Das Märchen von der unterstützten Geburt

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BIRTH MOTHER BABY
Liebe Mütter, überlegt euch genau, wo ihr euer Kind zur Welt bringt | gaiamoments via Getty Images
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Zwei Geburtshelferinnen feiern ein Jubiläumsfest und laden alle Familien ein, die sie betreut haben. »Na, wer von den ­beiden hat dein Kind zur Welt gebracht?«, fragt ein Gast eine an­wesende Mutter. Die Frau stutzt. »Eigentlich«, sagt sie, »war ich das selbst.«

Wer wird dich entbinden?

Es gibt wenige Ereignisse im Leben, die so emotional aufgeladen sind wie eine Geburt. Nicht umsonst wird im gleichen Atemzug auch der Tod genannt. Beide Vorgänge verbindet die Unausweichlichkeit des Übergangs. Beide sind aus dem häuslichen Umfeld in spezialisierte Anstalten verbannt worden. Beide machen Angst.

Eine Geburt ist eine körperliche und psychische Grenzsituation, die in unserem Kulturkreis mit unerträglichen Schmerzen und Hilflosigkeit assoziiert wird. Die Geburtsszenen in Filmen lassen bereits junge Mädchen erblassen und schwören, sie würden sich so etwas nie freiwillig antun. Schon Zwölfjährige beschließen, ihr künftiges Baby per Kaiserschnitt zu bekommen.

Von Filmszenen abgesehen bleibt eine Geburt ein Mysterium. Kinder, die aus nächster Nähe erlebt haben, wie zum Beispiel ihre Geschwister zur Welt kommen, sind absolute Rarität. Dennoch gilt als sicher, dass es bei einer Geburt laut, blutig und dreckig zugeht. Wenn man Pech hat, kann man damit ganz schön Autositze versauen. Von klein auf wird vermittelt, dass es besser ist, mit Geburten nichts zu tun haben. Am besten auch nicht mit den eigenen.

Operative Entbindungen sind inzwischen nicht mehr dem Notfall vorbehalten, sondern Normalität: Jedes dritte deutsche Baby kommt per Kaiserschnitt zur Welt. Auch zum herkömmlichen Geburtsweg gibt es jede Menge Begleitmaßnahmen.

In manchem Krankenhaus wird grundsätzlich eine Periduralanästhesie (PDA) aufgedrängt, eine Betäubung der unteren Körperhälfte mit Hilfe einer Kanüle im Rückenmarksraum. Werden die Wehen zu schwach – und das werden sie in Krankenhäusern erstaunlich oft –, ist ein Tropf mit Wehenmitteln nicht weit. Gerät das Baby unter Stress, kann mit Saugglocke oder (inzwischen selten) Zange nachgeholfen werden.

Bei so einer Palette an unterstützenden Mitteln entsteht der Eindruck, dass die werdende Mutter sich einfach zurücklehnen und die Beine öffnen soll, und irgendjemand kriegt das Kind schon aus ihr heraus.

Ärztliche Geburtshelfer oder langgediente Kreißsaal-Hebammen rühmen sich dann gern der mehreren tausend Babys, die sie »zur Welt gebracht haben«. Die meisten Zuhörer finden diese verbale Aneignung völlig in Ordnung.

Da die Kreißsäle inzwischen nicht mehr nüchtern gekachelt sind, kann die Frau, so wird es suggeriert, vor lauter Nichtstun die in warmen Farben gestrichenen Wände bewundern, die man ihr beim Informationsabend vorgeführt hat. Dann geht ihr vielleicht auch der Satz »Man hat mich entbunden« leichter über die Lippen.

Komischerweise sind viele Mütter nach intensiv unterstützten Geburten trotz des Babyglücks gar nicht so froh, wie man es von ihnen erwartet. Sie sind überrascht von den körperlichen Folgen der Eingriffe, die weder nach der PDA noch nach einer großen Bauchoperation ein Klacks sind.

