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Diese Erfahrungen in der Kindheit führen zu Problemen im Erwachsenenalter

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SAD CHILD
Diese Erfahrungen in der Kindheit führen zu Problemen im Erwachsenenalter | Westend61 via Getty Images
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Als Psychologin verbringe ich sehr viel Zeit damit, über die Kindheit zu sprechen. Und dafür gibt es einen guten Grund: In den vergangen 20 Jahren, die ich in der Psychotherapie tätig war, hat sich mehr als deutlich herauskristallisiert, dass Kindheitserfahrungen die Wurzel späterer Probleme sind.

All meine Patienten, die bei mir wegen Depressionen, Angstzuständen, Beziehungsproblemen, geringem Selbstbewusstsein oder Suchtproblemen in Behandlung sind, haben in der Kindheit auf irgendeine Weise unschöne Erfahrungen gemacht.

Wir müssen die emotionalen Grundbedürfnisse der Kindheit verstehen

Während ich mir ihre Geschichten anhörte, wurde mir klar, dass diese Menschen nicht mit solchen Problemen zu kämpfen hätten, wenn ihre Kindheit anders verlaufen wäre.

Wenn wir ein Kind betrachten, das erste Anzeichen einer Verhaltensstörung zeigt, so sehen wir eine Erfahrung, die dieses Kind gemacht hat oder immer noch macht. Sie ist der Grund für die beginnenden Probleme.

Wenn wir für unsere Kinder das Beste wollen, dann müssen wir die emotionalen Grundbedürfnisse der Kindheit und die Art der Erlebnisse, die einem Kind Schwierigkeiten bereiten, verstehen.

Perfekte Eltern sind weder möglich noch nötig

Egal, ob es um ein Kind geht, das gut integriert wirkt oder um ein Kind, das eine Dysfunktion zeigt – wir im Hilfssektor tun alles, um das emotionale Wohlergehen des Kindes zu verbessern, damit es später weniger Probleme hat.

Wenn es um die Bedürfnisse in der Kindheit geht, dann müssen wir uns immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass es weder nötig noch möglich ist, als Eltern perfekt zu sein. Ein Kind braucht einfach Eltern, die „gut genug“ sind, so der britische Psychoanalytiker Donald Winnicott.

Eltern, die einfach gut genug sind, lieben ihr Kind als das, was es ist und nicht aufgrund seines Verhaltens. Das bedeutet auch, dass das Kind wohlgenährt ist, beschützt wird und man sich um das Kind kümmert, ohne dass es überbehütet wird.

Gute Eltern ermöglichen dem Kind auch Enttäuschung und Frustration

Eltern, die ihre Sache einfach „nur“ gut machen, ermöglichen dem Kind auch mal Enttäuschung und Frustration, so dass es lernt, mit diesen Erfahrungen im Erwachsenenalter umzugehen.

Interessanterweise kann man das Prinzip der guten Eltern auch auf andere Erwachsene im Leben eines Kindes beziehen. Auf Erwachsene, die dem Kind etwas beibringen und es unterstützen. Jeder dieser Erwachsenen spielt in der Entwicklung eines Kindes und für sein emotionales Wohlergehen eine wichtige Rolle.

Eltern sollten Grenzen setzen

Es gibt zwei spezielle Arten, die zu Problemen in der Kindheit und darüber hinaus führen: Das Nichterfüllen bestimmter Bedürfnisse und die Präsenz schmerzhafter Erfahrungen.

Kinder brauchen Wertschätzung. Aber sie dürfen nicht über die Eltern gestellt werden. Eltern, die ihren Kindern alles erlauben, entziehen ihnen die nötige Führung und die Grenzen, die sie brauchen, um als Erwachsene angemessen und optimal zu funktionieren.

Liebe, Zuneigung, Führung, Schutz und Grenzen: Das sind die Bedürfnisse in der Kindheit. Wenn ein Kind mit all diesen Dingen aufwächst, ist die Chance, dass sie zu hochfunktionalen Erwachsenen mit einem gesunden Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl heranwachsen, besonders hoch. Sie können dann auch mit schwierigen Situationen umgehen.

"Kinder nehmen Dinge persönlich. Was sie erleben, formt ihre Persönlichkeit."

Wenn ein Kind abgelehnt oder nicht ermutigt wird, Dinge zu wagen, dann wird es auch nie das nötige Selbstbewusstsein und Selbstwertgefühl entwickeln.

Wenn die Ablehnung auch fehlenden Schutz vor schmerzhaften Erfahrungen beinhaltet, dann wächst das Kind zu einer hilflosen, sich wertlos fühlenden Person heran.

Denn Kinder sehen sich selbst nicht als schützenswert an. In manchen Fällen sind sie sogar davon überzeugt, den Schmerz zu verdienen. Kinder nehmen Dinge persönlich. Was sie erleben, formt ihre Persönlichkeit. Kinder, die geliebt werden, fühlen sich gut. Kinder, die abgelehnt werden, fühlen sich schlecht.

Kinder können auf viele Arten verletzt werden

Schmerzhafte Erfahrungen, die Kindern widerfahren, können in mannigfaltiger Form auftreten. Ein Kind kann durch harte Kritik, Schuldzuweisung oder Scham emotional verletzt oder missbraucht werden. Sie können durch harte Bestrafungen und Schläge mit der Faust, mit einem Gürtel oder anderen Gegenständen körperlich verletzt, oder sexuell missbraucht werden.

