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Die Wahrheit über die Bildung syrischer Flüchtlinge wird viele überraschen

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SYRIA REFUGEES
Syrische Flüchtlinge in einem Camp in der jordanischen Stadt Mafraq | Muhammad Hamed / Reuters
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  • Eine Studie zeigt, dass viele Syrer in Deutschland eine Ausbildung machen könnten
  • Demnach gab es vor dem Krieg ein funktionierendes Schulsystem
  • Allerdings können 15 Prozent nur eingeschränkt lesen und schreiben - vor allem ältere Menschen

Während der Flüchtlingskrise wurde das Bildungsniveau syrischer Migranten zum Politikum. Die einen sahen im Menschenstrom die Lösung für den Fachkräftemangel - die anderen dagegen vor allem viele Analphabeten, die lang Sozialhilfe beanspruchen würden.

Doch beide Seiten haben Probleme, ihre Standpunkte zu belegen. Aufgrund des Krieges gibt es keine verlässlichen Zahlen zum Bildungsniveau der Syrer.

Eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft, die "der Welt" vorliegt, bringt nun Licht ins Dunkel. Und die ist überraschend positiv: Demnach haben viele syrische Flüchtlinge in ihrer Heimat zumindest Basis-Qualifikationen für eine Berufsausbildung in Deutschland erhalten.

"Syrien gibt es Ausbildungen auf Facharbeiterniveau"

Etwa 70 Prozent der syrischen Schüler besuchten 2011 im Anschluss an die neunjährige verpflichtende Schulzeit eine sogenannte Sekundarschule. Dabei kann man in dem Land zwischen einem allgemeinbildenden und einem berufsbildenden Zweig wählen.

22 Prozent der Sekundarschüler entschieden sich demnach für die dreijährige Ausbildung an einer technischen Schule, wo man etwa 20 verschiedene Berufe erlernen konnte.

"In Syrien gibt es also durchaus Ausbildungen auf Facharbeiterniveau", schreiben die Autorinnen in ihrer Studie, die sich auf die letzten verfügbaren Zahlen aus dem Jahr 2011 beruft.

Viele Syrer könnten in Deutschland eine Ausbildung machen

Demnach bringen viele syrische Flüchtlinge bereits "Berufsqualifikationen mit, an die in Deutschland angeknüpft werden kann", heißt es in der Untersuchung.

"Es muss jedoch berücksichtigt werden, dass Produktion und Dienstleistung in Syrien zumeist auf einem anderen technologischen Niveau als in Deutschland erbracht werden."

Allerdings bringen die Syrer auch Probleme mit. Wie aus der Studie unter Berufung auf Zahlen aus dem Jahr 2011 hervorgeht, können 15 Prozent der Syrer nur eingeschränkt lesen und schreiben.

Allerdings seien dies vor allem ältere Menschen. Die Analphabetenrate unter den damals 15- bis 25-jährigen Syrern betrage nur 3,5 Prozent.

Vor dem Krieg gab es ein funktionierendes Schulsystem


Vor dem Krieg habe es in Syrien ein durchaus funktionierendes Schulsystem gegeben.
Im Jahr 2011 seien 97 Prozent der potenziellen Erstklässler eingeschult worden. Aus diesem Jahr stammen auch die letzten verfügbaren Zahlen, die für die Studie ausgewertet wurden.

Etwa 15 bis 20 Prozent der Schüler eines Jahrgangs besuchen der Studie zufolge im Jahr 2011 eine Hochschule. Der Anteil der Mediziner unter den Akademikern sei vergleichsweise hoch.

Hoher Anteil von Medizinern unter den Syrern

Auf 10.000 Einwohner kamen im Jahr 2009 demnach 14,3 Allgemein- und 8,7 Zahnärzte. Entsprechend hoch sei auch der Anteil der Syrer unter den ausländischen Medizinern in Deutschland.

Derzeit gibt es laut der IW-Studie 2159 syrische Ärzte in Deutschland. Sie bilden damit die viertgrößte Gruppe unter den ausländischen Medizinern.

Viele finden erst einmal keinen Job

Trotzdem finden die meisten Flüchtlinge erstmal keinen Job, sondern landen in der Arbeitslosigkeit. Im April waren laut der Bundesagentur für Arbeit (BA) 136.000 Männer und Frauen aus den sogenannten Asylzugangsländern erwerbslos gemeldet - 64.000 mehr als vor einem Jahr.

Die anfängliche Hoffnung, die Menschen schnell in Jobs zu bringen, wurde von der Realität eingeholt. Es dauert einfach Zeit, Deutsch zu lernen. Zudem haben gut 70 Prozent der Flüchtlinge keine abgeschlossene Berufsausbildung, wie Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sagt.

Eine gezielte Erfassung von Bildung und Fachkenntnissen der Asylbewerber fehlt bislang - was die Unterstützung der Menschen erschwert. Eine Studie des IAB soll nun Abhilfe schaffen.

Ergebnisse wird es jedoch erst im Herbst geben.

Mit Material der dpa


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