Auch die Psyche verweigert den Jubel: Manche fühlen sich missbraucht, und andere empfinden sich als Versagerinnen. Je mehr Eingriffe, desto trauriger, und seien noch so viele Schmerzmittel geflossen.

Für das empfundene Unglück werden paradoxerweise häufig die Befürworter der natürlichen Geburt verantwortlich gemacht. Nach dem Motto: Wenn sie bloß den Mund hielten und nicht herumposaunen würden, was für ein Fest eine Geburt bei guter, maximal zurückhaltender Begleitung sein kann, dann würden andere Mütter gar nicht merken, was ihnen vorenthalten wurde.

So wird den Frauen nicht nur die körperliche Kompetenz abgesprochen, sondern sie werden auch noch für dumm verkauft. Viele flüchten sich in die Vorstellung, die an ihnen vorgenommenen Eingriffe hätten ihnen und dem Baby das Leben gerettet – so lässt sich die Erinnerung leichter aushalten.

»Das ist aber mutig!«

Ja, wir sind durchaus voreingenommen: Sieben unserer zusammengezählt zehn Kinder sind außerhalb eines Krankenhauses zur Welt gekommen. Wie die meisten Frauen, die eine Hausgeburt erlebt haben, können wir uns keine besseren Umstände für die Ankunft eines neuen Familienmitglieds vorstellen. Damit gehören wir zu den höchstens zwei Prozent bundesweit, die sich für eine Geburt außerhalb einer Klinik entscheiden. In Berlin sind es immerhin vier Prozent.

Dass Kinder in einem Kreißsaal zur Welt kommen, ist für die meisten Eltern Normalität, die gerade beim ersten Baby selten hinterfragt wird. Man darf davon ausgehen, dass dennoch viel mehr Frauen gern zu Hause gebären würden – zum Beispiel, weil sie in einer Klinik schlechte Erfahrungen gemacht haben. Und bei vielen gibt es keine medizinischen Gründe, die dagegen sprechen.

Trotzdem gehen auch zweifelnde Schwangere aus Angst und mangelnder Unterstützung widerwillig ins Krankenhaus. Selbstverständlich sind wir der Meinung, dass Frauen sich für einen Kreißsaal entscheiden dürfen – und manchmal müssen. Dennoch setzen wir uns dafür ein, dass unser Gesundheitswesen die Option Hausgeburt am besten fördern, mindestens aber bewahren muss.

Wer sich nicht nur unter Gleichgesinnten zu außerklinischen Geburten bekennt, erlebt merkwürdige Dinge. Der Exotenstatus ist garantiert, und der bereits eingeführte Satz »Das ist aber mutig!« ist keines müden Lächelns mehr wert. Wahrscheinlich geht es Hausgeburtseltern in den meisten Industrienationen ähnlich.

»Nur um Sie zu schockieren: Wir brachten das Kind zu Hause zur Welt«, provoziert der US-Comedian und inzwischen fünffache Vater Jim Gaffigan. »Die meisten sind dann gleich so: ›Wir dachten auch darüber nach, aber wir wollten, dass unser Kind überlebt.‹« Es werde automatisch Faulheit unterstellt – als ob man einfach keine Lust gehabt hätte, sich für die Fahrt noch mal anzuziehen. »Krankenhaus? Wo sich all die Kranken tummeln?«, ätzt Gaffigan zurück. »Wollte Ihre Frau wirklich in einem Nachthemd gebären, in dem gestern jemand gestorben ist?« Auszüge seines Programms gibt es auf YouTube, und sie sind wirklich komisch.

Ängste gehören zum Muttersein, auch wir sind alles andere als frei davon. Werden wir gefragt, warum wir uns für eine Hausgeburt entschieden haben, dann antworten wir: Für eine Geburt ohne Not (sprich eine Komplikation, die wirklich ärztlichen Eingreifens bedarf) ins Krankenhaus zu gehen – das ist mutig.

