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Kampf gegen Lebensmittelverschwendung: In Berlin hat das erste Reste-Restaurant Deutschlands eröffnet

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VEGETABLES
Chris Gramly via Getty Images
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  • In Berlin hat das erste Reste-Restaurant Deutschland eröffnet
  • Hier kommt auf den Teller, was eigentlich weggeworfen werden sollte
  • Umdenken sollen die Gäste dadurch auch privat

Mal ist das Mindesthaltbarkeitsdatum auf dem Joghurt seit wenigen Tagen abgelaufen, mal hat der Apfel eine kleine schimmlige Stelle oder das Brot ist ein bisschen hart geworden.

Fast 11 Millionen Tonnen Lebensmittel werfen die Deutschen laut einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft pro Jahr in den Müll – davon fast 7 Millionen Tonnen in den privaten Haushalten.

Dass es auch anders geht, will das neue Berliner Restaurant „Restlos Glücklich“ zeigen. In dem Neuköllner Lokal, das über Crowdfunding-Initiative finanziert wurde, kommt nämlich nur das auf den Teller, was sonst in die Tonne gewandert wäre.

Die Betreiber beweisen nicht nur, dass die Lebensmittel noch genießbar sind. Sie wollen auch zeigen, dass sich aus dem vermeintlichen Abfall genauso gute Gerichte kochen lassen wie in anderen Restaurants.

Initiativen gegen die Wegwerf-Mentalität gibt es viele, aber mit Resten ein ganzes Lokal zu betreiben, ist neu in Deutschland.

90 Prozent der Lebensmittel wären im Müll gelandet

Vorbilder für das Modell sind bisher nur im Ausland zu finden, zum Beispiel in Kopenhagen. Das Restlos Glücklich läuft derzeit noch im Testbetrieb, endgültig eröffnen wird das junge neunköpfige Team sein Neuköllner Restaurant erst im Juni.

Cosy #popup #restaurant. Aufessen Event tomorrow at 7pm

Ein von Restlos Glücklich (@restlos_gluecklich) gepostetes Foto am


90 Prozent der Lebensmittel, die bei Koch Daniel Roick auf den Tisch kommen, wären sonst weggeworfen worden.

Beliefert wird er von Partnerbetrieben, vor allem einem Bio-Supermarkt und einem Bio-Großhändler. Was die Geschäfte wegen einem abgelaufenen Verfallsdatum, welken Blättern oder einer Druckstelle nicht mehr verkaufen können, bringen sie nach Neukölln.


Kochen nach Zufallsprinzip

Wegen dem ungewöhnlichen Konzept läuft im Restlos Glücklich auch im Alltag alles etwas anders. Normalerweise denkt sich der Chefkoch eines Restaurants aus, welche Gerichte er servieren will. Dann besorgt sein Team die benötigten Lebensmittel .

In dem neuen Berliner Lokal ist es genau anders herum. Es gibt das, was im Handel übrig bleibt – und Roick entwickelt mit ihnen das Menü. Heraus kommen letztlich kreativere Menüs als man sie in vielen Gaststätten findet – der Zufall macht eben erfinderisch.

Ein Beispiel: Weil sich Brot nur sehr frisch verkaufen lässt, bleibt davon besonders viel übrig. Doch hartes Gebäck schmeckt selbst im Reste-Restaurant den Gästen nicht mehr. Deshalb brät das Küchenteam immer öfter vegetarische Bratlinge oder „Pattys“ aus geschnittenem Brot und Gemüse.

Bunter Salat mit frittierten Rübenbällchen, gegrilltem Sellerie, gerösteten Brotwürfeln und Papaya - yummie!

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„Altes“ Essen, guter Zweck

Bis auf den Küchenchef Roick (Bild unten Mitte) arbeiten alle Helfer ehrenamtlich – von der Kellnerin bis zum Spüldienst. Sie sind aus Überzeugung dabei, die meisten haben keine Ausbildung in der Gastronomie. Einzige Voraussetzung: die erforderliche Hygieneschulung beim Gesundheitsamt besuchen.

Unser großartiges Team von letzter Woche. Heute geht es weiter, Kienitzer Str. 22. freitags und samstags 18-22 Uhr!

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Auch die Erlöse aus dem Restlos Glücklich fließen nicht in die eigene Tasche. Etwa vier bis elf Euro kosten die Gerichte, alle Gewinne spendet das Team an Bildungsprojekte wie Kinderkochkurse oder für die Aufklärung an Schulen zur Lebensmittelverschwendung.


Umdenken in der eigenen Küche

Denn darum geht es den Gründern letztlich: Bewusstsein schaffen für die Lebensmittelverschwendung. Nur fünf Prozent der weggeworfenen Güter gehen laut Ernährungs- und Landwirtschaftsministerium auf das Konto des Handels, der das Restaurant beliefert.

Das Hauptziel des jungen Teams ist: Nach einem Besuch im Restlos Glücklich sollen die Gäste ihr Essverhalten überdenken. Heißt: Die schlechtgewordene Sahne sollte man trotzdem weiterhin wegwerfen – aber der Joghurt, der vorgestern abgelaufen ist, und der Apfel mit der braunen Stelle hat vielleicht noch einen zweiten Blick oder Biss verdient.



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