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Darum stehen so viele junge Frauen auf Coitus interruptus

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coitus interruptus

Es gibt mittlerweile für Frauen so viele Verhütungsmethoden wie nie zuvor. Doch warum verhüten dann so viele von ihnen am liebsten mit Coitus interruptus?

Das Jahr 2016 in ist in vielerlei Hinsicht ein gutes Jahr für Frauen, die Mittel zur Schwangerschaftsverhütung benötigen. Die Kupferspirale, eine Methode, die zu 99 Prozent sicher ist, ist beliebter als je zuvor; in den USA werden Empfängnisverhütungsmittel von dem Gesundheitsgesetz "Affordable Care Act" abgedeckt.

In einigen amerikanischen Bundesstaaten dürfen Apotheker Frauen auch ohne ärztliches Rezept den Pillenvorrat für ein ganzes Jahr verkaufen.

Die Auswahl an zuverlässigen Verhütungsmethoden für Frauen ist heutzutage wohl so groß wie nie zuvor. Warum entscheiden sich dann immer noch so viele heterosexuelle Frauen für die "Vorher-Rauszieh-Methode", die älteste und rudimentärste Verhütungsmethode der Welt?

Sexualberater bezeichnen die Methode als unvernünftige Notlösung

Schätzungen zufolge haben sich fast 60 Prozent der amerikanischen Frauen schon irgendwann einmal darauf verlassen, dass ihr Partner seinen Penis rechtzeitig vor der Ejakulation herauszieht. Aktuell wenden ungefähr drei Prozent der Frauen im Alter von 15 bis 44 Jahren Coitus interruptus dauerhaft an – wobei die Wissenschaftler davon ausgehen, dass die tatsächliche Zahl wahrscheinlich weitaus größer ist.

Obwohl die Methode relativ beliebt ist, wird sie von Sexualberatern meist als veraltet und unverantwortlich abgetan – sie sei nicht einmal eine Verhütungsmethode, sondern vielmehr eine unvernünftige Notlösung. Und dennoch sind die Frauen, die sich regelmäßig auf die "Vorher-Rauszieh-Methode" verlassen, der festen Überzeugung, dass es sich dabei nicht nur um eine gute Verhütungsmethode für sie handelt, sondern dass es die beste Methode für sie ist.

"Ich werde im Internet häufig wegen der von mir gewählten Verhütungsmethode angegriffen", berichtete Rachel, 26, die mit ihrem Partner seit über vier Jahren mit Coitus interruptus verhütet. "Die Leute äußern sich ziemlich gerne lautstark zu diesem Thema." Rachel hat den Eindruck, dass Frauen, die sich auf diese Methode verlassen, als verantwortungslos, gleichgültig und regelrecht fahrlässig abgestempelt werden.

Coitus interruptus verhindert Schwangerschaften genauso wirksam wie Kondome

Doch überraschenderweise deuten wissenschaftliche Erkenntnisse darauf hin, dass man Schwangerschaften durch Coitus interruptus genauso wirksam verhindern kann wie durch Kondome – wobei diese Methode jedoch selbstverständlich keinen Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten bietet.

Die Ausfallrate bei richtig angewendeten Kondomen liegt bei ungefähr drei Prozent; bei Coitus interruptus liegt die Ausfallrate bei vier Prozent. Eine Untersuchung ergab, dass bei 18 Prozent aller Paare, die ein Jahr lang Coitus interruptus anwenden, eine Schwangerschaft eintritt, wobei es bei Paaren, die Kondome verwenden, 17 Prozent sind.

Nach Aussage der amerikanischen Non-Profit-Organisation Planned Parenthood liegt die Möglichkeit einer Schwangerschaft jedoch höher, da von 100 Frauen, deren Partner vorher herausziehen, 27 schwanger werden. Selbstverständlich ist keine der beiden Methoden auch nur annähernd so wirksam wie die Antibabypille oder die Kupferspirale, doch die Zahlen beweisen, dass Coitus interruptus zu Unrecht unter einem schlechten Ruf leidet.

"Es gibt noch immer viele Ärzte, die sagen: 'Ja, aber es ist ja nicht wirklich eine Verhütungsmethode'", so Rachel Jones, Principal Research Scientist am Guttmacher Institute. Sie forscht in den Bereichen Sex und Reproduktionsmedizin.

