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Drei Arten von Trauer, über die niemand spricht

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SAD WOMAN
Drei Arten von Trauer, über die niemand spricht | Buena Vista Images via Getty Images
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Der Autor von "Grief Is a Journey" erklärt, wie selbst die einschneidensten Verluste unbemerkt von Freunden und der Familie bleiben – und sogar von uns selbst.

1. Der Verlust eines Menschen, den wir einmal kannten

Manchmal verändern sich die Menschen, die wir lieben. Sie sind immer noch ein Teil unseres Lebens, aber nicht so, wie wir sie einmal kannten oder wie wir sie in Erinnerung haben. Krankheiten verändern Menschen oft, besonders psychische Krankheiten oder Demenz. Im Falle einer Demenz ist der Mensch immer noch bei uns, aber es nicht mehr der Mensch, den wir einmal kannten.

Die Dinge, die uns einmal verbunden haben, die gemeinsamen Erinnerungen und selbst die Persönlichkeit sind nicht mehr greifbar. Manchmal kann diese Veränderung erschreckend sein. Die Mutter einer meiner Klientinnen wuchs sehr ländlich in den Südstaaten auf. Meine Klientin aber war immer sehr stolz auf ihre Mutter, da sie sich sehr aktiv in der Bürgerrechtsbewegung engagiert hatte, obwohl sie dadurch Freunde verlor und sich von ihrer Familie entfernte.

Ihre Mutter erzählte immer, wie sie als junges Mädchen ihre ausschließlich weiße Kirchengemeinde dazu drängte, auch Schwarze aufzunehmen. Als sie jedoch an Demenz erkrankte, machte sie immer häufiger rassistische Bemerkungen. Das schockierte meine Kundin nicht nur, sie stellte auch immer mehr die Überzeugung ihrer Mutter infrage. War ihre Mutter wirklich die fortschrittliche Person, für die sie sie immer gehalten hatte?

Das Gefühl des Verlusts

Andere Erkrankungen können ein ähnliches Gefühl des Verlusts hervorrufen. Ein Schädelhirntrauma kann die mentale Funktion auf verschiedene Weisen beeinträchtigen. Wir empfinden Trauer, wenn Menschen in den Alkoholismus, eine psychische Krankheit oder Drogenabhängigkeit abrutschen. Positive Veränderungen können auch Trauer hervorrufen, z.B. wenn sich ein Mensch verändert und nicht mehr der Person ähnelt, die wir gekannt und geliebt haben.

Für Tristan war das der religiöse Wandel seines Bruders. Zum einen freute sich Tristan, dass sein Bruder zum Glauben gefunden hatte, auch wenn dieser Glaube intensiver als sein eigener Glaube war, aber andererseits hatte er nicht mehr dieselbe Beziehung zu seinem plötzlich wiedergeborenen Bruder, der nun nicht mehr für ein Feierabendbier zu haben war und seiner Familie stets Predigten hielt.

Ähnlich erging es Abigail. Sie war stolz auf ihren Ehemann, der sich endlich den Anonymen Alkoholikern angeschlossen hatte, nachdem er lange mit seiner Sucht gekämpft und so beinahe ihre Ehe zerstört hatte. Trotzdem vermisste sie die „Menschen, Orte und Dinge“ – besonders den Dart-Club, der sich regelmäßig in einem Pub traf, und in dem sie beide Mitglied waren.

Nun vermied ihr Mann den Pub, um nicht in Versuchung zu geraten. Silvester verbrachten sie alkoholfrei auf einer Party, die die Anonymen Alkoholiker in Räumen der Kirche veranstaltet hatten. Abby ist stolz auf ihren Mann und unterstützt ihn nach Kräften. Gleichzeitig aber vermisst sie mit etwas Traurigkeit auch einige frühere Aspekte ihres Lebens.

