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Depressionen: Was ich sagen würde, wenn ich offen sprechen könnte

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DEPRESSION
Was ich sagen würde, wenn ich ehrlich über meine Depression sprechen könnte | Jupiterimages via Getty Images
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Dieser Blog erschien zuerst bei The Mighty.

Es geht mir nicht gut.

Ich wünschte, ich könnte es dir sagen. Ich will es so oft tun. Immer, wenn du mich fragst, wie es mir geht.

Es geht mir nicht gut.

Das will ich sagen.

Stattdessen nicke ich nur. Ein kräftiges Nicken. Manchmal nicke ich mehrmals. Um mich sicher zu fühlen.

Ich neige den Kopf leicht nach links.

Ich passe auf, dass mein Lächeln strahlend, aber nicht zu strahlend ist.

Es geht mir gut!

Ich bin eine gute Schauspielerin

Und dann gehe ich plötzlich dazu über, über dich zu sprechen. Dich zu fragen, wie es dir geht. Was so los war bei dir. Ich will das Thema schnell wechseln, möglichst weit weg von mir. Merkst du, wie gut ich das kann? Manchmal erstaunt es mich selbst, was für eine gute Schauspielerin ich bin.

Ich fühle, dass ich innerlich immer etwas mehr sterbe. Ich bin wütend, dass ich schon wieder die Gelegenheit habe verstreichen lassen. Eine weitere Gelegenheit, mich endlich zu öffnen. Nur ein bisschen, um die bösen Geister rauszulassen.

Aber ich tue es nicht. Ich kann es nicht. Aber will es so sehr. Ich kann es einfach nicht.

Denn es ist so: Gestern ging es mir noch gut. Letzte Woche ging es mir noch gut. Den ganzen letzten Monat über ging es mir gut!

Dann kam es zurück. Das tut es immer. Es trickst mich aus. Aber dich noch mehr.

Ich wusste, es würde zurückkommen

Du siehst doch, wie gut es mir ging. Großartig. Fantastisch sogar. Das war wirklich so, und du sollst es wissen. Aber du, wie auch viele andere, wurden getäuscht. Ihr denkt, vielleicht ist es jetzt für immer weg, aber so ist es nicht. Dieses gute Gefühl, ich war so glücklich. Ich kann es schaffen.

Aber da bist du nicht allein. Mir geht es auch so. Tief im Innern kannte ich die Wahrheit immer. Ich wusste, es würde zurückkommen. Das tut es immer.

Daher kann ich es dir nicht sagen. Ich mag das Gefühl, dass jemand stolz auf mich ist. Ich mag es, auch mal etwas Anderes zu hören als die Sorge, die mitschwingt, wenn man mich fragt, wie es mir geht. So lange ich es nicht laut ausspreche.

Ich bin krank.

Dann kann ich noch eine Weile so tun, als ginge es mir gut.

Daher kann ich es dir nicht sagen. Ich will nicht, dass das alles vorbei ist.

Bald kann ich mich nicht mehr wehren

Obwohl ich dich brauche. Je mehr ich strample, um immer an der Wasseroberfläche zu bleiben und ein Lächeln zeige, desto mehr entferne ich mich. Nicht nur von dir. Von allem. Der Familie. Freunden. Fremden. Der Welt.

Je länger ich es für mich behalte, dass dieser ungewollte Eindringling wieder da ist, desto schwerer wird es für mich, ihn zurückzudrängen. Desto schwerer wird es für mich, ihn aus meinem Haus zu werfen. Aus meinen Gedanken. Desto schwerer wird es für mich, mich gegen seine Avancen zur Wehr zu setzen.

Irgendwann werde ich müde. Und dann reißt er meine letzten Barrieren ein. Das, was noch davon übrig ist.

Mein Therapeut sagt, ich muss mich jemandem anvertrauen.

Wer sind deine guten Freunde? Vielleicht jemandem von ihnen?

Ich habe keine Ahnung.

Wer ist deine beste Freundin?

Ich bin stumm. Ich habe keine Antwort. Ich kann nichts sagen.

Ich sage ihm, dass ich es nicht weiß. Ich sage ihm, dass ich mich so weit weg von allen fühle. Ich glaube nicht, dass ich überhaupt Freunde habe. Ich sage ihm, dass ich mich niemandem nahe fühle.

