Huffpost Germany

Die AfD gehört zu Deutschland - so schrecklich das auch sein mag

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AFD DEMO
dpa
Drucken

Eigentlich wollten sie gehen. Nun gut. Jetzt haben sie sich zumindest schon einmal in die letzte Reihe gesetzt, ganz nahe am Ausgang.

Ein gepflegter junger Mann mit akkurat gescheitelten blonden Haaren ist dabei, er trägt ein sehr gut sitzendes, dunkelblaues Sakko.

Ein etwas fülligerer, vollbärtiger Herr in Polo-Shirt, den in anderen Kontexten wohl als „gemütlicher Brummbär“ apostrophiert werden würde, und eine engagierte, ältere Dame.

Vorn am Podium soll an diesem Sonntagmorgen ein scharf formulierter Antrag zur Einwanderungspolitik vom AfD-Bundesparteitag in Stuttgart zurückgenommen werden, der am Vortag noch beschlossen wurde. Darin heißt es sinngemäß: Deutschland ist kein Einwanderungsland, weil Einwanderung grundsätzlich problematisch ist.

„Nur, damit wir nun in der Öffentlichkeit besser dastehen“

Tatsächlich wird dieser Passus gekippt. Und mit gut erkennbaren obersächsischem Idiom beginnt in der Nähe des Hauptausgangs schon bald eine zornig geführte Diskussion in der kleinen Gruppe.

„Und was waren wir froh, dass es wenigstens etwas ins Programm geschafft hat“, sagt der Brummbär.

„Nur, damit wir nun in der Öffentlichkeit besser dastehen“, klagt die Dame.

„Schwachmaten“, motzt der Sakkoträger. „Die Patrioten sind wohl schon alle nach Hause gefahren.“

Zwar war das Grundsatzprogramm, das an diesem Parteitag beschlossen werden soll, keineswegs moderat formuliert. Man könnte auch sagen: Es ist im Kern radikal, denn es stellt Teile des bundesdeutschen Wertesystems infrage. Aber es spricht zumindest vieles dafür, dass sich die noch extremeren Kräfte auf diesem Parteitag in vielen Punkten nicht durchsetzen konnten. Zumindest, was die Beratung des Programms betrifft.

Für die öffentliche Debatte über die AfD kann das auch eine Chance sein. Statt dass wir uns über einzelne überdrehte Forderungen der Alternative für Deutschland empören, sollten wir uns der Frage stellen, wie diese Partei möglich geworden ist und was sie groß gemacht hat.

Diskussionen erinnern an Parteitage der Piratenpartei

Zur Wahrheit gehört nämlich: Auch die AfD gehört zu Deutschland, so schrecklich das sein mag. Sie ist aus unserer Mitte entstanden, und sie ist nicht nur bei Wendeverlierern, versprengten Patrioten und fähnchenschwenkenden Rummelplatz-Demagogen populär. Auch wenn man anders denken könnte, wenn man Björn Höcke im Fernsehen sieht. Ihre Stärke kommt daher, dass sie es geschafft hat, für Normalbürger wie Radikale gleichermaßen attraktiv zu sein.

Das zeigt ein Blick auf jene, die sich in Stuttgart zu Wort meldeten.

Auf dem Parteitag ging es am Sonntag die ersten Stunden vor allem um Einwanderung, den Islam und die GEZ. Über mehr als zwei Stunden entspann sich eine engagierte Diskussion, die in ihrer Vehemenz durchaus an frühere Parteitage der Piratenpartei erinnerte.

Aus den Meinungsäußerungen im Saal klang oft genug gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Etwa, als ein Mitglied sagte, dass der Islam nicht im gleichen Maße durch die im Grundgesetz festgeschriebene Religionsfreiheit geschützt werde wie das Christentum. Er bekam dafür Applaus. Oder als ein Mitglied ausgebuht wurde, als er für eine Differenzierung zwischen Muslimen und Islamisten plädierte.

Im Saal waren viele gut gebildete Menschen. Leute, die am Mittagsbuffet viel auf ihre guten Manieren und freundlichen Umgang geben, aber schon einige Minuten später auf ihren Delegiertenstühlen eben diese Etikette vermissen ließen. Leute, die Applaus klatschten, als im Saal bekannt gegeben wurde, dass Justizminister Heiko Maas in Zwickau von 200 rechtsgerichteten Demonstranten bei einer Mai-Demo gestört wurde.

