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US-Wahlkampf: 7 Gründe, warum Donald Trump im November tatsächlich gewinnen könnte

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DONALD TRUMP
7 Gründe, warum Donald Trump im November tatsächlich gewinnen könnte | Lucas Jackson / Reuters
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Senator Bob Casey, ein Demokrat aus Pennsylvania, hat in seinem Leben in der amerikanischen Politik schon so viele Verwerfungslinien miterlebt, dass er auf die von Trump ausgelösten Erschütterungen ganz besonders empfindlich reagiert. Denn: Er befürchtet, dass sie im November zu einem Erdbeben werden könnten.

"Ich bin beunruhigt", sagte er. "Donald Trump zu schlagen wird nicht so leicht werden, wie es vielleicht aussehen mag."

Casey ist ein römisch-katholischer Abtreibungsgegner, der sich bisher für das Recht auf privaten Waffenbesitz ausgesprochen hat - und das in einem Bundesstaat, den der demokratische Berater James Carville einst als "Pittsburgh und Philadelphia mit Alabama dazwischen" beschrieb.

"Das Problem liegt im Westen"

Er ist ein Demokrat der alten Schule, doch er ist auch für neuere demokratische Entwicklungen offen: Casey ist auf der Seite der Gewerkschaften und zeigt sich dem globalen Handel gegenüber skeptisch; er verteidigt die staatliche Rentenversicherung (Social Security), die öffentliche und bundesstaatliche Krankenversicherung (Medicare), das amerikanische Gesetz, das den Zugang zur Krankenversicherung regelt (Obamacare) und die gleichgeschlechtliche Ehe.

Diese Mischung kommt gut an: Im Jahr 2012 wurde Casey erneut zum Senator gewählt – er war der erste demokratische Senator in Pennsylvania, dem dies innerhalb eines halben Jahrhunderts gelang – und eilte in diesem Jahr sogar Barack Obama voraus. Er kennt also sein Volk.

Casey geht davon aus, dass Hillary Clinton, die mutmaßliche (wenn auch schwächer gewordene) Präsidentschaftskandidatin der Demokraten, in Philadelphia, sowie in den umliegenden Vororten und möglicherweise auch in seiner Heimatstadt Scranton, die im ärmlichen Nordosten des Bundestaates liegt, gut abschneiden wird.

"Wir müssen Trump ernst nehmen"

"Das Problem liegt weiter im Westen", sagte er. Dort leben in den Städten nämlich sehr viele Wähler, die früher als "Reagan-Demokraten" bezeichnet wurden. Sie haben sich noch nicht davon erholt, dass die Wirtschaft eingebrochen ist und dass Arbeitsplätze in der Industrie ausgelagert wurden – außerdem gehört der Unmut Washington gegenüber und die für Küstengebiete typische Abschottung genauso zu dem Gebiet wie Kohleflöze und Wälder.

"Wir müssen Trump ernst nehmen", so Casey.

Und das tut der Senator auch.

Aus diesen sieben Gründen könnte Donald Trump tatsächlich der neue Präsident werden:

1. "Es ist die Wirtschaft, Dummkopf." Dieser berühmte Ausspruch stammt ebenfalls von Carville (er entstand in Bill Clintons Wahlkampf im Jahr 1992).

Und: Er fasst Trumps Chancen ziemlich gut zusammen. Zum einen ist da Caseys Sorge bezüglich der Städte "weiter draußen im Westen" sowie die nicht zu leugnende Stagnation der amerikanischen Mittelschicht. Außerdem besteht die Möglichkeit, dass die Wirtschaft noch schwächer werden könnte.

Selbst der Aufstieg Trumps könnte zu einer Krise an den Märkten führen – das tut er vermutlich sogar schon – doch dadurch wird es für Hillary Clinton nicht gerade leichter (wenn nicht sogar unmöglich), nicht in die Rolle der "amtierenden" Verteidigerin von Obamas Wirtschaftspolitik gedrängt zu werden.

