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Ein elterlicher Rat: Bring sie nicht um!

Veröffentlicht: Aktualisiert:
SON
Ijeoma Oluo
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THE BLOG

Da ich schon vor den meisten meiner Freunde Kinder bekommen habe, habe ich nun den Punkt im Leben erreicht, an dem viele aus meinem Umfeld für elterliche Ratschläge zu mir kommen.

„Deine Jungs sind so toll, ihrem Alter voraus und so wohlerzogen. Was ist dein Geheimnis?", fragen sie mich.

„Bring sie nicht um", antworte ich.

Die Leute kichern immer, wenn ich diesen Ratschlag gebe. „Nein, jetzt mal ernsthaft...", sagen sie. „Ja, ernsthaft", bestätige ich noch einmal. „Bring sie nicht um. Du möchtest es zwar, aber tu es nicht." Sie hören auf zu kichern und fragen mich nie wieder nach einem elterlichen Rat.

Aber ich stehe zu diesem Ratschlag. Bring sie nicht um. Du möchtest es, aber lass es.

Wir möchten vorgeben, dass Elternschaft - mit Ausnahme einiger entzückender, schlafloser Nächte unmittelbar nach der Geburt - ein magisches Geschenk voller Liebe und Freude ist. Und manchmal ist es das. Manchmal ist dein Herz so erfüllt von unerklärlicher Liebe, dass du das Gefühl hast, es könnte überschäumen. Du weißt, dass du für deine Kinder sterben würdest und du würdest sterben, wenn ihnen je im Leben etwas passieren würde. Du kannst dir ein Leben ohne sie nicht vorstellen.

Aber es gibt auch andere Zeiten.

Wir versuchen vorzugeben, dass diese anderen Zeiten nicht existieren. Wir versuchen, vorzugeben, dass gute Eltern (insbesondere Mütter) jede Minute des Elterndaseins genießen. Das - und daran glaube ich felsenfest - ist ein frauenfeindliches Instrument, um Frauen zu knechten. Damit hält man sie davon ab, die ungleichen Bürden der Mutterschaft, die ihnen auferlegt werden, zu hinterfragen.

Damit stellt man sie ruhig. Und das ist gefährlich. Es ist gefährlich, entkräftend und bedrückend. Du hast dieses Baby und es ist so gar nicht, wie alle anderen dir gesagt haben. Du weißt nicht, wie du mit dem Gefühl des Ärgers und der Frustration umgehen sollst. Du bist eine schlechte Mutter und weißt das, weil du die einzige Mutter bist, die so fühlt.

Du hast niemanden zum Reden, niemanden, der helfen kann. Was sonst ein flüchtiger Moment der Frustration gewesen wäre, wird zu einer Anklage gegen deine Tauglichkeit als Mutter. Das bewahrt dich davor, die guten Zeiten zu schätzen. „Du verdienst es nicht, das zu genießen", denkst du. „Du bist eine schlechte Mutter."

Mutter zu werden, ist das beste und gleichzeitig schlimmste, was dir passieren kann. Hier ist also mein Ratschlag für werdende und frisch gebackene Eltern, die einen echten Rat möchten:

Das erste Jahr der Elternschaft ist das härteste Jahr deines Lebens. Es ist die Hölle. Wenn du es überstanden hast, dabei halbwegs bei Verstand geblieben bist und nicht deinen Ehemann, Lebensgefährten oder irgendeinen Fremden auf der Straße umgebracht hast, dann verdienst du alle Auszeichnungen.

Es wird Nächte geben, in denen du so müde bist, dass deine Beine zittern. Du hältst das schlimmste Baby der Welt auf den Armen, das nur ruhig ist, wenn du den Flur auf und ab wanderst und das in dem Moment losschreit, wenn du es hinlegst.

Du fühlst eine Wut in dir aufkochen, die heftiger als jede Wut ist, die du je in deinem Leben gefühlt hast. „ICH WILL DICH DOCH LIEBEN. ABER WARUM VERSUCHST DU, MICH ZU ZERSTÖREN?", wird dein Gehirn schreien.

