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Dein Kind ist nicht ungezogen - es schreit nach Hilfe

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ANGRY TODDLER
Dein Kind ist nicht ungezogen - es schreit nach Hilfe | jandrielombard via Getty Images
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Erinnere dich an das letzte Mal, als dein Kleinkind einen gigantischen Wutausbruch hatte. Wie hast du dich dabei gefühlt?

  • peinlich berührt
  • verzweifelt
  • gestresst
  • wütend
  • ängstlich
  • hilflos
  • traurig
  • außer Kontrolle

Jetzt stell dir vor, wie sich dein Kind zu diesem Zeitpunkt wohl gefühlt hat ... Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass diese Liste von Gefühlen genauso auf dein Kind zugetroffen hat, wie auf dich. Denn: Kleinkinder bekommen ja nicht mit Absicht Wutanfälle - sie können schlicht und ergreifend nichts dafür.

Warum haben Kinder Wutausbrüche?

Während du verzweifelt versuchst hast, den Wutausbruch zu stoppen, hat sich dein Kind bestimmt genauso stark nach Ausgeglichenheit gesehnt. Warum also haben Kleinkinder so oft Wutanfälle?

Ganz einfach: Weil ihre Gehirne noch unausgereift sind. Zudem leben Kinder in einer verwirrenden Welt – über die sie keinerlei Kontrolle haben. Stell dir vor, wie es sich anfühlen muss, wenn du überhaupt nicht weißt, was du heute noch machst, wann du essen oder trinken wirst oder wann du nach Hause kommst.

"Für ein Kleinkind ist das Leben voller Reizüberflutungen"

Und jetzt stell dir vor, gerade mal einen halben Meter groß zu sein und regelmäßig von Menschen umgeben zu sein, die viel größer sind als du. Stell dir all die Lichter und lauten Geräusche eines Einkaufszentrums aus dieser Perspektive vor und wie stressig das alles sein könnte - vor allem wenn du keine Ahnung hast wo du bist und wann du wieder nach Hause kannst.

Stell dir vor, du läufst an Reihen von Dingen vorbei, die du begehrst – Handtaschen, Schmuck, Sport-Autos – und du darfst keines dieser glänzenden, interessanten Objekte anfassen - geschweige denn etwas davon mit nach Hause nehmen.

Für ein Kleinkind ist das Leben voller verbotener Früchte, Tag für Tag. Für ein Kleinkind ist das Leben voller Reizüberflutungen. Und für ein Kleinkind bietet das Leben keine Möglichkeit für Selbstbestimmtheit.

"Überfordert, abhängig und umgeben von verbotenen Dingen"

Jetzt stell dir vor, all das würde in deinem Leben passieren, aber dein Gehirn wäre noch nicht weit genug, um deine Reaktionen zu kontrollieren.

Denn die Teile deines Gehirns, die für Impulskontrollen, soziale und emotionale Regulierungen und analytisches und hypothetisches Denken (der Teil, der es dir ermöglicht zu denken: "Was würde passieren, wenn ich das machen würde?") zuständig sind, wären einfach noch nicht voll entwickelt.

Stell dir vor, wie es sich anfühlen muss, überfordert, abhängig und umgeben von verbotenen Dingen zu sein, während du deine Reaktion einfach nicht kontrollieren kannst.

Um das ganze noch schlimmer zu machen, nehmen Wutausbrüche Kleinkinder derart ein, dass sie sich einfach nicht beruhigen können, weil sie nicht dieselben Fähigkeiten besitzen, ihre Emotionen zu regulieren.

"Wutanfälle von Kleinkindern sind wie ein überbrodelnder Topf"

Wenn Kleinkinder einen Wutanfall haben, brauchen sie uns, um ihnen zu helfen, sich zu beruhigen. Es ist schon beinahe ironisch: Genau in dem Moment, wenn wir wirklich nicht gerne in ihrer Nähe sind, brauchen Kleinkinder uns am meisten.

Eine gute Analogie für die Wutausbrüche von Kleinkindern ist ein Topf voll Wasser auf einem Herd. Der Herd ist voll aufgedreht und das Wasser fängt bald an zu kochen.

Der Herd bleibt weiterhin an und bald fängt das Wasser an, über die Ränder des Topfes zu laufen. Das wird so weitergehen, bis der Topf irgendwann leer ist.

"Disziplinarische Maßnahmen sind keine Lösung"

Genauso funktioniert ein Wutausbruch eines Kleinkinds. Auf sich gestellt – vielleicht in einem "Time-Out" oder bei einem verordneten Mittagsschlaf – wird der Topf weiter überlaufen, bis kein "Wasser" mehr da ist – oder bis das Kleinkind sich selbst so ausgelaugt hat, dass es nicht weiter "überbrodeln" kann.

