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RB Leipzig: An die arroganten Wessis, die Leipzig den Bundesliga-Fußball nicht gönnen

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Liebe westdeutsche Fußball-Nostalgiker:

Merkt ihr eigentlich nicht selbst, wie lächerlich ihr euch gerade macht?

Am Sonntag hat RB Leipzig den Aufstieg in die erste Bundesliga perfekt gemacht. Erstmals seit 21 Jahren wird Sachsen wieder im Fußball-Oberhaus präsent sein. Zur Erinnerung: Damals, in der Saison 1994/95, wurde Dynamo Dresden die Profi-Lizenz entzogen. Helmut Kohl war damals Bundeskanzler, Pluto noch ein Planet. Und Mario Götze strampelte auf seinem Dreirad um den Weihnachtsbaum.

Alle Traditions-Fetischisten unter euch könnten sich nun freuen: Dass der Fußball endlich wieder dort hin zurück kehrt, wo im Jahr 1900 der DFB gegründet wurde und mit dem VfB Leipzig der erste deutsche Meister zu Hause war. Wo Auswärtsfahrten künftig mitten in der alten Schüssel des früheren Zentralstadions enden – einst Deutschlands größtes Stadion und Schauplatz von Fritz Walters Hackentrick-Jahrhunderttor im Jahr 1956.

Doch stattdessen geifert ihr über den „Brauseclub“ aus Leipzig, den „Marketing-Gag“ von Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz, diese „seelenlose Kommerz-Scheiße“ mit Kunstnamen und ohne Geschichte.

Kritik ist im Osten weitgehend verstummt

Im Osten gab es diese Stimmen auch einmal. Doch mittlerweile ist davon kaum mehr etwas zu hören. Für die Stadt Leipzig könnte der Aufstieg zum echten Segen werden, die ganze Region könnte davon profitieren.

Dass die Kritik immer noch vor allem aus dem Westen kommt - wie zum Beispiel im März, als Fans des Karlsruher Sportclubs den Leipziger Trainer Ralf Rangnick als "Hure" titulierten - lässt eigentlich nur zwei Vermutungen zu: Entweder, die Wessis unter den deutschen Fußballfans haben ein riesiges Problem damit, sich in die Lage der lange Zeit nicht unbedingt von Erfolg verwöhnte ostdeutsche Fußballlandschaft einzufühlen.

Oder sie haben einfach keinen Bock darauf, ihre vom westdeutschen „Traditions“-Verständnis geprägte Fußballwelt für ein Projekt wie den RB Leipzig zu öffnen. Wie auch in vielen anderen Bereichen, wo "Tradition" und "Geschichte" allzu schnell gleichgesetzt werden mit "westdeutscher Tradition" und "westdeutscher Geschichte".

Endlich kann ein ostdeutscher Club oben mitspielen

Dabei kommt der Aufstieg des Clubs einer kleinen Revolution gleich.

Als Energie Cottbus vor Jahren zum bisher letzten Mal in die Bundesliga aufstieg, fragten sich alle, wie lange der Club mit dem Mini-Etat, dem Stadion aus den Zeiten der Weimarer Republik und dem Kader voller unaussprechlicher Schnäppchen-Profi-Namen sich in der ersten Liga halten könnte. Bei Leipzig rätselt man derzeit, wann der Kampf um die Champions-League-Plätze realistisch wird.

Der ostdeutsche Fußball hatte mehr als 20 Jahre lang mit den Folgen der Wiedervereinigung zu kämpfen. Während im Westen schon Anfang der 60er-Jahre mit der Schaffung der Bundesliga die Grundlage für das moderne Profigeschäft gelegt wurde, verloren die Ostclubs im Zuge der Wende nicht nur ihre wirtschaftliche Grundlage, sondern auch ihre besten Spieler.

Folgerichtig gelang es seitdem keiner ostdeutschen Mannschaft, auch nur ansatzweise um die Meisterschaft mitzuspielen. Jugendliche aus Magdeburg kennen die großen Zeiten ihres Heimatclubs nur noch aus den Erzählungen der Eltern. Ähnlich ist es in Rostock, Dresden, Erfurt und Halle.

Auch im Westen gab es "Mäzene"

Wie sonst, außer durch einen großzügigen Geldgeber, hätte der ostdeutsche Fußball denn noch eine Chance gehabt, noch einmal richtig anzugreifen? So hat es in Hoffenheim geklappt. In Wolfsburg. In Leverkusen. In Ingolstadt. Und den Vereinsnamen hatte einst auch schon der so glorreiche einstige westfälische Zweitligaclub Rot Weiß Ahlen verkauft („LR Ahlen“). Gejuckt hat das damals kaum jemanden.

Und man mag von Red Bull und RB Leipzig halten, was man will. Aus moralischer Sicht gibt es Clubs, die weitaus dreckigere Deals abgeschlossen haben.

Die derzeit äußerst mittelmäßige Bundesliga-Existenz des FC Schalke 04 wird seit 2007 mit den Rubelmilliarden des Gazprom-Konzerns finanziert. Einer der schmierigsten und schmutzigsten Sponsoring-Deals in der Geschichte des deutschen Fußballs, der den einstigen Bergmanns-Klub von einem der gefährlichsten Autokraten der Welt abhängig gemacht hat: Russlands Präsident Wladimir Putin.

Woran macht man eigentlich diese „Tradition“ fest, von der so viele Leute reden? Ist es das schiere Alter des Clubs? Dann ist der 1948 gegründete 1. FC Köln auch kein Traditionsclub. Und der 1966 von der DDR-Führung geschaffene und dieser Tage allseits hofierte FC Union Berlin auch nicht.

Was ist eigentlich "Tradition"?

Sind es die großen Erfolge der Vergangenheit? Dann sind auch Clubs wie Eintracht Frankfurt und Hannover 96 raus, deren Ruhm sich auf einzelne Meistertitel aus längst vergessenen Jahren der Adenauer-Ära beschränkt.

Ist es der Zuschauerschnitt und damit auch der Fan-Zuspruch? Schade für den ruhmreichen FC Augsburg, der in dieser Saison im Schnitt nur 27.700 Zuschauer mobilisieren und damit noch nicht einmal das eigene und ohnehin schon mickrige Stadion auslasten konnte. Schade auch für den MSV Duisburg, dessen Abstiegskampf in Liga zwei nur noch 17.000 Unverdrossene verfolgen wollen. Ungefähr genauso viele, wie den einstigen „Kult-Club“ VfL Bochum noch sehen wollen.

In Leipzig dagegen kamen in dieser Saison im Schnitt fast 30.000 Menschen pro Spiel ins Stadion. Selbst in der ersten Liga wäre das noch ein solider Mittelfeldplatz. In Leipzig ist gerade zu spüren, dass da etwas Neues heranwächst: Die Fans sind meist jung, trotz Brausesponsor eher links und sympathisieren mit dem FC St. Pauli.

Es entsteht derzeit eine Fußballkultur in Sachsens größter Stadt. Das ist es, was am Ende zählen sollte.

Und ist der Gedanke nicht verlockend, dass der auf ewig rekordmeisternde FC Bayern München eines Tages vor heimischer Kulisse von einem sächsischen Fußballverein vorgeführt werden könnte? Wahrscheinlich fehlt uns genau ein solches Ereignis, um die sportliche Wiedervereinigung Deutschlands nach 26 Jahren perfekt zu machen.