Huffpost Germany

"Hart aber fair": Mutter von Sexualmord-Opfer bringt auf den Punkt, was in deutschen Gerichten falsch läuft

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken
  • Eine Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen im Text seht ihr im Video oben

Endlich mal keine Sendung zu Rente, Flüchtlingen oder Erdogan: Moderator Frank Plasberg wagte, ein neues Talkshow-Thema auszuprobieren: "Bewährung für Täter, lebenslang für Opfer – urteilen unsere Richter zu lasch?" Und es lohnte sich. Es wurde eine Sendung mit Gänsehaut-Momenten.

Regelmäßig fällen deutsche Gerichte Urteile, deren Milde auf Unverständnis stößt: Erwachsene werden zu Jugendstrafen verurteilt, Sexualstraftäter bekommen Freigang und begehen prompt neue Verbrechen. SPD-Vize Ralf Stegner möchte Ladendiebstahl nur noch mit einer Geldstrafe belegen.

BMW erfasste bei 95 Stundenkilometern eine Radfahrerin

Zuletzt kam es im April nach einem Urteil in Köln zu einem Aufschrei der Empörung. Zwei Halbstarke lieferten sich ein Autorennen in der Innenstadt. Bei fast 100 Stundenkilometern verlor einer die Kontrolle über seinen BMW, raste in eine Fahrradfahrerin. Das Mädchen starb später in der Klinik.

Die erste Ungeheuerlichkeit: Angeblich hat sich der Mittäter, der dem BWM in einem Mercedes gefolgt war, am Unfallort bei der Polizei beschwert, dass die Farbspuren, die den Unfall festhalten, die Felgen seines Autos beschädigen könnten. Die hätten 3000 Euro gekostet.

Die zweite Ungeheuerlichkeit: Beide Täter wurden für ihr Vergehen nur auf Bewährung verurteilt.

"Täter verlassen mit einem Triumphgefühl den Gerichtssaal"

"Hart aber fair"-Moderator Plasberg fragte schon mal vorsorglich, mit dem richtigen Unterton, ob man überhaupt davon sprechen dürfe, dass die Teilnehmer der in Mode gekommenen illegalen Autorennen oft "junge Männer mit Migrationshintergrund und getunten Autos" seien – wie auch die Täter im Fall Miriam.

Der Chef des Deutschen Richterbundes, Jens Gnisa, versuchte, die Arbeit der Richter zu erklären und zu verteidigen. Dabei hatte er die undankbare Aufgabe, deutsche Gesetze gegen moralische Empörung zu verteidigen. In dieser Sendung saß der Richter einmal auf der Anklagebank.

Er bewertete das Benehmen des Täters, der sich mehr um seine Felgen als das Opfer sorgte, mit einem Satz wie diesem: "Das Verhalten am Tatort ist nicht juristisch, sondern nur moralisch zu sehen." Er gestand zwar zu, "dass manche Täter mit einem Triumphgefühl den Gerichtssaal verlassen". Beharrte aber auch darauf: "Bewährung ist nichts Lauschiges."

"Die Täter lachen über Bewährungsstrafen"

Joachim Lenders, CDU-Politiker und Hamburg-Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, protestierte sofort: "Die Täter lachen darüber", und wenn sie dann doch wieder straffällig würden, werde die Bewährung oft gar nicht widerrufen.

Kontra bekam der Richter auch von Fritz Schramma und Gabriele Karl, die die Perspektive der Opfer vertraten. Schramma ist der ehemalige Oberbürgermeister von Köln. Er hatte seinen Sohn 2001 bei einem ähnlichen Unfall mit jugendlichen Rasern verloren - auch hier wurden die Täter zur Bewährung verurteilt. Karl gründete die Initiative "Opfer gegen Gewalt", nachdem ihre Tochter von einem Sexverbrecher getötet worden war. "Wir leiden täglich", erzählte Schramma.

Opfer wünschen sich, dass der Täter "für einige Zeit weg" ist

Das war der erste Gänsehaut-Moment der Sendung: Als in einem Einspieler ein Bericht über den Unfall gezeigt wurde, hatte Schramma anschließend Tränen in den Augen. Er berichtet auch, wie die jungen Männer, die seinem Sohn das Leben nahmen, lachend den Gerichtssaal verlassen haben.

Karl ist entsetzt über das milde Urteil, dass die Raser auch in diesem Fall bekamen. Man brauche als Opfer das Gefühl, dass der Täter "für einige Zeit weg ist", dass "der Staat einem den Täter abnimmt".

Um Genugtuung geht es den Angehörigen nicht

Auch Ingo Lenßen, der TV-Jurist mit Kaiser-Wilhelm-Bart, der als Anwalt im echten Leben echte Täter verteidigt, wundert sich über das aktuelle Raser-Urteil. Lenßen empörte sich: Nach dem Alufelgen-Ausrutscher hätte er als Verteidiger nicht gewagt, auf Bewährungsstrafe zu plädieren. Das gab Beifall aus dem Publikum.

Der angeklagte Richter warf ihm Scheinheiligkeit vor: "Da haben Sie sich billigen Applaus geholt! In Wirklichkeit hätten Sie ganz anders gehandelt!"

Ist aber eine Gefängnis-Strafe wirklich eine Genugtuung für die Hinterbliebenen? Nein, sagten Schramma und Karl einstimmig, darum gehe es ihnen nicht.

Opfer können sich durch milde Urteile verhöhnt fühlen

Es bringe ihnen nicht ihre Kinder zurück. Aber, darin sind sie sich einig: Es geht um Abschreckung für andere. Und darum, dass sich die Opfer von den Tätern durch lächerliche Strafen nicht noch verhöhnt fühlen.

Dann der zweite Gänsehaut-Moment der Sendung: Karl brachte die Gefühle vieler auf dem Punkt: "Was vermitteln wir eigentlich jungen Leuten - und jetzt haben wir viele Fremde im Land - über den christlichen Wert des Lebens, wenn man bei uns Leute umbringen darf, und dann geht man heim und es ist gut?“, fragte sie.

Auch auf HuffPost:

Er hängte eine Kamera ins Schlafzimmer seiner Freundin – was er sah, hätte er nie erwartet

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.


(sk)

Korrektur anregen