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"Kriminalisierung ist die schlimmste Nebenwirkung": Warum Deutschland endlich eine Cannabis-Revolution braucht

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CANNABIS
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Gebt das Hanf frei!

Was jahrelang als sozialromantische Spinnerei von den Grünen und ein paar Hippies abgetan wurde, ist endlich in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Selbst Teile der CDU, traditionell Deutschlands konservative Bastion gegen das legale High-Sein, bewegen sich mittlerweile.

Am Dienstag erst hatte sich Gesundheitsminister und Unionspolitiker Hermann Gröhe für einen staatlichen Cannabis-Anbau ausgesprochen, um Schwerstkranken zu helfen. Viele sehen den Vorstoß schon als ersten Schritt zur völligen Legalisierung des Marihuana-Gebrauchs.

So weit ist das Land zwar noch nicht. Klar ist aber auch: In Deutschland formiert sich gerade in vielen Teilen der Gesellschaft eine breite Bewegung. Eine Bewegung, die überzeugt ist, dass eine Freigabe von Cannabis mehr Vor- als Nachteile hat - für Gesellschaft und Staat. So wie in Bremen: Dort hat die Bürgschaft gerade einen Antrag beschlossen, nach dem Kiffer künftig vor Strafverfolgung geschützt werden sollen.

Die Huffington Post hat Politiker, Cannabis-Befürworter und Sucht-Experten gefragt, was sie von einer Legalisierung halten - und welche Folgen eine Freigabe für unser Land haben könnte.

Dieter Janecek, wirtschaftspolitischer Sprecher der Grünen-Bundestagsfraktion

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“Wir sollten endlich akzeptieren, dass die meisten Probleme, die mit dem Konsum illegaler Drogen zusammenhängen, Folge des Verbots und fehlenden Schutzes der Konsument/innen sind.

Mittlerweile ist längst bekannt: Die Tatsache, dass eine Substanz illegal ist, wirkt sich weder auf die Nachfrage, noch auf das Angebot in relevanter Weise aus. Trotzdem reagiert die Politik mit der alten, nicht-bewährten Mischung aus Repression, Stigmatisierung und Problemverlagerung."

Sylvia Bruns, gesundheitspolitische Sprecherin der FPD-Fraktion in Niedersachsen

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“Die schlimmste Nebenwirkung von Cannabis ist die Kriminalisierung. (...) Dagegen würde die Legalisierung eine Reihe von Vorteilen haben. So könnte der Staat den Cannabis-Handel besteuern - analog zur Branntwein- oder Tabaksteuer.

Dem Fiskus entstünden dadurch zusätzliche Einnahmen im zehnstelligen Bereich - Experten rechnen mit ein bis zwei Milliarden Euro pro Jahr. Dieses Geld könnte in Schulen oder Aufklärungs- und Präventionsarbeit investiert werden. Gleichzeitig hätten wir eine Entlastung von Polizei und Justiz."

Robert Brungert, Deutscher Hanfverband

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"Wie bei den Zuckerrüben oder Milchkühen könnte es Kontingente für die Produktion geben, um eine Übersättigung vom Markt zu umgehen. Auch die Steuern oder der durch Auflagen aufgebürdete Aufwand dürfen nicht so hoch sein, dass der Schwarzmarkt einen unterbietet.

Den Schwarzmarkt sollte man eher über den üblichen Weg angreifen: Wer kein Unternehmen anmeldet und Waren handelt, macht sich angreifbar. Wer den Jugendschutz missachtet, kann ebenfalls geahndet werden. Es kann wie beim Tabak zusätzliche Regelungen geben, dass man ohne Lizenz nur eine begrenzte Anzahl von Pflanzen anbauen darf."

Gerrit Kamphausen, Soziologe und Kriminologe an der Universität Frankfurt:

"Die meisten Bürgerinnen und Bürger würden von einer sorgfältig regulierten und kontrollierten Cannabis-Legalisierung kaum etwas bemerken, oder allenfalls als Polit- und Medienspektakel, da sie sich schlicht und einfach nicht dafür interessieren, selbst Cannabis zu konsumieren.

Dennoch gehe ich davon aus, dass sich damit die Gesellschaft insgesamt positiv verändern wird, da weniger Menschen ausgegrenzt und stigmatisiert werden und weil bei den Strafverfolgungsbehörden Kapazitäten frei werden, sich um deutlich wichtigere Dinge zu kümmern."

Alexander Vogl, Autor bei der Cannabis-Plattform "WeedNews"

"In einem Deutschland, in dem Cannabis legal erworben und konsumiert werden kann, wären mehrere Millionen Menschen von einer großen Anzahl an Lasten befreit. Denn nicht nur die Angst vor der strafrechtlichen Verfolgung durch die Polizei würde ihnen genommen werden, auch die gesellschaftliche Ausgrenzung hätte ein Ende gefunden.

