POLITIK
06/05/2016 08:18 CEST | Aktualisiert 06/05/2016 11:15 CEST

An Jan Böhmermann: Es reicht jetzt! Sie gehen der halben Republik auf den Keks

dpa
An Jan Böhmermann: Es reicht jetzt! Sie gehen der halben Republik auf den Keks

Lange Zeit bestand kein Zweifel daran, dass Jan Böhmermann einer der größten Fernsehkünstler seiner Generation ist. Doch damit ist es wohl vorbei.

Niemand beherrschte das Spiel mit der Meta-Ebene so traumhaft sicher wie der ZDF-Satiriker. In seinen besten Momenten hatte er geniale Einfälle, die so gut waren, weil sie gleich in vielerlei Hinsicht Wahrheit offenbarten. Etwa, als er so getan hat, als habe er den Stinkefinger-Auftritt des früheren griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis inszeniert.

Er legte damit offen, wie scheinheilig der Streit um den Stinkefinger war. Er zeigte, wie wir eine der wichtigsten politischen Debatten jener Tage auf unsere eigenen nationalistischen Befindlichkeiten reduziert haben. Nebenbei führte er auch vor, wie anfällig wir für Manipulationen sind – und wie die Zerschlagung von politischen Diskussionen durch moderne Propaganda funktionieren kann.

Jan Böhmermann nervt

Die Zeiten haben sich seitdem geändert. Böhmermanns Masche leider nicht. Und es spricht vieles dafür, dass er sein Spiel mit der Meta-Ebene überreizt. Jan Böhmermann fängt an, zu nerven. Mit seiner ewigen Ironie, mit seiner Unfähigkeit, Stellung zu beziehen. Sein Humor ist glitschig wie Schmierseife.

Den Anfang machte sein „Be Deutsch“-Video, das im Gezänk um sein Erdogan-Gedicht kaum mehr die Aufmerksamkeit bekommen konnte, die es sonst sicher bekommen hätte. Darin nimmt er im Rammstein-Sound Bezug auf die „Willkommens-Kultur“. „Achtung! Deutsche auf dem Vormarsch! Aber dieses Mal sind wir fucking nice!“, hieß es darin.

Spiel mit Vorurteilen

Wieder ein Spiel mit der Meta-Ebene: Oberflächlich betrachtet sehen wir Menschen, die sich gegen Fremdenhass wenden. Gleichzeitig spielt Böhmermann mit Vorurteilen gegenüber Deutschen und der nicht immer ruhmreichen Geschichte dieses Landes.

Kritiker warfen ihm vor, er leiste damit einem „positiven Nationalismus“ Vorschub: Er fördere einen Nationalstolz unter den Flüchtlingshelfern zutage, der sich gegen Länder richtet, die eine rigidere Asylpolitik verfolgen.

Unsägliche Ziegenficker-Witze

Mit seinem Erdogan-Gedicht hat er sich dann in mehrerlei Hinsicht verkalkuliert. Offenbar ahnte er nicht, was für eine Art von Debatte er damit hervorrufen würde. Und dass viele seiner Fans nebenbei die bewusst rassistischen und als Satire apostrophierten Anwürfe gegen den türkischen Präsidenten ohne die Apostrophe übernehmen würden und sie als reinen Rassismus weiter transportieren würden.

Immer noch treibt sein Text absurde Blüten: Die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ versteigert derzeit eine Ziegenficker-Actionfigur von Erdogan für einen angeblich guten Zweck. Zu sehen ist ein türkischer Präsident im Anzug, der eine Ziege in eindeutiger Position am Band vor sich herführt.

Offener wurden antitürkische und antimuslimische Ressentiments wohl nie zuvor verbreitet. Und alle Beteiligten glauben noch mit vollem Ernst, sie würden dadurch Kritik an dem autokratischen Führungsstil von Erdogan üben.

Viele Böhmermann-Fans sind so naiv wie Helene-Fischer-Fans

Das ist so bekloppt, dass man sich Sorgen um den intellektuellen Zustand dieser Republik machen muss. Viele von Böhmermanns Fans folgen ihrem Idol trotzdem noch mit einer derart sorglosen Kritiklosigkeit, dass sie in einer Form naiv sind, wie auch Helene-Fischer-Fans naiv sind.

Doch wie sehr sich Böhmermann mittlerweile selbst verrannt hat, zeigt sein Interview in der jüngsten Ausgaben der „Zeit“.

Man hätte erwartet, dass dieser Künstler nach all den öffentlichen Debatten und auch seinen daraus resultierenden Problemen etwas zu sagen hätte. Dass er womöglich an der Sache gewachsen wäre. Stattdessen zeugen seine schriftlich eingereichten Antworten von einem erstaunlichen Mangel an Selbstkritik und der Unfähigkeit, ein paar aufrichtige Sätze zu formulieren, die so etwas wie Haltung zeigen.

Einfach mal die Fresse halten

So wirft er der Kanzlerin vor, sie habe ihn „filetiert“ und er vergleicht sich selbst mit dem unter ständiger Beobachtung der chinesischen Geheimdienste stehenden Künstler Ai Weiwei. Was wohl wieder als ein Spiel mit der Meta-Ebene gemeint war. Wie armselig, nach allem, was passiert ist.

Das ihm sonst recht wohlgesonnene „Jetzt-Magazin“ schrieb dazu: „Viel mehr als rumpelig sind seine unkomplexen Witze im Interview leider nicht. Vielleicht hat er mal wieder die ganze Unterhaltung (streng genommen: den Schriftverkehr) als reine Satire verfasst. (…) Ihre Grenzen liegen offenbar darin, auch mal über ihren Schatten zu springen und echte, ernsthafte Antworten zu geben.“

Ein Autor des Tagesspiegel echauffierte sich: „Ich würde gerne mal mit Jan Böhmermann sprechen. Vorausgesetzt, ich käme überhaupt zu Wort, würde ich dem Satiriker sagen, dass Sprechdurchfall eine Krankheit mit extrem guten Heilungschancen ist. Die Therapie ist einfach: Schweigen.“

Oder, um es mit den Worten von Dieter Nuhr zu sagen: Wer keine Haltung hat - einfach mal die Fresse halten.

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(sk)