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Was ist Erziehung? Und wie viel brauchen Kinder davon?

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HIPSTER MOTHER CHILD
Young father getting his little daughter ready in a morning | Halfpoint via Getty Images
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Andrea Kästle: Jesper Juul sagt ja: "Lassen Sie das Erziehen, es ist unnütz und manchmal auch direkt schädlich." Was meint er damit? Kinder brauchen doch Vorgaben.

Mathias Voelchert: Was unsere Kinder brauchen, ist, dass wir sie begleiten in ihrer Entwicklung und ihnen Vorbilder sind. Wenn ich das Wort Erziehung höre, denke ich an Besserwisserei und Bevormundung.

Das meiste wissen wir aber doch auch besser. Wir haben schließlich 30 Jahre Leben hinter uns, wenn wir Eltern werden.

Das stimmt. Jedoch bezieht sich dieses Wissen im Wesentlichen auf uns selbst. Ob es direkt auf unsere Kinder zu übertragen ist, muss sich erst rausstellen. Jeder Mensch ist schließlich eine Spezialanfertigung.

Die Kinder brauchen doch eine Richtschnur für ihr Verhalten. Ich muss ihnen sagen, was geht und was nicht.

Meist reicht es, wenn Sie ihnen das vorleben. Die Kinder beobachten ganz genau, wir wir unsere Beziehungen führen - und machen das dann nach.

Dann kann ich mir Vorträge in der Erziehung weitgehend sparen?

Ja. Wer will schon belehrt werden? Vorträge ersetze ich durch Dialoge, dadurch, dass ich versuche, in Kontakt zu kommen mit den anderen. Indem ich von mir erzähle, in einer persönlichen Sprache. Das beeindruckt die Kinder.

Man hat nicht immer eine spannende Geschichte auf Lager.

Es muss nicht immer interessant sein, was man erzählt. Aber in dem, was ich erzähle, zeige ich mich, ich zeige, welche Werte für mich wichtig sind.

Wir haben oft unsere Gefühle nicht im Griff. Dann sagen wir, was wir sagen wollen, nicht im richtigen Ton. Die Emotion trägt uns davon, und der Inhalt geht darüber verloren.

Es wäre gut, wenn wir es schaffen würden, dann aus der Situation rauszugehen. Sich eine Pause zu nehmen, einen Spaziergang zu machen, wenn man merkt: Ich koche hoch. Anstatt die anderen in dem Moment passend für meine Wut zu machen.

Ein Vorbild zu sein für die Kinder, heißt für Eltern, immer wieder mal zu überprüfen, wie nah man im eigenen Leben den Werten kommt, die man für sich als wichtig definiert hat.

Das ist der Punkt: dass wir versuchen sollten, den Wertekanon, den wir für uns herausgebildet haben, ins Leben zu bringen. Die Theorie umzusetzen in die Praxis - das bekommt im Leben mit Kindern, die uns ja oft herausfordern, noch einmal eine ganz andere Qualität.

Es ist das Schwierigste überhaupt: Gelerntes anzuwenden!

Man sieht es an manchen gesellschaftlichen Entwicklungen, wie viel Zeit Veränderungen benötigen. 1948 wurde die Gleichberechtigung von Mann und Frau im Grundgesetz verankert. Aber noch immer werden Frauen bei uns schlechter bezahlt als Männer - für die gleiche Arbeit.

Was ist, wenn ich mich und meine Beziehungen langsam verändere: Haben die Kinder dann schon meine frühen Muster verinnerlicht - oder können sie die auch modifizieren? Das wäre für Paare, die sich getrennt haben, eine tröstliche Vorstellung. Dass die Kinder nicht ausschließlich das destruktive Schema aufgesogen haben.

Kinder kriegen es total mit, wenn wir uns verändern. Familie ist eine Lern- und Wachstumsveranstaltung für alle, unsere Festplatten können vom Leben überschrieben werden. Oft bringen schon kleine Änderungen im Verhalten für die anderen ziemliche Erleichterungen.