Nebenbei könnte der Schwarzmarkt, und insbesondere der damit verbundene Drogenhandel, effektiv und andauernd bekämpft werden. Die Polizeibeamten würden sich mehr als 160.000 Einsätze im Jahr sparen und hätten somit Zeit für andere Angelegenheiten."

Micky Randall, freier Autor:

Randall hat eine Zukunfts-Vision geschrieben. Sein Titel: "Wenn Gras legal wäre...":

"Der Konsum ist an öffentlichen Plätzen nicht gestattet und das ist auch gut so! Ein bißchen Verruchtheit muss man den Leuten doch noch zugestehen. Die Verbrechen die unter unter Cannabiseinfluss begangen werden, man hätte es nicht kommen sehen können, ist proportional 60 mal geringer, als die Verbrechen die unter Alkoholeinfluss, oder anderen Drogen begangen werden. Vollkommen entgegen der Erwartungen ist die Arbeitsleistung der Deutschen angestiegen.

Die Entwicklung hin zu kleinen Unternehmen und weg vom Großunternehmertum war bereits vor der Legalisierung in vollem Gange und hat sich nochmals verstärkt. Alleine durch die neu entstandene Hanfindustrie konnten 70.000 neue Stellen geschaffen werden. Verrechnet mit den Einsparungen bei der Polizei, stehen dem Bund nun in etwa 12 Mrd. € mehr zur Verfügung, als zur Zeit der Prohibition.

Es kann eine durchaus positive Bilanz gezogen werden, die uns Hoffnung für die Zukunft geben sollte."

Christopher Vogt, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Fraktion Schleswig Holstein

christopher vogt

"Was würde nun also in Deutschland passieren, wenn man die schwarzen und roten Freunde des Regulierens, Kontrollierens und Besteuerns von einer Cannabis-Legalisierung überzeugen würde? Ich gehe davon aus, dass man es im Alltag kaum merken würde. Die Vorteile wären aber kolossal: Millionen Bürger würden nicht nur entkriminalisiert, sie würden auch 'TÜV-geprüftes', gesünderes Zeug rauchen.

Das Gesundheitssystem würde wie der Staatshaushalt massiv profitieren. Die zusätzlichen Einnahmen sollten in die Drogenprävention fließen, damit aufgeklärte, mündige Bürger in Zukunft selbst entscheiden können, ob sie Alkohol trinken, Tabak rauchen oder kiffen wollen oder halt nicht.

Die Polizei und die Justiz könnten sich um wichtige Dinge kümmern und zum Beispiel Einbrecher jagen und die Organisierte Kriminalität bekäme tatsächlich endlich einmal einen harten Schlag verpasst, weil ein großes Geschäftsfeld für sie mit einem Schlag wegbrechen würde. Von den vielen neuen Arbeitsplätzen fange ich jetzt erst an."

Burkhard Blienert, SPD-Politiker und Bundestagsabgeordneter

blienert

„Cannabis sollte nicht isoliert, sondern als Teil des gesamten Spektrums von Suchtmitteln betrachtet werden. Und das relativiert dann wieder einiges. Es gibt positive Beispiele für die Legalisierung bzw. eine regulierte Abgabe von Cannabis in Europa, den USA, aber auch gerade in Lateinamerika. Diese sollten wir uns genau anschauen.“

Magnus Buhlert, stellvertretender Vorsitzender der FDP-Fraktion in der Bremer Bürgerschaft

buhlert

"Kiffer sind weitestgehend harmlos. Allerdings grenzt Kriminalisierung sie aus und verbaut ihnen viele Chancen. Holen wir die Menschen zurück in die Gesellschaft! Wenn die Strafbarkeit fällt, dann wird auch eine wirkliche Suchtprävention und ein ehrliches Zugehen auf Drogenkranke möglich.

Immernoch geistert der Glaube an Cannabis als Einstiegsdroge durch die Welt. Das war und ist falsch, auch wenn es immer wiederholt wird. Wer bewusstseinsverändernde Substanzen nehmen will, der probiert es zunächst mit Tabak oder Alkohol."

Gabriele Bartsch, Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen

bartsch

"Es ist wissenschaftlich unbestritten, dass der Konsum von Cannabis mit gesundheitlichen Risiken verbunden ist und zu Schäden führen kann. Das Verbot von Cannabis hat aber den Anspruch, präventiv zu wirken und sollte potenzielle Konsumenten vom Konsum abhalten. Es ist jedoch nicht belegt, dass das Cannabisverbot eine präventive Wirkung hat.

Unsere Forderung ist deshalb, dass es möglich sein muss, andere Umgangsformen mit Cannabis zu testen – z. B. eine zeitlich begrenzte und regulierte Abgabe von Cannabis in Modellversuchen. Hierzu sind in den letzten Jahren auf Ebene der Kommunen und Städten Initiativen entstanden."

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(lk)