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Doch! Erziehen kann leicht sein

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CHILD UPSET
Doch! Erziehen kann leicht sein | abitofSAS photography www.abitofsas.com via Getty Images
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Die kleine Meckerziege

In der Kinderkleider-Abteilung eines Kaufhauses stand ich in der Schlange an der Kasse. Vor mir eine Mutter mit einem Mädchen, das vielleicht knapp ein Jahr alt war. Es konnte gerade laufen, wankte von dem Bein der Mutter einen halben Meter zum Buggy und wieder zurück. Vier- oder fünfmal.

Dann wurde die Kleine müde und fing an zu weinen. „Du alte Meckerziege", sagte die Mutter und nahm sie unsanft an die Hand. „Du alte Meckerziege?" Hatte ich richtig gehört? Meinte sie diesen kleinen Menschen mit den wasserblauen Augen und dem Nacken voller Locken? Alte Meckerziege? Okay, mein Mann nennt unseren Sohn auch gern „Spacken". Aber der kann seit mindestens acht Jahren Ironie verstehen.

Aber dieses kleine Mädchen? Es konnte nur Tage her sein, dass es das erste Mal ganz allein auf seinen eigenen wackeligen Beinen stand. In dem Alter ist das die Kategorie „Mondlandung". Man richtet sich auf, sackt wieder zusammen, rappelt sich auf, hat diesen völlig neuen Ausblick. Und dann plumpst sie wieder weg, die neue Welt. Alles beginnt von vorn. Das ist aufregend und anstrengend. Da wird man doch mal müde sein dürfen!

Das Mädchen hörte nicht auf, vor sich hin zu meckern. Es war kein Schreien, kein Weinen. Eher so ein beleidigtes Blubbern wie von unserem Wasserkocher. Die Mutter schob den Buggy mit einem Stapel Kleider ein paar Zentimeter weiter. Die Kleine verlor das Gleichgewicht, der Körper umkreiselte Mutters Bein und landete auf dem Po. Mutter zog sie am Ärmchen wieder hoch. „Du alte Meckerziege!"

Ich wollte schon anbieten, dass ich mal an dem anderen Ärmchen zerren könnte. Nur so zum Ausgleich. Da nahm Mutter die Kleider vom Buggy und stopfte das Kind unter den Bügel in den Sitz. Jetzt weinte es richtig. Die Kassenschlange kam auch nicht richtig voran. Also Schnuller in den Mund gestopft. Die Kleine spuckte ihn wieder aus, drückte sich mit durchgebogenem Rücken aus dem Sitz.

„Setzt du dich wohl hin, du alte Meckerziege." Mutter stopfte sie zurück, stopfte den Schnuller wieder rein, hielt diesmal die Hand davor, damit er nicht gleich wieder rausflog. Es wurde gestopft, gedrückt, geschoben, gar nicht richtig hingeguckt, die Kleider auf den Arm genommen statt das Kind. Was fehlte, war ein Gefühl für das Mädchen, das eine Dosis Nähe brauchte nach all den Aufregungen in dieser glitzernden Kaufhauswelt, nach all dem Ausbalancieren auf den krummen Beinen.

Der Pädagoge Wolfgang Bergmann beschreibt in seinem Vortrag „Wie Kinder Gefühle lernen" eine ähnliche Situation und formuliert, wie ein noch sehr auf Mutter oder Vater bezogenes Kleinkind sich fühlt in so einer Kaufhaussituation:

„Ich bin ganz allein, Mama schaut mich nicht an, ich weiß nicht mehr, wer ich bin, ich erfasse die Welt nicht mehr." Die Frau in der Schlange hätte ich am liebsten zur Rede gestellt. Ich weiß, das ist unfair. Ich habe Kinder, die so groß sind, dass ich sie allein zu Hause lassen kann.

Ich kann in Ruhe bummeln gehen, die Szenerie beobachten und mich über eine Frau erheben, die vielleicht seit Tagen kaum geschlafen hat, weil die Kleine zahnt, Durchfall hat, Papa nicht hört, wenn sie nachts weint, Schwiegermutter findet, dass sie sowieso alles falsch macht ... Vielleicht regt es mich auch auf, weil ich oft ähnlich reagiert habe, als die Kinder klein waren, weil ich überfordert war und auch nicht wusste, was in solch einer Situation hilft. Dabei wird es wirklich leichter, wenn man ein paar Dinge beachtet.

Tipps

1. Schauen Sie genau hin, versetzen Sie sich in das Kind hinein und machen Sie sich klar, wie viele Reize in so einer Kaufhauswelt oder in vergleichbaren Situationen für ein Kleinkind zu verarbeiten sind: viele fremde Menschen, Musik, jede Menge Spiegel, Rolltreppen, Aufzüge, Schaufensterpuppen...

