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Wir waren seit 7 Jahren verheiratet, als mir klar wurde, dass mein Mann an Autismus leidet

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COUPLE COUCH TALKING
Ich war 7 Jahre mit meinem Mann verheiratet, bevor ich merkte, dass er Autist ist | Charlotte Nation via Getty Images
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Von Jessica Offer

Mein Mann CJ und ich haben vor kurzem das 10-jährige Jubiläum unseres Kennenlernens gefeiert. Wir feiern insgesamt sogar drei Jahrestage, doch dieser ist der wichtigste: er kennzeichnet das Datum, an dem mein bisheriges Leben komplett auf den Kopf gestellt wurde.

Mein Mann und ich

Mein Mann ist das Yang zu meinem Yin. Das Licht in meiner Dunkelheit. Das Ziehen zu meinem Drücken. Das "Stopp!" zu meinem "Los!". Er ist ein unglaublich toller Vater und immer für seine Mädchentruppe da. Er besitzt ein freches Grinsen und einen wunderbaren Sinn für Humor. Er ist großartig darin, mir den Kopf zurechtzurücken, wenn ich wieder bei irgendetwas zu weit gegangen bin und er ist immer der Erste, der sagt: "Warum musst du unbedingt immer alles auf die harte Tour lernen?" (Weil ich eben so bin, Schatz – ein Elefant im Porzellanladen.)

Mein Mann ist 33 Jahre alt. Und er leidet an Autismus.

Wir waren seit 7 Jahren zusammen, als wir feststellten, dass er Autismus hat. Bei meiner ältesten Tochter waren wir uns jahrelang nicht sicher darüber, doch dann ließen wir sie endlich untersuchen und bekamen die Diagnose. Und dabei stellten wir fest, dass auch CJ an Autismus leidet.

Schon ab ihrem vierten Lebensjahr war mir klar, dass meine älteste Tochter Sno nicht "neurotypisch" ist. Da ich damals noch nicht Auto fuhr, gingen wir überall zu Fuß hin. Sie flippte aus, wenn ich es wagte, auf dem Weg zum Kindergarten eine andere Route einzuschlagen. Sie kam nicht damit klar, wenn ich ihr ohne Vorwarnung etwas anderes zum Frühstück geben wollte als sonst. Sie mochte es nicht, von anderen Kindern in der Schule angefasst zu werden.

Unsere Tochter war anders

Sie kam mit dem Singen von Liedern nicht klar. Sie weinte und bedeckte ihre Ohren, wenn jemand lauter als im Flüsterton "Happy Birthday" sang. Ihr fiel es schwer, anderen in die Augen zu schauen. Sie lernte nicht gerne neue Menschen kennen. Sie hielt sich immer strikt an ihre festgelegten Abläufe – und sie hatte viele festgelegte Abläufe.

Ich erzählte meinem Mann von ihren Eigenarten. Er tat sie als normal ab und sagte, dass er darin kein Problem sehe. Und warum tat er das? Weil dieses Verhalten auch für ihn völlig normal war.

Er konnte kein Problem hinter ihrem Verhalten erkennen, weil er sich genauso verhielt. Er verstand es, dass manche Dinge bestimmte Verhaltensweisen bei ihr auslösten, weil sie auch bei ihm diese Verhaltensweisen auslösten. Und mit vielen ihrer Probleme musste auch er als Kind kämpfen. Doch keiner stellte den Zusammenhang dazwischen her.

Nachdem noch ein anstrengendes Jahr vergangen war, beschloss, ich dass es nun endgültig reichte. Ich brauchte Hilfe. Sno schrie stundenlang durch. Ich hatte alles versucht, sogar Dinge, die sich eigentlich nicht richtig anfühlten, doch nichts davon hatte geholfen.

Ich brauchte Hilfe

Als Sno 6 Jahre alt war, wurde sie untersucht und mit Autismus diagnostiziert. Der Kinderarzt klärte uns eine ganze Stunde lang über die ständigen Probleme auf, die unsere Familie seit fast zwei Jahren durchmachte. Ich war erleichtert und hatte den Eindruck, wieder auf dem richtigen Weg zu sein. Als ich meinem Mann von der Diagnose erzählte, war er schockiert.

Kennst du den Ausdruck "den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen können"? Damit ist gemeint, dass die Antworten völlig unübersehbar direkt vor dir liegen und du sie nicht siehst, weil du nicht genug darauf achtest.

Einige Tage, nachdem Sno ihre Diagnose erhalten hatte, saßen mein Mann und ich abends zusammen auf der Couch und gingen ihre diagnostischen Kriterien durch. Und da stellten wir fest, dass viele ihrer Eigenarten auch zu seinen Eigenarten zählten.

Damals waren wir seit sieben Jahren zusammen. Wir liebten uns seit sieben Jahren, wir zogen zusammen Kinder groß und wir lebten zusammen. Wir hatten nie mehr als drei Nächte getrennt voneinander verbracht. Doch plötzlich ergab alles einen Sinn: seine Angst vor sozialen Kontakten, sein Desinteresse, neue Menschen kennenzulernen und die spezielle Art, auf die er gerne die Speisekammer einräumte.

Wir lachten darüber, an wie viele Dinge wir uns ganz automatisch angepasst hatten, ohne dass sie uns je bewusst geworden wären.

Ein paar Monate später ließ mein Mann sich offiziell untersuchen und er wurde im Alter von 30 Jahren mit Autismus diagnostiziert. Er war traurig darüber, doch er war auch erleichtert.

Autismus: Die Diagnose

Als ich meinen Mann heiratete und "Ja" sagte, sagte ich auch "Ja" zu seinen Eigenarten. Ich liebte ihn dafür, wie er die Welt sah und wie er sich darin bewegte. Ich liebte ihn dafür, dass er alles Kaputte wieder reparieren konnte, dafür, dass er sich reibungslos an verschiedene Lebenssituationen anpassen konnte und ich liebte ihn für seine absolute Liebe zum Detail.

Sein Autismus hat meinen Mann nicht verändert. Er war ja nie kein Autist. Autismus macht ihn zu dem Menschen, der er ist.

Doch seine Kindheit und Jugend wäre für ihn sehr viel weniger stressig und schwierig gewesen, wenn sein Autismus erkannt worden wäre. Er hätte die geeignete Unterstützung bekommen und schon in jungen Jahren Strategien entwickeln können, statt sich mehr als 25 Jahre lang durchmogeln zu müssen.

Heutzutage weiß man viel mehr über Autismus als zu der Zeit, als mein Mann noch ein Kind war. Deshalb halten wir beide jetzt wahrscheinlich auch Früherkennung und die entsprechende Behandlung für so besonders wichtig. Denn wenn man jemanden liebt, dann liebt man diese Person voll und ganz und will nur das Beste für sie.

Und uns ist beiden klar geworden, dass eine bestimmte Kennzeichnung die Fähigkeiten eines Menschen nicht einschränkt, sondern dass sie einem sehr viel Aufschluss über die Persönlichkeit eines Menschen geben kann, damit man diesen Menschen darin unterstützen kann, dass er sein volles Potenzial erreicht.

Das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Dieser Blog ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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