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"Da kommst du nicht lebend raus": Männergruppen greifen immer öfter gezielt Polizisten an

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Es war ein Routine-Einsatz. Eigentlich wollten zwei Essener Polizisten bei ihrer Streife einem Falschparker nur ein Knöllchen verpassen. Doch während die Beamten sich das Kennzeichen notierten, sei der Vater des Autobesitzers hinzugekommen und habe versucht, sie von der Aufnahme des Falls abzubringen, wie die Essener Polizei am Donnerstag mitteilte.

20 bis 30 Schläger gegen zwei Polizisten

Die Polizei forderte den Mann auf, zu gehen. Doch der habe sich widersetzt. Es kam zu einem Handgemenge, woraufhin der Vater des Autobesitzers vorläufig festgenommen wurde. Doch die Polizisten hatten die Rechnung ohne eine Gruppe von 20 bis 30 Menschen gemacht, die in Windeseile aus einem nahegelegenen Restaurant herbeigeeilt kam. Die Männergang griff die Beamten ganz plötzlich an.

Die Polizisten mussten sich mit Schlagstöcken gegen die brutalen Attacken der Pöbler wehren. Erst herbeigerufene Verstärkung konnte die Männerhorde in die Flucht schlagen.

Polizeigewerkschaft: Gewalt von Männergruppen gegen Polizisten nimmt zu

Der Deutschen Polizeigewerkschaft (DPolG) zufolge ist der Angriff des aggressiven Essener Mobs kein Einzelfall. "Die Gewalt großer Männergruppen auf Polizisten hat in den vergangenen Jahren massiv zugenommen“, sagt deren Vorsitzender Rainer Wendt im Gespräch mit der Huffington Post. Er beobachtet "insgesamt eine deutliche Zunahme der Übergriffe gegen Staatsbedienstete“.

Oft, so Wendt, würde die Situation "aufgrund von Nichtigkeiten aus dem Ruder laufen". In vier von fünf Fällen eskaliere die Gewalt bei Routine-Einsätzen von Streifenbeamten. "Mitunter rotten sich dann sogar eigentlich verfeindete Gruppen von einem auf den anderen Moment zusammen, um dann auf die Beamten loszugehen", berichtet der Sicherheitsexperte.

Niedersachsen: Doppelt so viele Attacken gegen Polizisten wie noch 2011

Die Statistik gibt ihm Recht. Allein in Berlin wurden im vorigen Jahr fast 3000 Beschäftigte der Polizei während ihres Dienstes verletzt. In Niedersachsen hat die Zahl der im Einsatz von anderen Personen verletzten Beamten ebenfalls dramatisch zugenommen. Im vorigen Jahr registrierte das Bundesland es 1081 Fälle. Im Jahr davor waren es 934. Seit 2011 hat sich die Zahl fast verdoppelt: Damals waren es noch 538 Fälle.

Auch bundesweit registrierte das BKA in den vergangenen Jahren einen Anstieg der Gewalttaten gegen Polizisten. Für die einzelnen Beamten kann dies oft dramatische Folgen haben.

Attacke beim Volksfest aus dem Hinterhalt

Auch als Max-Josef S. mit einem Kollegen im Juni 2006 bei einem Volksfest in der Nähe von Dorfen auf Streife ging, klang zunächst alles nach einem Routine-Einsatz. Ein Funkspruch der Zentrale ging ein. Vor einem der Zelte gibt es Ärger, heißt es. S. sieht nach dem Rechten, wirft sich gleich nach seinem Eintreffen ins Getümmel und erteilt zwei Aggressoren einen Platzverweis.

Die Situation scheint sich zu beruhigen. Doch dann kommt es zu der Attacke, unter welcher der Polizist noch Jahre später leiden sollte. Plötzlich springt ihm ein vorher völlig unbeteiligter Mann mit voller Wucht seitlich ins Sprunggelenk.

Der durchtrainierte Polizist geht zu Boden. Er krümmt sich vor Schmerzen – sein Sprunggelenk ist zertrümmert. In den folgenden Minuten ist er hilflos, ein schreckliches Gefühl für den jungen Mann, der zum damaligen Zeitpunkt bereits seit Jahren Kampfsport trainiert.

Max-Josef S. weiß, jede Sekunde könnte der nächste Angriff folgen. Und er wäre chancenlos. Hinzu kommt der Spott. "Mehrere Jugendliche gingen vorbei, machten sich über mich lustig", erinnerte er sich auch noch Jahre später an das Geschehene.

Kein Passant half ihm an jenem Tag in Jahr 2006, der S. noch lange beschäftigen sollte. Seine Kollegen brachten schließlich die Situation unter Kontrolle, auch der Täter wurden später dingfest gemacht.