Selbstverständlich gibt es Fälle, die die unmittelbare Nähe eines OPs oder einer Intensivstation für Neugeborene erfordern. Sehr viele Frauen und ihre Kinder sind jedoch besser dran, wenn sie einfühlsam begleitet und mit unnötigen Eingriffen verschont werden. In den meisten deutschen Krankenhäusern bleibt dies ein frommer Wunsch.

Anästhesie statt Zuwendung

Es steht außer Zweifel, dass eine Geburt Ruhe, Intimität und Vertrautheit braucht, wie es einst der legendäre französische Geburtshelfer Michel Odent formulierte. Alles andere stört – bis zum kompletten Stopp.

Dennoch wird es den Frauen als normal verkauft, dass eine Geburt mit einem Ortswechsel in eine meist beängstigende Umgebung beginnen soll, wo fremde Menschen mit Worten, Händen und Instrumenten in ihre Intimsphäre einbrechen.

Nicht einmal jede zehnte Krankenhausgeburt verläuft ohne medizinische Eingriffe. Bei jeder fünften Frau wird die Geburt mit Medikamenten eingeleitet, jede dritte bekommt mittendrin Wehenmittel, mehr als die Hälfte eine Anästhesie. Nicht nur Kritiker sprechen inzwischen von einer »Interventionskaskade«.

Da die fremde Umgebung wehenhemmend wirkt (der Körper schreit geradezu: »Hier will ich es nicht tun!«), die ärztlichen Leitlinien aber einen engen Zeitrahmen vorgeben, bekommen die Frauen Wehenmittel, um die Geburt voranzutreiben. Diese sorgen, verbunden mit der Anspannung, für unerträgliche Schmerzen.

Die als Segen verkaufte PDA wird verabreicht, was die meisten Frauen in eine passive Lage zwingt. Medikamente und fehlendes Gespür der betäubten Mutter setzen dem Baby zu. Bei abfallenden Herztönen wird die Geburt per Saugglocke oder Notkaiserschnitt beendet. So kommen viele Geschichten zustande, in denen die Frauen sich gerettet fühlen – vor einer Katastrophe, die die Eingriffe selbst ausgelöst haben.

Die Hände eines guten Geburtshelfers gehören in die Hosentaschen – dieser alte, wunderbare Grundsatz hat keinen Platz in einer Geburtshilfe, die auf Pathologie statt Respekt und Unterstützung ausgerichtet ist. Natürliche Geburten kommen in der ärztlichen Ausbildung kaum vor. Aktualisiertes Wissen schafft es nicht oder nur mit großer Verspätung in die Praxis.

So ist längst bekannt, dass es bei einer physiologischen Geburt ein filigranes Wechselspiel zwischen Mutter und Kind gibt: Auf den Wehenschmerz reagiert der mütterliche Körper mit Endorphinen, die auch das Baby über die Nabelschnur bekommt. Wird bei einer PDA der Schmerz lokal abgeschaltet, bleiben auch die Endorphine aus. Das Kind ist dem Geschehen ohne das ihm zustehende Naturdoping ausgeliefert.

Letztendlich wird dem Baby das zugemutet, was man der Frau mit einer unverantwortlichen Aufdringlichkeit abnehmen will. Das Kind macht nicht mehr mit, die Herztöne fallen ab, die Eingriffsspirale dreht sich weiter. Dennoch werden jene Frauen, die Schmerzmitteln zurückhaltend gegenüberstehen, als Märtyrerinnen verspottet.

Die Liste der Ignoranz-Punkte ließe sich beliebig fortsetzen. Obwohl nachgewiesen ist, dass die Rückenlage nach dem Kopfstand die zweitungünstigste Position für die Geburt ist und nur wenige Frauen sie freiwillig einnehmen, werden sie in Kreißsälen mit mal mehr, mal weniger sanftem Druck an anderen Haltungen gehindert.

Angeblich hat der französische König Louis XIV. diese Position populär gemacht – um bei Geburten am Hof besser zuschauen zu können. So müssen Frauen in einer unphysiologischen, unbequemen und nicht zuletzt demütigenden Position gebären, in der sie Blicken und Händen hilflos ausgeliefert sind.