An diesem Punkt musst du dein Baby für eine Minute hinlegen, auch wenn es schreit. Du musst deine Arme anspannen und denken „Nicht schütteln. Nicht fallen lassen", und dann legst du es sehr viel sanfter in sein Bettchen, als es eigentlich verdient. Verlasse den Raum. Falls nötig, verlasse das Haus. Nur für ein paar Minuten, nur bis du wieder durchatmen kannst.

Es wird Zeiten geben, in denen dich dein Kind anstrahlt und sich für einen Schmatzer zu dir vorbeugt, und du schaust auf seine Nase, die mit einer Kruste grünlichen Schnodders überzogen ist, und ein Sabberfaden tropft von seiner Lippe, und du denkst nur „Oh Gott, was bist du für eine versiffte kleine Kreatur?" Und das ist wahr, es ist eine versiffte Kreatur. Unterdrücke deinen Würgereflex, putz ihm seine Nase und gib ihm einen flüchtigen Kuss.

Wenn er älter wird, wird es Zeiten geben, in denen allein der Versuch, ihn dazu zu bringen, einen Bissen von seinem verfluchten Essen zu sich zu nehmen, ein Kampf sein wird. Du möchtest mit der einen Hand seinen Mund aufhebeln und ihm mit der anderen Hand das Essen in den Rachen stopfen. Tu es nicht.

Es wird Zeiten geben, wenn er mit den Füßen stampft und schreiend auf dem Boden liegt, weil du es gewagt hast, ihm die Gabel aus der Hand zu nehmen, bevor er sich damit ein Auge aussticht. Du möchtest ihn am Arm packen, ihn nach draußen setzen und die Tür verschließen. Tu es nicht.

Es wird Zeiten geben, wenn du ihn oben brüllen hörst „ICH WILL KEINEN MITTAGSSCHLAF MACHEN! KEINEN MITTAGSSCHLAF!", während er sein Spielzeug die Treppe hinunter wirft. Geh nicht nach oben. Ruf deine Mutter oder eine Freundin an. Erkläre, dass sie dich entweder in der Leitung halten oder die Kinderschutzbehörde rufen müssen. Lass dir von ihnen ein paar Witze erzählen.

Es wird Zeiten während des Töpfchen-Trainings geben, in denen du dir sicher sein kannst, dass dein Kind absichtlich darauf wartet, sich in der Öffentlichkeit in die Hosen sch*** zu können. Beschuldige dein Kind nicht der Sabotage. Frage nicht, warum er dich zerstören möchte; er weiß es nicht. Bring ihn nach Hause, spritz ihn mit einem Wasserschlauch ab und gönn dir einen Drink.

Es wird Tage geben, an denen du überrascht sein wirst, es über den Tag geschafft zu haben, ohne dein Kind an den nächstbesten Fremden abgegeben zu haben, egal wie deutlich es gemacht hat, dass es dich hasst und dein Glück zerstören möchte. Dafür verdienst du eine Auszeichnung. Es gibt natürlich keine, aber sei dir einfach bewusst, dass du sie verdienst.

Es wird Zeiten geben, in denen er dir eine Geschichte erzählt, die keine Handlung, keine Charaktere und scheinbar auch kein Ende hat. Unterdrücke das Bedürfnis „DAS IST DIE VERFLUCHT LANGWEILIGSTE GESCHICHTE, DIE ICH JE GEHÖRT HABE!" zu schreien und murmele stattdessen „Oh, wirklich?", während du deinen Einkaufszettel oder einen kinderfreien Urlaub planst.

Es wird Zeiten geben, in denen du das Spiel Candyland in den Kamin stecken möchtest, während du „DAS SPIEL HAT KEINEN VERFLUCHTEN SINN!" brüllst. Wenn du das tust, dann stelle sicher, dass das Kind nicht da ist, damit du nicht erklären musst, warum das Spiel verschwunden ist.

Es wird Zeiten geben, in denen du einfach in der Lage sein möchtest auf die Toilette zu gehen, ohne dass kleine Hände an die Tür trommeln und fragen „Was machst du?" Brülle bloß nicht „Herrgott, ich sch***." Stattdessen sage „Hey, wo ist denn dein Bär hin?", und sie rennen los, um ihren Bären zu finden. Es spielt nicht einmal eine Rolle, ob es diesen Bären überhaupt gibt.