Es muss mehr darüber gesprochen werden

"Mehr als die Hälfte der Frauen hatten bereits einen Partner, der mit Coitus interruptus verhütet hat, deshalb ist allein die Tatsache, dass die meisten Frauen irgendwann damit in Berührung kommen, Grund genug, dass mehr darüber gesprochen werden muss", fügte sie hinzu. "Und zwar sowohl über die Vorteile als auch über die Nachteile."

Im Jahr 2014 hatte Jones in den USA eine Studie mit über 4.600 Frauen im Alter von 18 bis 39 Jahren durchgeführt, die ergab, dass 33 Prozent der Frauen im vergangenen Monat mindestens einmal mit Coitus interruptus verhütet hatten. Dies stützt die Vermutung, dass die Methode häufiger angewendet wird als die aktuellen Schätzungen besagen. (Jones wies jedoch darauf hin, dass die Studie nicht auf nationaler Ebene repräsentativ sei).

Jones und ihre Co-Autoren fanden außerdem heraus, dass viele Frauen Coitus interruptus in Kombination mit der Antibabypille, der Kupferspirale (13 Prozent) oder mit Kondomen (11 Prozent) anwenden, also im Grunde genommen als zusätzliche Absicherung ihrer Verhütungsmethode. Dies lässt darauf schließen, dass viele Frauen, die angeben, mit Coitus interruptus zu verhüten, bei der Schwangerschaftsverhütung eigentlich sogar noch vorsichtiger sind.

"Einer der größten Vorteile liegt eindeutig darin, dass man dafür kein ärztliches Rezept und kein Zubehör braucht und dass diese Methode immer und überall verfügbar ist."
Kelly Blanchard, Präsidentin der Organisation Ibis Reproductive Health

Natürliche Familienplanung

Coitus interruptus wird manchmal im Zusammenhang mit "natürlicher Familienplanung" oder mit "der Berechnung der fruchtbaren Tage" erwähnt. Dabei beobachten Frauen ihre Menstruationszyklen – sowie im Laufe des Zyklus auftretende körperliche Veränderungen – um dadurch ihre fruchtbaren Tage zu bestimmen.

Methoden zur Bestimmung der fruchtbaren Tage wurden lange Zeit eindeutig der Öko-Ecke zugeschrieben, doch die Tatsache, dass es immer mehr Smartphone-Apps für die Bestimmung der fruchtbaren Tage gibt, lässt darauf schließen, dass das starke Interesse an diesen Apps bei vielen verschiedenen Frauen besteht.

Doch sogar Frauen, die Coitus interruptus als primäre Verhütungsmethode anwenden, widersprechen der Behauptung, dass sie einfach nur falsch informiert oder schlecht vorbereitet seien.

"Ich bin so naiv"

"Ich bin nicht naiv", so Tamara, 26, die eine siebenjährige Tochter hat. "Ich weiß, dass diese Methode vermutlich weniger wirksam ist als andere, und trotzdem habe ich mich dafür entschieden. Früher habe ich die Pille genommen. Dann setze ich eine Woche aus und wurde schwanger."

Mit Anfang zwanzig hatte Tamara drei Jahre lang mit ihrem Freund mit Coitus interruptus verhütet. Momentan ist sie sexuell nicht aktiv, doch sie sagt, dass sie die Methode wieder in Betracht ziehen würde. Sie hält diese Methode überhaupt nicht für verantwortungslos.

Als Tamaras Freund seinen Penis ein- oder zweimal zu spät herauszog, nahm sie die Pille danach. Sie und ihr Freund waren sich einig darüber, was passieren würde, wenn sie schwanger würde (sie würde das Kind abtreiben lassen) und Tamara hat für einen solchen Fall Geld zur Seite gelegt.

"Ich glaube, dass ich missverstanden werde. Ich habe das nicht aus Faulheit getan", sagte Tamara. "Bei mir ging es darum, dass nur diese Methode verfügbar war." Tamara hatte jahrelang die Pille genommen, doch dann zog sie um und musste einmal im Monat 45 Minuten zum nächsten Krankenhaus fahren – eine Tortur, die sie jedes Mal einen halben Arbeitstag kostete. Sie konnte keine Kondome verwenden, weil sie an einer Latexallergie leidet, die bei ihr zu Hautausschlägen führt.

