch "Die Rüpel-Republik - Warum sind wir so unsozial?" zitiert. Als Lebensziel hätten die meisten angegeben, reich werden zu wollen. Um jeden Preis.

Hanke erzählt von Jugendlichen an einem Berliner Gymnasium, die schwächere Schüler drangsalieren. "Die wurden zum Teil zu Sklaven gemacht, indem man sie losgeschickt hat, damit sie mit ihrem eigenen Geld Brötchen für die Stärkeren kaufen."

Was ist, wenn diese Kinder erwachsen sind? Wie sieht eine Gesellschaft aus, in der es immer mehr Soziopathen gibt? Ich mag es mir kaum vorstellen. Es ist Zeit, zu handeln. Jetzt.

Soziale Werte in den Stundenplan integrieren

Der Bildungsforschert Wolfgang Edelmann fordert in seinem neuen Buch, soziale Werte in den Stundenplan zu integrieren. Schüler müssen moralisch urteilen, politisch diskutieren und demokratisch handeln können."

Statt Frontalunterricht abzuhalten, sollen Lehrer mit den Kindern an gemeinsamen Projekten arbeiten. Die Schüler sollen mitbestimmen dürfen, wie der Unterricht gestaltet wird. Sie sollen weniger zuhören und mehr diskutieren. Sie sollen Konflikte gemeinsam als Klasse lösen.

Es ist mehr als ein schöner Traum. Es kann wirklich funktionieren. In Spanien zum Beispiel gibt es an einigen Schulen das Fach "emotionale Intelligenz". Die Lerninhalte: Vertrauen, Respekt, Verantwortungsbewusstsein. Laut einer Studie sind die Schüler dadurch selbstsicherer geworden. Sie sind weniger ängstlich und können ihre Gefühle klarer ausdrücken.

Freiburg: Erste Versuche in Deutschland

Auch in Deutschland gibt es erste Versuche, soziale Werte als Schulfach zu etablieren. An einer Grundschule in Freiburg üben die Kinder Selbstvertrauen, Empathie und Problemlösungsverhalten.

Wissenschaftler haben das Projekt zwei Jahre lang begleitet. Sie stellen fest, dass die Kinder nicht nur an Selbstvertrauen gewonnen haben. Sie sind auch intelligenter geworden.

Worauf warten wir also noch? Wir sollten die verstaubten und durchprofessionalisierten Lehrpläne überarbeiten. Und Kindern die Fähigkeiten mit auf den Weg geben, die sie später wirklich brauchen.




Jedes Kind braucht die Chance auf Bildung

Egal wo auf der Welt: Ohne Bildung haben Kinder aus armen Familien in der Regel keine Chance. Doch die ist mitunter teuer - und so vergrößert sich vielerorts das Ungleichgewicht. Dieses Problem versuchen Organisationen in aller Welt zu lösen.

Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post einige spannende Projekte, die jeder unterstützen kann.

Viele Kinder aus sozial schwachen Familien haben niemanden, der sich um ihre alltäglichen Sorgen kümmert. Ein Blick auf die Hausaufgaben, Konflikte mit Freunden - oder Gesundheitsprobleme: In dem Münchner Projekt Lichtblick Hasenbergl unterstützen Pädagogen junge Menschen bei all diesen Fragen. Hier erfahrt ihr mehr zu der Initiative.

In Ruanda haben 400.000 Kinder keine Chance auf einen Platz in der Schule; besonders Waisen und Mädchen sind benachteiligt. Das Projekt "Schulen für Afrika" von Unicef ermöglicht tausenden Kindern den Zugang zu Bildung. Hier könnt ihr die Initiative unterstützen.

Ein zuverlässiges Transportmittel kann für Menschen in einem Entwicklungsland alles verändern. World Bicycle Relief stattet Menschen in ländlichen Regionen Afrikas mit Fahrrädern aus und schenkt ihnen damit ein großes Stück Lebensqualität. Hier geht es weiter zu diesem faszinierenden Projekt.

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