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Wie werden die Anhänger von Bernie sich im November verhalten? Credit: Getty Images

2. Die Demokraten sind gespalten. Senator Bernie Sanders ist fest entschlossen, seinen Kreuzzug bis zum Wahlparteitag der Demokraten im Juli in Philadelphia fortzuführen und in die Rolle eines anderen gescheiterten Kandidaten zu schlüpfen, nämlich in die Rolle, die der verstorbene Ted Kennedy 1980 in New York spielte: Er war der Star in der Show eines anderen Kandidaten. Kennedys dramatischer Abschied stahl dem amtierenden Präsidenten Jimmy Carter die Schau und prophezeite Carters Niederlage gegenüber Ronald Reagan.

Die entmutigten Anhänger Kennedys akzeptierten Carter schließlich, wenn auch widerwillig, weil sie gegenüber der Partei, die sie lange beherrscht hatten, noch immer eine gewisse Loyalität empfanden. Diese Loyalität fehlt den Anhängern von Sanders jedoch, und ihr Anführer genießt innerhalb der Demokratischen Partei auch keinen guten Ruf. Hinzu kommt, dass der Einfluss der sozialen Medien sehr groß ist und die Anhänger dort bei selbstveranstalteten virtuellen Parteiversammlungen tun können, was sie wollen, ganz egal was Bernie sagt.

3. Die Schwäche der Republikaner. Einige Republikaner und konservative Kommentatoren wie David Brooks von der „New York Times“, warnen die Republikaner davor, dass es zu einem "Joe-McCarthy-Moment" kommen könnte, in dem sie entweder Trump ablehnen oder riskieren müssen, dass sie sich später einmal für die Entscheidung für ihn rechtfertigen müssen. Außerdem geloben einige Republikaner noch immer, dass sie Trump niemals unterstützen werden.

Doch die Spitzenpolitiker der Republikanischen Partei wie der Vorsitzende Reince Priebus interessieren sich mehr für unmittelbaren Frieden als für ihren Platz in der Geschichte und anpassungsfähige Figuren. Jon Huntsman, der ehemalige Gouverneur von Utah, sagten bereits, es sei keine große Sache, wenn Trump nominiert würde.

Die Republikanische Partei hatte bei ihrem letzen "Joe-McCarthy-Moment" versagt. Senator McCarthy brachte sich durch seinen Charakter, der durch eine neumodische Errungenschaft namens Rundfunkfernsehen dargestellt wurde, selbst zu Fall – und nicht durch andere Mitglieder der Republikanischen Partei.

Wird Senator Ted Cruz, der am Dienstag Abend aus dem Wahlkampf ausgestiegen ist, seine evangelischen Lakaien dazu auffordern, sich im November gegen die Republikanische Partei zu entscheiden? Nein. Er wird die Füße still halten und darauf hoffen, dass er 2020 die Scherben aufsammeln kann.

4. Die Schwäche der medialen Berichterstattung. Dahinter stecken zwei Probleme. Eines davon ist eine falsche Gewichtung der Journalisten. Die Berichterstatter haben Trumps Vorgeschichte, vor allem Details zu seinen Geschäften und zu seinem Privatleben, noch nicht komplett durchleuchtet. Doch seine Vergangenheit wird ebenso wie Clintons Vergangenheit noch früh genug zum Thema gemacht und miteinander verglichen werden. Die daraus resultierende Unruhe wird es Trump leichter machen, einfach mit durchzurutschen.

Das zweite Problem ist die Gier der Medien nach Aufmerksamkeit. Je näher Trump dem Weißen Haus kommt, je furchterregender er wird, je verzweifelter seine Gegner werden – desto mehr Augen sind auf Smartphones und Fernseher gerichtet.

Das bedeutet, dass die "freien" Medien weitere Milliarden für Trump zur Verfügung stellen.