2. Der Verlust eines Menschen, den wir noch gar nicht verloren haben

Vorgegriffene Trauer ist ein Begriff, der sich auf eine Person bezieht, die an einer tödlichen Krankheit leidet. Freunde, Familie und Pfleger empfinden diese Trauer oft im Vorfeld des eigentlichen Todesfalls. Diese Verluste sind prägnant. Der Verlust der Gesundheit – selbst die Prognose eines solchen Verlustes – enthalten in einer Diagnose kann eine Quelle der Trauer sein, nicht nur für den oder die Betroffene.

Auch für Familie und Freunde. Wir verlieren die uns bekannte Welt. Unsere Pläne, Gedanken und Zukunft. Wir verlieren auch unser Gefühl von Sicherheit. Wir werden herausgefordert. Die Zukunft ist eine andere als die, die wir uns vorgestellt hatten. Für Craig zerstörte die Diagnose, dass seine Frau an Magenkrebs erkrankt war, ihre gemeinsamen Ruhestandspläne: viel Reisen und vielleicht ein Haus in der Toskana. Wenn eine Krankheit weiter voranschreitet, dann durchleben wir auch weitere Verluste und betrauern diese.

3. Der Verlust der Person, die wir einmal waren

Als ich vor kurzem mit meinen Enkelkindern auf den Schulbus wartete, die Schule hatte grade wieder angefangen, da hörte ich, wie ein Nachbarskind sich bei seiner Mutter beklagte, dass er doch erst gestern in den Kindergarten gegangen sei. Seine Mutter erklärte ihm geduldig, dass er von jetzt an fünf Tage die Woche in den Kindergarten gehen würde, und nicht wie bisher nur zweimal in der Woche zur Vorschule. Der Junge war enttäuscht und hatte Tränen in den Augen. „Das ändert alles!“ beschwerte er sich.

So ist es. Alles verändert sich mit dem Älterwerden. Manche Veränderungen nimmt man im Vorbeigehen mit, andere Veränderungen hinterlassen tiefe Spuren. Denk nur an die Geburt eines Kindes. Auf das Ereignis hast du dich vielleicht Jahre lang vorbereitet und es erwartet, du schäumst über vor Freude. Aber du weißt auch, dass das Leben sich jetzt gründlich ändern wird. Deine eigene Freiheit ist die nächsten Jahre über eingeschränkt – und in der nächsten Zeit auch dein Schlaf.

Leben ist Veränderung

Jede Veränderung in unserem Leben hat Nebenwirkungen, positive und negative. Die Freude, wenn man seinen Führerschein bestanden hat, birgt so viel Bedeutung – ein Meilenstein der Reife und des Erfolgs, der Freiheit und Abenteuer verspricht. Jetzt stelle dir das Gegenteil vor, die Trauer und die Resignation, wenn du den Führerschein im Alter abgeben musst, weil du nicht mehr fit genug bist.

Denk dran, Trauer steht nicht immer in Verbindung zu einem Todesfall, aber es geht immer um Verbundenheit und Verlust. Oft erleben Menschen durchdringenden und intensiven Stress auch ohne, dass sie einen geliebten Menschen verloren haben. Mehr noch, in diesen Fällen des unerkannten Verlustes wird auch unsere Trauer oft nicht erkannt.

Aber du kannst jeglichen Verlust betrauern, überall und jeden Menschen, der dir nahe stand. Die Liste ist unendlich. Um mit der Trauer umzugehen, musst du dir vielleicht Hilfe suchen. Vertraute, Therapeuten oder Selbsthilfegruppen, die dich unterstützen. Vor allem muss deine Trauer erkannt werden. Besonders du selbst musst dir eingestehen, dass du ein Recht hast, so zu empfinden. Nur so wirst du dich besser fühlen. Auch andere durchleben diese Trauer. Du bist nicht alleine.

Dieser Auszug stammt aus dem Buch "Grief Is a Journey" von Kenneth J. Doka, PhD.

Dr. Kenneth Doka ist Professor für Gerontologie am College of New Rochelle und Berater bei der Hospice Foundation of America. Trauer, Verlust, Trauerbewältigung, Erfahrungen, Veränderung

Dieser Artikel erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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