Geburtshelfer, die bereit sind, ein Kind auch aus der Hocke zu empfangen, sind in Krankenhäusern eher selten. Eine Gebärende aus Bequemlichkeit in eine falsche Haltung zu zwingen und damit den natürlichen Ablauf zu behindern ist ein Kunstfehler, der sich in deutschen Kreißsälen täglich abspielt.

Immer noch ist es in Krankenhäusern unerwünscht, wenn Frauen bei ihren Geburten die aktive Rolle übernehmen. Schließlich gilt es als ausgemacht, dass sie sogar zum Pressen angewiesen werden müssen. Dabei ist der Pressdrang bei physiologischen Geburten ein Reflex, der sich schlicht nicht unterdrücken lässt. So zementiert sich der Eindruck, dass die werdende Mutter nicht die aktive Hauptperson des Geschehens ist, sondern ein Störfaktor, den es auszuschalten gilt.

Umso zynischer ist, dass die miteinander konkurrierenden Kreißsäle die Schwangeren bei Infoabenden und Besichtigungen oft mit genau den Versprechen locken, die sie mit großer Wahrscheinlichkeit brechen werden.

Der Kostendruck im Gesundheitswesen ist hoch, für geduldiges Abwarten und Ruhe, die zwischen Trauma und Triumph entscheiden können, ist in Zeiten der Personalknappheit trotz anderslautender Lippenbekenntnisse keine Zeit. Und unter Wehen haben die meisten Frauen Besseres zu tun, als mit den Menschen zu diskutieren, auf deren Unterstützung sie angewiesen sind.

Manche engagieren deswegen in weiser Voraussicht eine Doula – eine Helferin, die mit ihnen durch die Höhen und Tiefen der Geburt geht, ergänzend zur Geburtsbegleitung durch Hebamme oder Ärzte. Die Mediziner Marshall H. Klaus und John H. Kennell haben das neue Berufsbild untersucht, das in seiner jetzigen Form aus den USA stammt und mittlerweile auch in Deutschland an Bedeutung gewinnt.

Eine Doula ist durch die Begleitung während der Schwangerschaft vertraut und garantiert auch im hektischen Kreißsaalgeschehen mit wechselndem Personal die Eins-zu-eins-Betreuung für die komplette Dauer der Geburt. Frauen, die eine solche Unterstützung an ihrer Seite haben, gebären ihre Kinder im Schnitt zwei Stunden schneller und bekommen um fünfzig Prozent seltener einen Kaiserschnitt, schrieben Klaus und Kennell bereits 1995 in ihrem Buch Doula – der neue Weg der Geburtsbegleitung.

Eine jüngere Analyse der University of Toronto mit 15 000 Frauen bestätigt, dass eine durchgehende Begleitung, die weder zum medizinischen Personal noch zur Familie der Gebärenden gehört, die Chancen auf schnellere Geburten bei weniger Eingriffen erhöht. Selbst die Babys sind in diesem Fall fitter. Einen deutlicheren Beweis dafür, was Mütter beim Kinderkriegen wirklich brauchen, kann es wohl kaum geben.

Der Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch Die Abschaffung der Mutter. Kontrolliert, manipuliert und abkassiert - warum es so nicht weitergehen darf von Alina Bronsky und Denise Wilk

Hier könnt ihr das Buch kaufen.

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Alina Bronsky, geboren 1978 im russischen Jekaterinburg, ist Autorin mehrerer Bestseller. Ihr Debüt „Scherbenpark” wurde 2008 begeistert aufgenommen und 2013 mit Jasna Fritzi Bauer und Ulrich Noethen in den Hauptrollen verfilmt. Ihr letzter Roman, „Baba Dunjas letzte Liebe“, erschien im Herbst 2015. Alina Bronsky lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Denise Wilk, geboren 1973, hat Sozialpädagogik studiert. Sie begleitet als Doula schwangere Frauen und frischgebackene Mütter und gibt Eltern-Kind-Kurse. Mit ihrer Familie lebt sie in Berlin.

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