Enorme Wut auf die Eliten

Überhaupt, es war immer noch eine enorme Wut auf die Eliten spürbar. In gut formulierten Sätzen verwendeten die meist männlichen Parteitagsbesucher immer wieder Kampfbegriffe, mit denen sie sich offenbar gegen eine als „drückend“ empfundenen Mehrheitsmeinung zur Wehr setzen wollen. Ein Herr sprach etwa über „Lifestyle-Abtreibungen“, ein anderer war davon überzeugt, dass der ARD-Moderator Ingo Zamperoni, genauso wie ZDF-Anchorman Claus Kleber, von der „Atlantikbrücke eingesetzt“ worden sei.

Dem gegenüber standen aber auch gemäßigte Stimmen. Junge Frauen etwa, die den Parteitag in Momenten allzu radikaler Rhetorik ermahnten, dass die Abtreibungspolitik bei vielen weiblichen Wählern ein K.O.-Kriterium sei. Oder Christen, die davor warnten, in der Einwanderungsdebatte einen zu scharfen Ton anzuschlagen. Oft vertraten diese Menschen Positionen, wie sie die CDU in den 90er-Jahren noch Konsens waren. Und sie hatten Ängste, die ihnen früher einmal Politiker der SPD genommen haben.

Das verrät viel darüber, woher diese Menschen kommen. Und womöglich, wohin sie gehen.

Derzeit ist die AfD in den Umfragen weiter im Aufwind
, und sie punktet vor allem dort, wo sie ihre Positionen radikal formuliert. Man könnte darin einen Widerspruch sehen zu den Abstimmungsergebnissen in Stuttgart. Doch tatsächlich agiert sie postmodern: Die eigentliche Wahrheit in der Kommunikation liegt auf einer Metaebene.

Gefährliches Spiel mit den Ängsten der Menschen

Wenn etwa Beatrix von Storch die Forderung in die Welt setzt, unbewaffnete Flüchtlingskinder erschießen zu lassen, dann kommt es gar nicht darauf an, ob sie das nun zurücknimmt oder nicht – der Gedanke an den Schießbefehl ist da schon längst in die Köpfe gesickert.

Ähnlich hat auch Pegida in Dresden operiert: Die Reden auf den montäglichen Demos waren stets schärfer als die Papiere, die Bachmann und Konsorten veröffentlichten. So wusste jeder, was eigentlich gemeint ist.

Dieses Spiel ist umso gefährlicher, weil es dazu beiträgt, Leute aus der Mitte dieser Gesellschaft zu radikalisieren. Stückeweise wird die „dünne Decke der Zivilisation“ in Stücke gerissen. Und am Ende ist das Gemeinsame nicht mehr vorhanden, was diese Demokratie 70 Jahre zusammen hielt. Deswegen ist auch das Programm allenfalls als Momentaufnahme zu verstehen. Auch wenn heute einige ostdeutsche Parteimitglieder enttäuscht gewesen sein dürften.

Was gegen dieses gesellschaftliche Gift hilft? Empörung ist es jedenfalls nicht. Wer tatsächlich gegen die AfD kämpfen will, sollte jeden Tag aufs Neue mit sich verhandeln, weshalb er welche Werte vertritt. Denn die beste Waffe gegen Rechtspopulismus ist Glaubwürdigkeit.

Nur so lässt sich verhindern, dass der Populismus der AfD weitere Teile der gesellschaftlichen MItte davonspült.

Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org nennt die Huffington Post spannende Projekte, die ihr direkt unterstützen könnt.

Die Nachrichten von ertrunkenen Flüchtlingen nehmen kein Ende. Auch, weil es viel zu wenig Rettungskräfte auf dem Mittelmeer gibt. Hier versucht die Mannschaft des Schiffes Sea Watch 2. zu helfen. Spenden benötigt die Crew für Nahrung, Schwimmwesten und Medikamente.

Auf der sogenannten Balkanroute ist ein großer Teil der Flüchtlinge unterwegs. Der Verein Soups & Socks versorgt Flüchtlinge hier mit einer warmen Mahlzeit und anderen lebensnotwendigen Dingen. Hier geht es weiter zur Soups & Socks Tour.

Ein weiteres Problem sind die vielen unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlinge in Berlin. Ihnen vermittelt die Organisation Akinda beispielsweise einen gesetzlichen Vertreter. Wie das geht, beschreiben die Initiatoren hier.

Auch auf HuffPost:

AfD ohne Petry: So radikal würde sich die Partei nach einem Putsch verändern

(lk)