2. Nennen Sie das Kind beim Namen oder benutzen Sie eine liebevollere Koseform als „alte Meckerziege".

3. Lassen Sie die Kleider auf dem Buggy, nehmen Sie lieber das Kind auf den Arm oder bauen Sie anders Körperkontakt auf, indem Sie zum Beispiel in die Knie gehen und es umarmen oder über den Kopf streichen.

4. Sagen Sie Dinge wie: „Ich sehe, du bist müde von der ganzen Lauferei, oder?" Versuchen Sie, die Gefühle des Kindes zu verstehen und in Worte zu fassen. Durch das „Spiegeln", wie Pädagogen das nennen, fühlt es sich nicht nur verstanden und kann sich schneller beruhigen, sondern lernt auch, sein inneres Erleben in Sprache auszudrücken. So werden Kinder selbstsicher.

Wenn der Zwerg das Sagen hat

Mir war von Anfang an wichtig, Kinder nicht zu behandeln, als wären sie unfertige Halbmenschen, die es zu disziplinieren und zu formen gilt. Jahre später habe ich erkannt: Diese Überzeugung darf nicht dazu führen, dass man vor lauter Ehrfurcht vor diesem neuen Menschen in eine Verantwortungsstarre fällt und der Zwerg das Sagen hat, kaum dass er die ersten Worte sprechen kann.

Wenn man Eltern wird, muss man bereit sein zu führen. Ich war das anfangs nicht. Ich war so begeistert von dieser Schöpfung mit den Speckbeinchen und den braunen Smarties-Augen, dass ich meinen ganzen Tag nach dem kleinen Kronprinzen ausrichtete, meine eigenen Bedürfnisse total zurückstellte und sofort am Bettchen stand, wenn er auch nur einen Muckser von sich gab.

Im Alter von etwa einem dreiviertel Jahr liebte es seine Durchlaucht, Treppen hoch zu krabbeln. So konnte man uns beide in dem Haus, in dem wir damals unsere erste Wohnung hatten, im Flur antreffen, beide auf allen Vieren auf der Treppe.

„Das ist gut für die motorische Entwicklung", erklärte ich der Mülltüte, mit der ich plötzlich auf Augenhöhe war. Unser Nachbar von oben hielt sie in der Hand und betrachtete nachdenklich Mutter und Sohn, die nebeneinander auf allen Vieren die Treppe bezwangen. Der ältere Herr schien nur noch zu überlegen, ob er mich in der Psychiatrie oder lieber in der Hundeschule anmelden sollte.

Das Treppenkrabbeln bereue ich nicht. Das hat Spaß gemacht. Aber es gab Phasen, in denen wir gar nicht aus dem Haus kamen, weil ich nicht wagte einzuschreiten, wenn mein Sohn unbedingt alle seine 23 Autos in die Taschen vom Schneeanzug stopfen wollte.

Das führt zu Baby-Burn-out. Nicht beim Baby, sondern bei seiner Mutter. Meinen früheren Job als Zeitschriften-Redakteurin fand ich vergleichsweise erholsam. Dabei hätte ich es mit ein paar Kenntnissen über diese Kindheitsphase leichter haben können.

Tipps

1. Akzeptieren Sie, dass Sie als Mama oder Papa eine familiäre Führungskraft sind. Bei aller Achtung vor der Autonomie des Kindes halten Sie die Fäden immer in der Hand.

2. Drucken Sie den Satz „Ich bin und bleibe hier der Chef" in den schönsten Schriften aus und hängen Sie ihn überall in der Wohnung auf. (Wahlweise auch: „Papa und ich sind hier die Chefs.")

3. Suchen Sie nach Möglichkeiten, das Baby in der Nähe zu haben und trotzdem Ihre Arbeit machen zu können. Bei den Kleinen ist Nähe, Ansprache und Einbeziehen wichtig, nicht unbedingt Bespielen und Bespaßen.

4. Stellen Sie einen Korb mit Deckel in den Wohnraum und sammeln Sie darin die verschiedensten Gegenstände: Schneebesen, Holzlöffel, kleine Trommel, Schlüsselbund, ein Stück Fell, Ball, Zipfeltuch, verschiedenste Rasseln, damit immer etwas zum Entdecken und Spielen greifbar ist, aber auch schnell wieder verschwinden kann. Nehmen Sie keine verschluckbaren Teile, aber gern die verschiedensten Materialien und unbedingt Sachen, die Geräusche machen.

5. Achten Sie die körperlichen Bedürfnisse des Kindes (Hunger, Schlaf, Wachsein, Wärme, Kälte) von Anfang an, drängen Sie ihm zum Beispiel kein Essen auf. Aber wann Sie den Spielplatz verlassen, ob es ein Eis gibt und welche Schuhe Sie kaufen, bestimmen Sie.

6. Im Konfliktfall schadet es nicht, das schreiende Kind auf den Arm zu nehmen und stoischen Schrittes den Tatort (zum Beispiel den Laden oder Spielplatz) zu verlassen. Klare Ansagen geben Halt.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Doch! Erziehen kann leicht sein von Uta Allgaier. Die Autorin betreibt diesen Blog.

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