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„Ich bin vor den Islamisten geflohen und begegne ihnen jetzt im Flüchtlingsheim"

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FLUECHTLING
Flüchtlinge, Symbolbild | Getty Images
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„Ich bin vor den Islamisten geflohen und begegne ihnen jetzt im Flüchtlingsheim.“ So drastisch fasst Fadi S. seine Situation in einer deutschen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge zusammen. Der junge Mann ist Christ und vor dem Islamischen Staat aus Syrien nach Deutschland geflohen.

Aber seine Konfrontation mit radikalen Islamisten sei damit nicht vorbei gewesen, berichtet der Flüchtling. Fadi S. sprach auf einer Pressekonferenz über die Situation von christlichen Flüchtlingen in Deutschland, die von mit mehreren Hilfs-
und Menschenrechtsorganisationen organisiert wurde, wie der AVC ("Aktion für verfolgte Christen und Notleidende“), dem Zentralrat orientalischer Christen in Deutschland, der Kirche in Not und die IGFM (Internationale Gesellschaft für Menschenrechte).

Christliche Flüchtlinge werden schikaniert

Sie wenden sich an die Öffentlichkeit, um auf die prekäre Situation religiöser Minderheiten in deutschen Flüchtlingsheimen aufmerksam zu machen.

Das internationale Hilfswerk Open Doors, das sich für verfolgte Christen einsetzt, hat in zwei Monaten 231 Vorfälle aus ganz Deutschland dokumentiert. Die Organisation verteilte Fragebögen über Helfer an christliche Flüchtlinge. Das Ergebnis: 88 Prozent berichten von Problemen mit anderen Geflohenen, 50 Prozent von Problemen mit dem Wachpersonal. Ein Viertel der Teilnehmer gab sogar an, Todesdrohungen bekommen zu haben – aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit.

Der Zentralrat orientalischer Christen in Deutschland hat eine Notfall-Hotline eingerichtet, bei der an Spitzentagen bis zu hundert Anrufe betroffener Christen aus Flüchtlingsheimen eingehen, häufig mit Meldungen zu gewaltsamen Übergriffen.

Dieser Befund sei nur die Spitze des Eisbergs

Das sei nur die Spitze des Eisbergs, befürchten die christlichen Hilfsorganisationen. Volker Baumann von der AVC geht von einer Dunkelziffer von etwa 10.000 Menschen aus, die in Flüchtlingsheimen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit Übergriffe erleiden würden. Viele Betroffene hätten jedoch Angst, die Übergriffe zu melden.

Auch Fadi S., der seit neun Monaten im Flüchtlingsheim lebt, will seinen vollen Namen nicht preisgeben. Er berichtet, dass ihm ein paar Mitflüchtlinge erzählt hätten, das sie nach Deutschland gekommen seien, um für die Terrororganisation Islamischer Staat zu missionieren.

Sobald diese Mitflüchtlinge, die er zu den radikalen Islamisten zählt, erfahren hätten, dass er und seine Freunde Christen seien, hätten sie sie systemtisch schikaniert - wie beispielsweise durch Anzeigen beim Sozialamt. "Ich bin vor den Islamisten geflohen und begegne ihnen jetzt im Flüchtlingsheim“, sagt Fadi S.

Auch Ramin F. fühlt sich in einem Flüchtlingsheim in Brandenburg aufgrund seines Glaubens bedroht: Der Christ aus dem Iran berichtet davon, dass ihm Essen geklaut werde und er von Mitflüchtlingen aufgrund seiner christlichen Religionszugehörigkeit beschimpft und provoziert werde. "Wir wurden bedroht und uns wurde jedes Sicherheitsgefühl genommen. Ich habe Angst um mein Leben, leide deswegen unter Stress und habe psychische Probleme“, sagt er.

Es sei für die Betroffenen schwierig, sich zu wehren


Es sei für die christlichen Flüchtlinge schwierig, sich zu wehren
, so die Hilfsorganisationen. Die Ermittlungen bei Anzeigen seien oft langwierig, während die Anzeigensteller den Schikanen der Täter in den Flüchtlingsheimen hilflos ausgesetzt seien, berichtet der Berliner Pfarrer Gottfried Martens, der sich für christliche Flüchtlinge einsetzt.

Als Ansprechpartner seien auch das Wachpersonal und die Dolmetscher eher ungeeignet, da diese teilweise einen "konservativ-muslimischen Hintergrund“ hätten und dabei nicht geneigt seien, den Problemen von Christen Gehör zu schenken - so formuliert es Pfarrer Martens.

Dadurch hätten die christlichen Flüchtlinge niemanden, an den sie sich bei Problemen wenden könnten. In der gleichen Situation befänden sich ebenso andere religiöse Minderheiten wie beispielsweise Jesiden.

"Es herrscht ein Klima der Angst“

"Es herrscht ein Klima der Angst“, sagt Markus Rode von Open Doors. Die Kirchen und die Politik wollten von diesen Vorfällen nichts hören und sprechen von Einzelfällen, kritisieren die christlichen Hilfsorganisationen übereinstimmend. Sie appellieren an die Regierung, sich den Problemen christlicher Flüchtlinge endlich anzunehmen.

Pfarrer Martens berichtet von einer Heimleitung in Berlin, die Christen auf dem Boden schlafen ließ. "Letzte Woche haben wir fünf Menschen aus den Heimen geholt. Die Gemeinde muss auffangen, wo der Staat versagt. Aber wir stoßen an unsere Grenzen, wo wir noch Hilfe leisten können. Muss jetzt auch noch der letzte christliche Flüchtling angegriffen werden, bis das verstanden wird?“, fragt der Pfarrer.

Die Organisationen fordern eine getrennte Unterbringung von den Flüchtlingen, die in der Einrichtung einer religiösen Minderheit angehören, und eine Erhöhung des Anteils von nicht-muslimischem Wachpersonal. Die Behörden sehen jedoch bisher keinen großen Handlungsbedarf.

So äußerte sich Lageso-Pressesprecher Sascha Langenbach im Januar diesen Jahres gegenüber dem Deutschlandfunk kritisch zu den Vorwürfen, dass Wachleute christliche Flüchtlinge drangsalieren würden. "Das sind Araber und Türken – ist eine Pauschalisierung. Es gibt normale Deutsche, Menschen, die vom Balkan kommen. Ich weiß nicht, ob da nicht auch Süd-Schweden dabei sind. Aber dieser pauschale Vorwurf, die Security machen dies und jenes, das ist mir zu kurz gegriffen", sagte Langenbach dem Deutschlandfunk. Es gäbe zudem genügend Sozialarbeiter, an die sich die Flüchtlinge wenden könnten, wenn sie Probleme hätten.

Das sehen die christlichen Hilfsorganisationen anders: Rode wünscht sich, dass die Regierung sich der Situation religiöser Minderheiten in deutschen Flüchtlingsheimen annimmt und eine öffentliche Debatte anstößt – die nicht dem Populismus dient, sondern den Betroffenen hilft.

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Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

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Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

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