Er fragt mich, wann ich das letzte Mal eine beste Freundin hatte. Ich sage ihm, dass ich mich nicht erinnern kann.

Ich habe nicht die Energie, mich gegen meine Gefühle zu wehren.

Er sagt mir, dass es mein Gehirn ist, das mir diese Dinge vorsagt. Und ich weiß es. Aber ich kann diese Gefühle und Gedanken, die sich einmal mehr in meinem ohnehin schon überfüllten Inneren eingenistet haben, nicht abschütteln. Ich habe nicht die Energie, mich gegen sie zu wehren.

Die Einsamkeit. Die Traurigkeit. Die Taubheit. Die Müdigkeit. Die generelle Melancholie, die immer um mich herum schwebt. So dick, dass ich sie manchmal sogar sehen kann. Ein dichter Nebel. So schwer wie die schwüle Sommerluft, wenn man sich nur Erlösung von der Hitze wünscht.

Sie erstickt dich. Sie ist nicht heiß, die Luft ist kalt. Sie betäubt mich mehr, als dass sie mich auftaut.

Ich will es dir sagen, aber ich kann nicht

Mir ist immer kalt. Aber nachts wache ich schweißgebadet auf. Meine Laken sind ganz nass. Die Nebenwirkung meiner furchtbaren, gewalttätigen, zermürbenden Träume. So lebhaft, dass ich oft schreie und weine. In den Schatten lauern Gestalten, aber das Licht macht mir noch mehr Angst. Ich höre die Leute flüstern. Es geht um mich.

Ich will dir sagen, dass ich Samstagnacht im Badezimmer auf dem Boden saß und meine Knie umklammerte, so fest ich nur konnte. Ich wollte verhindern, dass ich noch weiter zerfalle.

Ich will dir sagen, wie sehr mich mein Schluchzen verängstigt hat. Dass ich vor Qual schreie. Ich will dir erzählen, was mir dann als einziges hilft. Aber ich will dir keine Angst machen.

Ich will dir von der Hand erzählen, die grob nach meinem Herzen greift. Jedes Mal, wenn ich aus dem Haus gehen will. Ich will dir von dem Schwindel erzählen, der mich ergreift. Manchmal reicht schon, dass ich nur das Zimmer durchquere. Von der Kurzatmigkeit, die dann eintritt. Aber ich bin zu müde.

Ich will dir keine Last sein

Ich will nicht, dass du mich als Last empfindest. Als eine weitere Quelle der Angst. Der Sorge. Ich will dein Mitleid nicht. Ich will dir keinen weiteren Punkt für die Liste liefern. Die Liste der Dinge, die mit mir nicht stimmen.

Ich will dein Glück nicht mit meiner Verzweiflung stören. Ich will nicht, dass du glaubst, mich mit Samthandschuhen anfassen zu müssen. Wie etwas Zerbrechliches, das kaputt geht, wenn man zu laut spricht.

Denn ich brauche dich. Ich brauche dich, damit du mich daran erinnerst, wie stark ich bin. Ich brauche dich als Ruheort. Eine Bank, auf der ich eine Pause machen kann. Auf der ich leise weinen kann. Etwas, das mir Stabilität gibt, damit ich nicht falle.

Ich brauche Rat. Ich brauche dich nicht zum Reden. Ich brauche dich, damit du zusammen mit mir schweigst. Ich brauche dich neben mir, damit du meine Hand halten kannst. Damit du mir aufhelfen kannst.

Ich brauche dich, damit die Einsamkeit, die Traurigkeit und die Verzweiflung mich nicht ertränken. Ich brauche etwas Hilfe beim Strampeln und Schwimmen.

Aber das kann ich dir nicht sagen. Ich kann es dir nicht sagen, weil ich Angst habe, es mir selbst einzugestehen. Du musst wissen, dass mein Schweigen nicht bedeutet, dass ich wütend auf dich bin. Meine patzigen Antworten bedeuten nicht, dass ich gerade nicht reden will.

Es bedeutet, dass ich nicht weiß, wie ich reden soll. Ich weiß nicht, wie ich mein Gehirn mit meinem Herzen und meinem Mund verbinden soll. Ich habe vergessen, wie man das macht.

Und darum flüstere ich es ganz leise. In der Hoffnung, dass es sich unter all diesen Gedanken verliert.

Mir geht es nicht gut.

Dieser Artikel erschien zuerst auf The Mighty und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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