Ist es möglich, in der Erziehung das meiste richtig zu machen? Oder sollten wir die Idee endgültig aufgeben?

Eltern wollen immer besser sein, als sie sind - und das ist ja auch gut so. Allerdings kann der Wunsch nach Perfektion einen auch lähmen! Gut genug reicht.

Eine Kindheit, die keine Narben hinterlässt, gibt es demnach nicht?

Nein. Ich glaube auch nicht, dass das erstrebenswert wäre. Das Leben geht nach der Kindheit ja erst richtig los. Wir lernen lebenslang. Und wenn die Eltern etwas dazulernen, dann sind die Verletzungen, die im Lauf dieses Lernprozesses passiert sind, für alle ein Gewinn.

Was unterscheidet den autoritativen Erziehungsstil, den Eltern heute anstreben, vom autoritären unserer Eltern und Großeltern? Und vom antiautoritären der 68er-Generation?

Autoritativ ist weder autoritär noch Laissez-faire, es ist ein dritter Weg. Wobei der Unterschied zum autoritären Erziehungsstil darin besteht, dass das Kind akzeptiert wird, wie es ist. Dass die Eltern mit ihm kommunizieren. Das Kind ist gleichwürdig, hat aber - das ist der Unterschied zum Laissez-faire - nicht die gleichen Rechte wie die Eltern. Es ist noch angewiesen auf deren Führung.

Aber trotzdem brauchen wir heute Autorität den Kindern gegenüber. Was ist der Unterschied zwischen Autorität besitzen und sich autoritär verhalten?

Autorität bezieht sich auf mich selbst und hat im Wesentlichen mit Selbstführung zu tun. Aus dieser Zentrierung heraus bin ich in der Lage, andere zu führen. Wer autoritär handelt, will andere definieren und sie dazu bringen, nach seinen Vorstellungen zu handeln.

Wir sind unseren Kindern heute viel näher, als unsere Eltern uns gewesen sind. Damit wird es allerdings schwieriger, sich abzugrenzen und nein zu sagen.

Früher hat man sich, das stimmt, die Kinder durch Formalismen vom Leib gehalten. Keiner durfte den Papa stören, wenn der Zeitung gelesen hat! Und um acht ging's schnurstracks ins Bett, ohne Diskussion. Wir müssen heute aufpassen, dass uns die Nähe zu unseren Kindern nicht blind und verrückt macht, umso mehr, als dabei eine verführerische Schmelzwärme entsteht. Wichtig ist, mit der Nähe auch die Distanz zu regeln und genau auf sich aufzupassen. Geht mir heute nicht das Klavierspielen auf die Nerven? Brauch ich nicht eigentlich eine halbe Stunde draußen viel dringender - dann muss der Sohn mit dem Lego halt ein bisschen warten! Man kann das lernen und sollte es dringend üben.

Was sollte Ziel sein unserer Erziehung?

Die Beziehung. Und zwar im Sinne einer Straße mit Gegenverkehr, keiner Einbahnstraße. Am Ende sollten Alt und Jung voneinander gelernt haben und aneinander gewachsen sein.

Und welche Eltern brauchen Kinder?

Die brauchen Eltern, die sich genau auf diesen Transformationsprozess einlassen. Die keine Angst haben davor, dass mit Familie nichts mehr so sein wird wie früher. Eine Familie ist kein Horrortrip, sondern eine Zugewinngemeinschaft, in der man nur gewinnen kann - wenn man sich auf sie einlässt.

Was haben Sie gelernt vom Leben mit Ihren Kindern?

Ich war immer mehr ein Einzelkämpfer in meinem Leben, ich habe gedacht, alleine komme ich allerbestens zurecht. Aber dann waren die Kinder da, und plötzlich stand ich, wenn die krank wurden, so hilflos am Bett. Ich war dann schnell mit meinem Latein am Ende. Und habe gelernt: mich eben doch auf die anderen einzulassen. Freundlich auf die Kinder zu schauen - und auf mich. No man is an island.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Ich geh aber nicht mit zum Wandern von Mathias Voelchert und Andrea Kästle

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