Verletzter Polizist: "Wovon soll meine Familie leben?"

Im Krankenhaus begann für S. eine Zeit der Ungewissheit. "Es hieß zunächst, ich würde behindert sein und müsste meinen Beruf aufgeben”, erinnert sich der Oberbayer später. Er fragte sich zu jener Zeit vor allem: "Wovon hätte meine Familie ohne meinen Job leben sollen?”

Fast eineinhalb Jahre wurde er krankgeschrieben. In der Folgezeit fuhr dann die Angst mit auf Streife. "Du bist nicht mehr der Alte, denkst oft daran, was alles hätte passieren können.”

Forderung nach härteren Strafen

Ein Gericht verurteilte seinen Angreifer zu einer 18-monatigen Haftstrafe auf Bewährung. "Zu lasch”, fand damals nicht nur S. Auch die Gewerkschaft der Polizei und seine Freunde hielten die Entscheidung damals für nicht angemessen.

Angesichts einer Zunahme von Gewalt gegen Beamte hat vor wenigen Wochen nun auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) mehr Respekt und härtere Strafen für die Täter gefordert. In derartigen Fällen müsse es schnelle Verfahren geben, sagte er.

Wendt: "Bisherige Gesetze reichen aus, müssen nur angewandt werden"

Polizeigewerkschafter Wendt sieht das genauso. "Es fehlt nicht an harten Gesetzen. Diese müssen nur auch angewandt werden“, ist er überzeugt. Er fordert zudem mehr Personal und eine bessere Ausrüstung der Polizisten, um diese wirksam zu schützen.

Constantin P. wird das freilich nicht mehr helfen. Jene Oktobernacht im Jahr 2007 wird er nie mehr vergessen. Alles hatte wie ein Routineeinsatz begonnen: "Zoff bei einem Fahrgeschäft", hieß der Funkspruch. Nichts Besonderes bei einem großen Volksfest wie dem Cannstatter Wasen, wo P. gerade mit einem Kollegen Streife schob.

Attackierter Polizist: "Die schlimmsten zehn Minuten meines Lebens"

Doch dann folgten die "längsten zehn Minuten meines Lebens", sagte er später bei einem Kongress der Deutschen Polizeigewerkschaft. Zehn Minuten, in denen die Angreifer "die Maske der Menschlichkeit abgestreift" hätten.

Seine Stimme stockte, als er bei dem Kongress später den Kollegen die Erinnerungen schilderte. Der Schrecken kam zurück: Einen Verdächtigen wollten sie zur Wache bringen, um die Personalien festzustellen. Doch der Jugendliche wehrte sich.

Und dann ging alles ganz schnell: Eltern und Freunde des jungen Manns griffen unvermittelt die Beamten an. Tritte und Schläge prasselten auf die Beiden nieder.

"Macht sie platt"

Doch nicht nur das. Passanten hätten Fotos gemacht, gefilmt, manche gegrölt: "Macht sie platt!". Wieder andere machten dem Polizisten zufolge mit den Angreifern gemeinsame Sache und droschen auf die beiden Beamten ein. "Die kannten uns doch gar nicht", sagt P. bei dem Kongress ungläubig.

Er schilderte, der Mob sei größer geworden, das Stakkato von Faustschlägen immer weiter gegangen: "Ich dachte, da kommst du nicht lebend raus." Sein Kollege habe sich nur mehr eine Hand schützend vor den Kopf gehalten, mit der anderen nach dem Funkgerät gegriffen und mit letzter Kraft Verstärkung gerufen. "Wenn das Funkgerät nicht gegangen wäre, wer weiß, ob ich noch hier wäre."

Bei einem Oberpfälzer Bürgerfest hatte einmal sogar ein Mob von sage und schreibe 100 Volksfestbesuchern, angeführt von der Mutter eines Verdächtigen, versucht, einen festgenommenen Jugendlichen gewaltsam aus dem Polizeigewahrsam zu befreien. Bilanz der nächtlichen Hatz damals: Vier Beamte wurden verletzt und ihre beiden Wagen demoliert.

Opfer vom Staat im Stich gelassen

Damals waren die Täter angeblich Russlanddeutsche. Doch die Angreifer kommen der Gewerkschaft der Polizei (GdP) zufolge aus allen Schichten – Vom Arzt oder Anwalt sei jede Berufsgruppe dabei, konstatierte die GdP bereits 2010.

Polizeigewerkschafter kritisieren seit Jahren, dass die Justiz die Gewaltopfer allzu oft im Stich gelassen habe. "Meinen Anwalt musste ich mir über die Gewerkschaft nehmen”, berichtete auch Polizist Max-Josef S.. Die Polizisten aus Essen kamen zum Glück jedoch glimpflicher davon.

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