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Domenico Lucano aus Riace: Der Bürgermeister, der aus einem kleinen Dorf eine große Hoffnung machte

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RIACE
Der Bürgermeister, der aus einem kleinen Dorf eine große Hoffnung machte | Max Rossi / Reuters
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Der 1. Juli 1998 war der Wendepunkt im Leben von Domenico Lucano. Dem Chemielehrer aus dem kalabrischen Küstendorf Riace an der Spitze des italienischen Stiefels.

Um 4 Uhr trieb der Wind ein Segelschiff mit 216 kurdischen Flüchtlingen an den Strand von Riace. Die Menschen waren eine Woche auf dem Boot gewesen, viel zu lange, die Vorräte waren aufgebraucht. Lucano rannte zum Strand, wie die anderen Bewohner des sterbenden Dorfes. So beschreibt das österreichische Magazin "Profil" die Szene.

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Riace. Foto: Reuters

Die Menschen zogen damals weg aus Riace, bis auf 500. Der Ort in der von der Mafia beherrschten Region war zwar bekannt für die zwei antiken Bronzestatuen, die Taucher dort 1972 im Meer gefunden hatten. Aber das war’s dann auch schon.

Città Futura hilft den Flüchtlingen

Die Flüchtlinge zogen, auch mit Lucanos Hilfe, in die leerstehenden Häuser ein. 1999 gründete Lucano, unterstützt vom Flüchtlingshilfswerk UNHCR, den Verein Città Futura (Stadt der Zukunft). Der Plan: Der Verein nimmt Geld auf, um die Häuser in dem verfallenden Dorf zu renovieren und den Flüchtlingen ein wenig Geld zu geben. Diese lernen dafür Italienisch und Handwerksberufe und helfen, das Dorf wieder aufzubauen.

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Daniel sammelt 2013 in Riace Müll ein. Foto: Reuters

Città Futura wurde größter Arbeitgeber im Dorf, Riace wuchs bis heute auf etwa 2000 Einwohner. Die Regierung hat Lucano eine Sondergenehmigung gegeben, damit er Flüchtlinge ohne große Bürokratie aufnehmen kann. Denn das soll ungefähr die Hälfte von dem kosten, was für einen Platz in einem Auffanglager pro Person und Tag fällig wird.

Lucano auf der Liste der "World's Greatest Leaders"

Lucano wurde im Jahr 2004 Bürgermeister, landete im Jahr 2010 auf Platz 3 der "World Mayor“-Liste (bester Bürgermeister der Welt), 2016 auf Platz 40 auf der "Fortune“-Liste der "World’s Greatest Leaders“ (Wichtigsten Führungspersönlichkeiten der Welt).

2012 sagte er noch in einem Interview, er glaube nicht, dass er etwas Besonderes gemacht habe. Auch wenn Reporter ihm da einige Koketterie attestieren – Lucano hat etwas Besonderes geschafft. Weil es ihm um die Menschen ging, nicht um Etiketten. Weil er sah, was möglich wäre, nicht das, was nicht geht.

Auch in Riace ist nicht alles gut

Trotzdem ist auch in Riace die Welt nicht nur gut. Lucano musste sich gegen die Mafia wehren, der sein Engagement und sein Einfluss offensichtlich nicht behagte.

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Einschusslöcher in der Scheibe eines Restaurants erinnern an die Angriffe der Mafia auf Lucano. Er und sein Dorf verzierten die Löcher mit bunten Handabdrücken. Foto: Reuters

Reporter - wie etwa vom Deutschlandfunk - beobachten, dass Einheimische und Migranten nebeneinander her leben. Sich abgrenzen, wenn es geht.

Außerdem funktioniert das Projekt nur mit staatlicher Förderung, 35 Euro zahlt der Staat laut "Spiegel“ pro Tag. Und immer wieder kam das Geld vom Staat zu spät. Da allerdings wussten sich die Riacer zu helfen, sie druckten ihr eigenes Geld, mit dem sich die Migranten in den örtlichen Geschäften etwas kaufen konnten. Die Inhaber tauschten sich dann wieder Euro ein, wenn der Staat sie schließlich herausrückte.

Aber: Je weiter die Flüchtlinge sich in der italienischen Bürokratie vorgekämpft haben, desto weniger Perspektiven haben sie in Riace. Von den Familien, die 1998 ankamen, lebte schon 2011 nur noch eine im Ort, berichtete das österreichische Magazin "Profil“.

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Geld aus Riace. Foto: Reuters

Aber wie sollte auch ein Dorf alleine ein Problem lösen, das die Welt insgesamt nicht gelöst bekommt?

Das einzig Richtige ist, es wie Lucano und seine Leute zu halten: Sich freuen über das, was möglich ist. Hoffen, anpacken. Und die Welt vielleicht nicht gut machen. Aber besser.

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Zusammen mit der Spendenplattform betterplace.org stellt die Huffington Post spannende Projekte vor, die ihr direkt unterstützen könnt:

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(lp)