Im Alter von fünf oder sechs Jahren wird dein Kind anfangen „Witze" zu erzählen. Das sind die schlechtesten Witze der Welt. Sie haben keinen gottverdammten Sinn. Die Hälfte der Zeit wirst du nicht einmal wissen, dass es überhaupt Witze sind. Sag einfach, die Witze seien lustig und täusche ein kleines Lachen vor. Sie sind nicht lustig, aber er hat genug Zeit, um das später noch herauszufinden.

Es wird ein paar wirklich gute Jahre geben, in denen dein Kind weniger ein A***loch ist und selbstständig genug, ein Weilchen allein zu spielen ohne dein Haus zu zerstören. Würdige diese Zeiten, denn als nächstes wird er zum Teenager.

Im Alter von 12 oder 13 Jahren wird er anfangen zu stinken. Nicht metaphorisch, sondern wörtlich. Es wird riechen, als wäre er aus fauligen Orangen und Hormonen gemacht. Du wirst dich fragen, ob er ein hormonelles Ungleichgewicht besitzt. Du musst im Auto die Fenster runterkurbeln.

Du fragst dich, ob du 100 Deo-Sticks einschmelzen und ihn darin eintunken könntest. Du möchtest seine T-Shirts und Unterwäsche verbrennen, anstatt sie zu waschen. Frag dein Kind nicht, warum in aller Welt er nicht merkt, dass er wie ein verrottender Leichnam riecht. Dieser Teil seines Gehirns hat sich noch nicht entwickelt. Bewahre einfach zusätzliches Deo in deiner Handtasche und deinem Handschuhfach auf.

Keine seiner Emotionen in diesem Alter ergeben Sinn. Du weißt nicht, warum er traurig ist. Sein bester Freund, das Drama, ist absolut lächerlich. Seine Argumente besitzen keinerlei Logik. Brülle nicht „Deine Meinungen gelten nicht, weil sie keinen verfluchten Sinn machen", egal, wie sehr du das möchtest. Sie machen nicht einmal für ihn Sinn. Aber für ihn sind sie die Wahrheit. Bedenke, dass er derzeit zu 90 Prozent aus Hormonen besteht.

In diesem Alter entdeckt er auch den Sarkasmus. Er wird dir gegenüber mit den Augen rollen, als wäre es sein Job. Hau ihm keine runter, auch wenn du es sowas von möchtest. Stattdessen erkläre ihm, dass jedes Augenrollen für ihn eine zusätzliche lästige Pflicht bedeutet, die er erledigen muss.

Er wird den saftigsten, am schlechtesten geschriebenen Song über Teenager-Angst entdecken und ihn während jeder Minute des Tages spielen. Er wird ihn mit einer brüchigen Stimme singen, die von einer unnötigen Menge an Gefühlen erfüllt ist. Sag ihm nicht, dass sein Musikgeschmack sch*** ist. Stattdessen nimm ein paar Sekunden davon auf. Wenn er 25 und total entgeistert darüber ist, dass du nicht die aktuellsten Art-Rock-Bands kennst, kannst du ihm das noch einmal vorspielen und ihn daran erinnern, dass man seinem Musikgeschmack nicht trauen sollte.

All diese Dinge und noch viele mehr werden passieren. Diese zu überstehen, ohne dein Kind mit einem Sprungtritt quer durch das Wohnzimmer zu befördern, ist die größte Herausforderung des Elterndaseins.

Du verdienst eine Auszeichnung dafür, nicht denjenigen vor die Tür zu setzen, den man als den welt-schlimmsten Hausgast bezeichnen würde. Erkenne das an und klopfe dir auf die Schulter, anstatt dich selbst für ein Gefühl fertig zu machen, was jeder hätte, wenn einem seiner Mitmenschen sprichwörtlich alles sch***egal ist. Genieße daher jedes Lächeln, jedes Lachen, jede Umarmung und jedes bisschen Liebe - wohlwissend, dass du es verdienst.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Ramona Biermann aus dem Englischen übersetzt.


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