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Jan Böhmermann: Sein Glaube an die Grundrechte ist erschüttert

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Jan Böhmermann zeigt sich von der deutschen Politik enttäuscht

Während sich der Wirbel um sein dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (62) gewidmetes Gedicht "Schmähkritik" zu einer handfesten Staatsaffäre entwickelte, hatte sich Satiriker Jan Böhmermann (35, "Alles, alles über Deutschland") in den vergangenen Wochen weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Nun sprach er mit der Wochenzeitung "Die Zeit" erstmals über die Affäre und erklärte unter anderem die Begründung seiner Absage der Grimme-Preisverleihung am 8. April - "Ich fühle mich erschüttert in allem, an das ich je geglaubt habe", hatte Böhmermann damals mitgeteilt.

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Konkret gemeint habe er damit den Glauben "daran, dass jeder Mensch in Deutschland ein unverhandelbares, unveräußerliches Recht auf gewisse Grundrechte hat: die Freiheit der Kunst und die freie Meinungsäußerung", erklärte Böhmermann. "Ich habe geglaubt, dass es die Aufgabe von Politik ist, für die nötige Freiheit zu sorgen, dass Spaßvögel wie ich in Ruhe und mit Sorgfalt ihren Job machen können." Stattdessen habe Bundeskanzlerin Angela Merkel (61, CDU) ihn "filetiert, einem nervenkranken Despoten zum Tee serviert und einen deutschen Ai Weiwei aus mir gemacht."

Der Satiriker wies mehrfach darauf hin, dass man das Gedicht - das er nicht selbst geschrieben habe ("Quelle: Internet") - nicht für sich alleine stehend, sondern nur im Kontext seiner Show betrachten dürfe. "Das Gedicht ist nur ein Teil der Nummer und sollte nicht aus dem Zusammenhang gerissen und einzeln betrachtet werden", betonte er. Einfach nur Erdogan zu beleidigen, sei ihm "zu doof". "Die für mich schmerzhafteste Vorstellung ist wirklich, dass mich jemand wegen dieser Nummer ernsthaft für einen Rassisten oder Türkenfeind halten könnte", erklärte Böhmermann. "Es geht um die Grenzen der Freiheit in Deutschland."

"Turbulente Wochen" für den Privatmann Böhmermann

Überrascht zeigte sich Böhmermann, der zwischenzeitlich unter Polizeischutz stand, über die massiven Auswirkungen der Affäre auf sein Privatleben. "Das war eine wahnsinnig gute Nummer - bloß schade, dass sie von mir war", habe er seinen Freunden und seiner Familie immer wieder gesagt. "Künstlerisch war unser humoristisches Proseminar 'Schmähkritik' ein unglaublicher Erfolg", der überfällige Diskussionen ausgelöst habe. "Als Privatperson waren die letzten Wochen für mich und mein Umfeld allerdings, ohne da näher ins Detail gehen zu wollen, ein wenig turbulent", berichtete er.

"Wenn eine deutsche Regierungschefin das freie Arbeiten eines deutschen Künstlers nicht verteidigt, sondern denjenigen und seine Arbeit ohne Not gegenüber einem wannabe-Diktator zur Verhandlungsmasse erklärt, hat das dramatische und ganz reale Konsequenzen - in diesem Fall für meine Familie und mich", erklärte Böhmermann. "Das hätte ich nicht gedacht, aber da muss man eben durch, nützt ja nichts."

Nachricht an Altmaier als Verzweiflungstat?

In dieser Situation habe er sich auch über Twitter an Kanzleramtsminister Peter Altmaier (57, CDU) gewandt: "Diese Nachricht habe ich nicht ohne Not und sicher nicht in einer Situation geschrieben, wo Sie noch daran denken, was jetzt besonders cool rüberkommt." Auch hier sei es ihm vor allem darum gegangen, klarzustellen, dass man das "Schmähgedicht" nicht aus dem Kontext der Sendung reißen dürfe. Er habe jedoch von Altmaier nie eine Antwort bekommen.

In seiner Sache setze der Satiriker nun "mehr auf die Justiz als die Politik" und äußert sich zu dem anstehenden Gerichtsverfahren optimistisch. Als Schöffe habe Böhmermann "einen Blick unter die Roben und Talare der deutschen Justiz werfen können", berichtete er. "Der deutsche Rechtsstaat wird sich meiner kühl und gerecht annehmen, da bin ich voller Zuversicht." Böhmermanns Auszeit jedenfalls ist offenbar vorbei: Am 12. Mai werde er mit dem "Neo Magazin Royale" in ZDFneo weitermachen.