Eltern können ein Kind übermäßig kontrollieren oder zu perfektionistisch sein. Auch gibt es narzisstische Eltern, die erwarten, dass ein Kind Spitzenleistungen vollbringt, so dass sie selber sich dadurch bestätigt fühlen oder Eltern, die mit ihrem Kind in einen Wettbewerb treten, weil sie sich durch die Jugend des Kindes bedroht fühlen.

Ein Kind kann geärgert oder zur Zielscheibe von Spott werden. Ein Kind kann ausgenutzt werden. Ein Kind kann von Menschen, die es umgeben, ausgegrenzt und isoliert werden – sie fühlen sich wertlos und nutzlos.

Viele Eltern wissen nicht, dass sie ihre Kinder verletzen

Diese Erfahrungen können zu Hause, in der Schule, in der Freizeit oder in Vereinen gemacht werden. Eltern, Geschwister, Freunde, Lehrer, Trainer, selbst Mitglieder der gleichen Kirchengruppe können verantwortlich für schmerzhafte Erfahrungen eines Kindes sein. Manchmal ist mehr als eine Person verantwortlich, was die zukünftigen und gegenwärtigen emotionalen Schwierigkeiten nur noch intensiviert.

Es gibt noch einen weiteren, subtileren Weg, ein Kind zu verletzen, und zwar wenn ein oder beide Elternteile dem Kind Verantwortung für Aufgaben übertragen, für die es noch zu jung ist. Das Kind fühlt sich unfähig und inkompetent, es schämt sich für das Scheitern bei Aufgaben, für die es noch nicht die nötigen Fähigkeiten entwickelt hat.

Zu diesen Aufgaben können das Aufpassen auf jüngere Geschwister oder das Übernehmen von gewissen Pflichten im Haushalt in einem sehr jungen Alter gehören.

Auch das Kind zu einem Vertrauten der Eltern zu machen, ihm die Rolle eines Mediators im Falle eines Streits der Eltern zukommen zu lassen oder ihm Verantwortung für die Familienfinanzen zu übertragen, ist problematisch.

Zu hohe Erwartungen können Schaden anrichten

Gleiches gilt, wenn zu viel Druck auf Kinder ausgeübt wird, in der Schule oder in Klubs und Sportvereinen und bei Wettkämpfen Höchstleistungen zu bringen, obwohl das entsprechende Leistungsvermögen noch nicht erreicht ist oder das Hobby dem Kind keinen Spaß bereitet.

Manchmal sind es gar nicht die Eltern, die zu viel von ihrem Kind erwarten. Es kann auch ein Lehrer oder Trainer sein, der ein Kind über dessen Leistungsgrenzen und –vermögen hinaus antreibt.

Es gibt eine feine Grenze dazwischen, ein Kind zu ermutigen, das Beste zu geben, und es mit den Erwartungen der Erwachsenen zu erdrücken. Ermutigung und Unterstützung fördern das Beste in einem Kind zu Tage, es aber zu sehr anzutreiben, kann zu emotionalen Problemen führen.

Wir müssen verstehen, wie wir die Entwicklung eines Kindes beeinflussen

Einige schmerzhafte Erfahrungen rühren von anderen Arten familiären Stresses her. Zum Beispiel wenn ein Elternteil oder Geschwister erkranken oder sterben, wenn ein oder beide Elternteile sehr jung und zu unerfahren sind, die Elternrolle auszufüllen; wenn ein Elternteil psychisch krank ist und die Symptome sich auf bizarre und nichtvorhersehbare Weise dem Kind gegenüber zeigen oder die Eltern selbst mit finanziellen Problemen, Stress bei der Arbeit, Problemen in der erweiterten Familie, Sucht- oder Eheproblemen zu kämpfen haben.

Alle oben genannten Erfahrungen beeinflussen die Entwicklung eines Kindes auf negative Art und Weise. Wenn wir unsere Kinder schützen und gegenwärtige wie zukünftige Probleme verhindern wollen, dann müssen wir verstehen, wie wir dem Selbstbewusstsein, dem Selbstwertgefühl, dem Optimismus und dem Leistungsvermögen eines Kindes schaden können.

Wenn wir bei einem Kind eine Dysfunktion oder auffälliges Verhalten wie übermäßige Aggression, Schlafverweigerung, Trotzhaltung, Zwangsverhalten, Selbstverletzung oder Brutalität gegenüber anderen, schlechte schulische Leistungen, Schulschwänzen, Angespanntheit oder Launenhaftigkeit feststellen, dann müssen wir behutsam und gründlich die Ursachen für dieses Verhalten ausmachen und uns umgehend mit dem Problem befassen, um die Situation des Kindes jetzt und im Erwachsenenalter zu verbessern.

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Young Minds Matter ist eine neue Reihe, die sich zum Ziel gesetzt hat, mit Kindern einen Dialog über mentale und emotionale Gesundheit zu führen, so dass junge Menschen sich geliebt, geschätzt und verstanden fühlen. Zusammen mit der Herzogin von Cambridge, die diese Reihe mit ins Leben gerufen hat, wollen wir über Probleme und Ursachen und ganz besonders Lösungsansätze, die das Stigma der psychischen Erkrankungen bei Kindern umgeben, diskutieren. Wenn Sie im Rahmen von Young Minds Matter auch ihren Teil dazu beitragen möchten, dann schicken Sie eine Mail an: cablogteam@huffingtonpost.com

Dieser Artikel erschien zuerst bei der Huffington Post Kanada und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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