Viele Frauen wollen einfach keine Hormone einnehmen

Es gibt viele Gründe, warum Frauen mit ihrem Partner Coitus interruptus anwenden. Die Antibabypille wurde gründlich untersucht und gilt als sehr sicher, doch viele Frauen wollen einfach keine Hormone einnehmen, so Kelly Blanchard, Präsidentin der Non-Profit-Organisation Ibis Reproductive Health, die klinische und soziale Studien durchführt. "Religiöse Einwände sind ein weiterer wichtiger Grund", sagte sie.

Außerdem ist die Methode natürlich sehr bequem. "Einer der größten Vorteile liegt eindeutig darin, dass man dafür kein ärztliches Rezept und kein Zubehör braucht und dass diese Methode immer und überall verfügbar ist", so Blanchard.

Bei der Diskussion über Coitus interruptus wies Blanchard eindringlich auf die Risiken hin, die mit dieser Methode verbunden sind. Außerdem erklärte sie, dass sie selbst die Methode nicht befürwortet. Sie ist jedoch auch der Meinung, dass man sich differenzierter mit der Methode auseinandersetzen müsse, als nur zu sagen: Coitus interruptus ist immer schlecht.

Im Jahr 2008 verfasste Blanchard zusammen mit Jones einen wissenschaftlichen Kommentar, in dem die beiden Autorinnen forderten, dass Ärzte Coitus interruptus trotz all seiner Nachteile endlich als Verhütungsmethode anerkennen müssen, damit sie ihre Patienten besser beraten können und außerdem gesicherte Zahlen darüber erheben können, wie oft die Methode angewendet wird. "Ich habe darauf viele Reaktionen erhalten", so Blanchard. "Mehr Reaktionen als bei allen anderen Abhandlungen, die ich bisher verfasst habe."

"Ich habe viel Kritik von Sexualberatern und Ärzten erfahren, die mit jungen Menschen arbeiten und finden, dass es gefährlich sei, zu behaupten, dass man diese Methode anwenden könne", sagte sie. "Und viele junge Menschen haben angegeben, dass sie die Methode schon einmal verwendet haben."

"Ich habe mit anderen Optionen keine guten Erfahrungen gemacht"

Julia, 22, ist eine dieser Frauen. Sie verhütet mit der "Vorher-Rauszieh-Methode", seit sie als Teenager zum ersten Mal Sex hatte. Sie hatte festgestellt, dass sie an einer Latexallergie leidet, die zu lokalen Hautausschlägen führt. Mit 19 Jahren hatte sie sich eine Kupferspirale einsetzen lassen, doch sie war nicht zufrieden damit und ließ sie sechs Monate später wieder entfernen.

Julia ist nicht in einer festen Beziehung und sie schläft momentan mit verschiedenen Männern. Die meisten davon sind Freunde, mit denen sie auch Sex hat. Sie lässt sich alle drei Monate auf sexuell übertragbare Infektionen untersuchen und fordert dies auch von ihren Partnern. Julia vertraut im Allgemeinen darauf, dass die Männer, mit denen sie schläft, im Bezug auf sexuell übertragbare Infektionen ehrlich zu ihr sind, doch wenn sie sich doch einmal nicht sicher ist, will sie die Testergebnisse sehen.

Da es einigen ihrer Partner zu unsicher ist, vorher herauszuziehen, wenden sie einfach andere Praktiken zusammen an, wie zum Beispiel Oralsex. Julia will, dass ihre Partner auf ihre Brust oder ihren Hintern ejakulieren, weil dadurch die ganze Sache "sexy" bleibt – und außerdem bleibt dadurch ihr Bettlaken sauber.

Julia ist eine eifrige Verfechterin der "Vorher-Rauszieh-Methode" und sie sagt, dass es für sie momentan bei der Methode keinerlei Schattenseiten gibt. Es ist insgesamt ungefähr dreimal passiert, dass ihre Partner so im Moment versunken waren, dass sie versehentlich in ihr ejakuliert hatten. In diesen Fällen hat sie die Pille danach genommen.

"Wenn sie nicht gut kommunizieren und wenn sie mir nicht mitteilen, dass sie gleich kommen, wie soll ich es dann wissen?" sagte Julia. "Man kann es schwer einschätzen, und deshalb ist Kommunikation auch so wichtig."

"Ich weiß, dass Frauen unterschiedliche Meinung zu den verschiedenen Verhütungsmethoden haben", fügte sie hinzu. "Doch ich habe mit den anderen Optionen keine guten Erfahrungen gemacht."

Alle Namen wurden zur Wahrung der Anonymität geändert.

Dieser Artikel ist ursprünglich bei der Huffington Post USA erschienen und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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