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Hillary Clintons Chancen auf die Präsidentschaftskandidatur sind noch immer hoch, doch danach wird der Weg steiniger für sie. Credit: Getty Images

5. Hillary, die "Herrscherin". So viel Clinton auch über neue Pläne und einen Neubeginn spricht- sie muss sich dennoch an der schwierigen Aufgabe versuchen, in der dritten Amtszeit in Folge für dieselbe Partei im Weißen Haus zu regieren. Das kam zuletzt im Jahr 1988 vor.

Was jedoch noch mehr ins Gewicht fällt ist die Tatsache, dass Clinton und ihr Mann in der Demokratischen Partei so viel Macht besitzen, dass dies eine Art Amtszeit innerhalb einer Amtszeit darstellt. Und dies ist in Zeiten, in denen die Wähler Washington enorm geringschätzen, eine gefährliche Position.

"Es gibt Gründe dafür, warum ein 74-jähriger Sozialist aus Brooklyn sich so gut schlägt", so Sanders’ Medienberater Tad Devine, der seit Jahrzehnten mit dem Politiker befreundet ist. "Die Unzufriedenheit mit der bestehenden Regierung ist unglaublich hoch, und Clinton repräsentiert diese Regierung."

Es ist nicht verwunderlich, dass Trump Sanders mittlerweile als eine Art Verbündeten bezeichnet. Wird der Senator dem widersprechen und seinem Unmut über Trump kundtun? Und selbst wenn er das tut - werden seine Anhänger das auch so sehen?

6. Trump verändert immer wieder seinen Kurs. Wenn man noch nie zur Wahl angetreten ist und noch keine gefestigten Ansichten hat, kann man seine Position jederzeit so verändern, dass sie im Moment gut passt. Ein gutes Beispiel dafür ist Trump, der weiß, wie er am besten Profit schlägt und sich momentan mehr auf die gesellschaftliche Mitte ausrichtet.

Dieses Vorgehen ist zynisch und durchtrieben, doch es könnte funktionieren. Die Meßlatte liegt niedrig für ihn und die Erwartungen an ihn sind so gering, dass Trump extrem viel Bewegungsfreiheit genießt.

7. Die Zahlen sprechen für ihn. Angesichts seiner ungeheuerlichen, rassistischen und sogar von Gewalt geprägten Reden ist es erschreckend, dass Trump beim inoffiziellen Beginn der im Herbst stattfindenden Wahl zum Präsidenten nicht besonders weit zurückliegt.

Auch dass er sich bei der Wahl des Electoral College durchsetzt, ist keine Unmöglichkeit mehr. Mit der möglichen Ausnahme Arizona gibt es nur wenige rote Staaten des Wahljahrs 2012, wenn es denn überhaupt welche gibt, die er verlieren könnte.

Außerdem gibt es mindestens fünf große, blaue Staaten, in denen er speziell um die Wählerstimmen der früheren Reagan-Demokraten kämpfen könnte. Diese Staaten sind Florida, Ohio, Virginia, Wisconsin und ja, auch Pennsylvania.

Insgesamt wären das mehr als genug Wahlmännerstimmen, um damit Trumps Einzug ins Weiße Haus zu sichern.

Bob Casey wird alles dafür tun, dass sein Bundesstaat nicht Trump zufällt, doch es gibt keine Garantie, dass dies nicht doch passieren wird.

Anmerkung des Autors: Donald Trump hetzt regelmäßig zu politischer Gewalt auf und er lügt ständig. Außerdem ist er ein hemmungsloser Fremdenhasser, ein Rassist, ein Frauenfeind und er ist ein Anhänger der "Birther-Bewegung", welche die amerikanische Staatsangehörigkeit von Barack Obama anzweifelt. Zudem hat er wiederholt ein Einreiseverbot in die USA für alle Muslime – für 1,6 Millionen Angehörige einer Religion – gefordert.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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