Manche werden denken, dass Time-Outs und andere disziplinarische Maßnahmen, bei der der Wutausbruch ignoriert werden soll, effektiv sind, um zukünftige Anfälle vorzubeugen. Aber wie soll dein Kind irgendetwas lernen, wenn es mit überbrodelnden Gefühlen alleine gelassen wird?

Was kann man also tun, wenn konventionelle Methoden nicht helfen? Gehen wir nochmal zurück zur Topf-Idee. Dein "Baby-Topf" kocht also über, weil der Herd auf höchster Stufe eingestellt ist.

"Containment" als liebevollere Methode

Der erste logische Schritt wäre also, 1. die Temperatur herunterzudrehen, 2. einen Deckel auf den Topf zu setzen und 3. das verschüttete Wasser aufzuwischen.

Man hilft dem Kind also zuerst, sich sicher zu fühlen und die Situation zu entschärfen, und hilft ihm dann seine Gefühle in einer positiveren und ruhigeren Art zu teilen und "wischt" schließlich seine Ängste und Sorgen auf - vielleicht mit einer dicken Umarmung oder lieben Worten.

In psychologischen Kreisen nennt man diese Methode "Containment" - also eine Methode, bei der du als Erwachsener deinem Kind hilfst, seine Emotionen zu kontrollieren, weil sein Behälter nicht groß genug ist, um sie zu äußern, ohne diesen zum Überlaufen zu bringen.

Wutanfälle bei Kleinkindern können nicht vorgebeugt werden

Natürlich ist das nur möglich, wenn dein eigener (emotionaler) Topf nicht zu voll ist. Sorgen und Stress bezüglich Geld, Familie und Arbeit, fehlende Unterstützung oder zu wenig Zeit für sich selbst, führen oft dazu, dass Eltern selbst kurz vor dem "Überbrodeln" sind und deshalb keine Ressourcen haben, sich um die überkochenden Emotionen ihrer Kleinkinder zu kümmern.

Die Lösung für dieses Problem ist ein kontrolliertes Abladen der eigenen Probleme – vielleicht bei einem guten Gespräch mit Freunden, beim Yoga, Sport, einem langen Bad oder beim Lieblingshobby.

Heißt das, dass man "nachgiebig" werden muss – und sich von seinem Kleinkind "alles gefallen lassen" muss? Ganz im Gegenteil. Dieser Ansatz bedeutet nicht, dass du deinem Kind alles geben musst, was es will – um so vielleicht Wutanfälle vorzubeugen. Es bedeutet viel mehr, dass du dein Kind bei den überschwappenden Gefühlen an die Hand nimmst, die auf ein "Nein" folgen.

Die Entwicklung des Hirns ist der Schlüssel

Als Erwachsene sollten wir bereit sein für Wutanfälle. Wenn wir darauf respektvoll und unterstützend reagieren, heißt das allerdings nicht, dass sie nicht mehr vorkommen werden.

Wie erwähnt, sind Wutanfälle und Kleinkinder untrennbar. Letztendlich führt nur eine Veränderung dazu, dass die Wutanfälle irgendwann aufhören: Die Entwicklung des Gehirns. Wenn das Kind alt genug ist, seine Impulse und Emotionen zu kontrollieren, werden auch die Anfälle weniger werden.

Interessanterweise haben Studien festgestellt, dass elterliche Fürsorge wie kein anderer Faktor die Weiterentwicklung der Teile des Gehirns, die für Emotionen zuständig sind, begünstigt.

Die Wissenschaft ist sich einig: Unterstützung und nicht Bestrafung, hilft Kindern über Wutanfälle hinweg.

Unsere Gesellschaft muss sich ändern

Was sich schlussendlich aber vor allem ändern muss, ist die Erwartung der Gesellschaft an Kleinkinder. Diese Altersgruppe wird oft mit negativen Ausdrücken wie "Trotzphase" in Verbindung gebracht.

Die meisten Menschen nehmen Kleinkinder, die Wutausbrüche haben, als "ungezogen" wahr – und haben keine Ahnung davon, dass die Kinder gar keine Wahl haben.

Manch andere Kultur hat mehr Verständnis mit kleinen Kindern. Die westliche Kultur jedoch kann unglaublich kindisch und intolerant sein. Das muss sich ändern.

Alle Eltern sollten mit diesen grundsätzlichen neurowissenschaftlichen Erkenntnissen vertraut gemacht werden – zum Beispiel in Geburtsvorbereitungskursen. Zumindest jedoch Gesundheitsexperten, die mit jungen Familien arbeiten, sollten zumindest Grundkenntnisse auf dem Gebiet haben. Leider sind wir noch lange nicht so weit ...

Mehr über "einfühlsame Erziehungsmethoden" lest ihr im neuen Buch der Autorin "Gentle Parenting Book".

Dieser Text erschien im Original auf Huffington Post UK und wurde von Catherina Kaiser aus dem Englischen übersetzt.

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