Huffpost Germany

Eltern behandeln ihr schwer krankes Kind mit Naturheilmitteln - mit grausamen Folgen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
EZEKIEL
Eltern behandeln ihr schwer krankes Kind mit Naturheilmitteln - mit grausamen Folgen | Facebook/ Prayers for Ezekiel
Drucken

David Stephan und seine Frau Collet aus dem kanadischen Ort Alberta sind große Anhänger der Naturheilkunde. David ist Vizepräsident der "Truehope Nutritional Support Inc.", einer Firma, die sich auf die Produktion von Naturheilmitteln spezialisiert hat.

Nicht zuletzt deshalb haben sie sich auf ihr Wissen um Naturheilkunde verlassen, als ihr 19 Monate alter Sohn Ezekiel 2012 schwer erkrankte. Das dürfte ihm das Leben gekostet hat.

Seine Eltern mussten sich jetzt vor Gericht im kanadischen Lethbridge für seinen Tod verantworten - wegen "Unterlassung von lebensrettenden Maßnahmen" - und wurden von den Geschworenen für schuldig befunden.

Das Kleinkind hatte Meningitis

Der Junge war im März 2012 bereits seit über zwei Wochen krank, als seine Mutter beschloss, den Rat der Hebamme Terrie Meynders zu suchen. "Nach meiner Erfahrung sieht das wie Meningokokken-Infektion aus", sagte die Hebamme der Mutter und riet ihr, zum Hausarzt zu gehen.

Doch das Ehepaar hörte nicht auf den Rat der Hebamme. "Ich ging ins Internet und habe mich über Meningokokken schlau gemacht - und mein Sohn hatte 95 Prozent der Symptome. Die Empfehlungen der medizinischen und der alternativen Websites waren die Gleichen: Man soll das Immunsystem stärken", erzählte sie der Polizei.

Also gab sie ihrem Sohn "natürliche Antibiotika" wie Pfeffer, Knoblauch, Rettich oder Zwiebel, und außerdem ein Produkt namens "Total Reload", das von der Firma ihres Mannes vertrieben wird und Vitamine, Elektrolyte und Aminosäuren enthalten soll.

Die Mutter suchte eine Naturheilerin auf

Außerdem ging sie zu der Naturheilerin Tracey Tannis, um ein weiteres Mittel zur Stärkung des Immunsystems namens "Blast" abzuholen. Tannis selbst gab vor Gericht an, dass sie ihrer Sekretärin aufgetragen hatte, die Frau mit ihrem Sohn ins Krankenhaus zu schicken.

Laut Aussagen der Eltern verbesserte sich der Gesundheitszustand ihres 19 Monate alten Sohnes zunächst. "Die Mittel hatten offensichtlich eine gute Wirkung, es ging ihm gut, er ging schlafen und es war ein erholsamer Schlaf, er hat sich nicht länger gekrümmt", sagte der Vater David Stephan.

Doch dann hörte Ezekiel plötzlich auf zu atmen. Seine Mutter reanimierte ihn und rief den Notarzt. Als sich sein Atem während des Telefonats beruhigte, beschlossen die Eltern, selbst die Notaufnahme zu fahren.

Doch während der Fahrt verschlechterte sich sein Zustand erneut, der Junge lief blau an. Also riefen seine Eltern erneut den Notarzt und baten, dass ein Rettungswagen ihnen entgegen fährt.

Im Alberta Kinderkrankenhaus wurde bei Ezekiel schließlich bakterielle Meningitis und neurologische Dysfunktion diagnostiziert. Ihm wurden Antibiotika verabreicht und er wurde in den künstlichen Tiefschlaf versetzt - das geht aus den Aufnahmen des behandelnden Arztes Jonathan Gamble hervor.

Zwei Tage später zeigte der Junge noch immer keine Anzeichen einer neurologischen Funktion - und wurde für hirntot erklärt. Am 18. März 2018 wurden alle lebenserhaltenden Maßnahmen eingestellt.

"Manchmal ist Liebe nicht genug"

Ein Jahr nach dem Tod ihres Sohnes wurden die Eltern angeklagt, nach Absatz 215 des kanadischen Strafgesetzbuches. Bis jetzt liefen das Verfahren und die Gerichtsverhandlung, die mit einem Schuldspruch endete. Am 13. Juni wird das Strafmaß festgelegt, die Höchststrafe wären bei diesem Vergehen fünf Jahre Gefängnis.

"Manchmal ist Liebe nicht genug. Eltern müssen sich an Maßnahmen halten, die vom Gesetz vorgeschrieben sind", sagte Staatsanwältin Lisa Weich.

In Kanada wird Eltern eigentlich empfohlen, Kleinkinder im vierten und 15. Lebensmonat gegen Meningokokken impfen zu lassen. Auch in Deutschland liegt eine Impfempfehlung für Kinder im zweiten Lebensjahr vor.

Die Familie Stephan hat ihren Sohn nie impfen lassen - sie hat auch zuvor nie einen Kinderarzt mit ihm aufgesucht. In Deutschland erkranken jährlich 700 bis 800 Menschen an Meningokokken-Infektion, jeder dritte Krankheitsfall ist ein Kind unter 4 Jahren. Die Sterblichkeitsrate liegt bei 7 Prozent, was sehr hoch ist.

Bei Meningitis ist eine schnelle Behandlung wichtig, bei Verdacht sollte sofort ein Antibiotikum verabreicht werden, empfiehlt das Robert-Koch-Institut.

Die Eltern des kleinen Ezekiel wussten von der Krankheit ihres Kindes und haben falsch reagiert - das kostete ihm das Leben.

Auch auf HuffPost:

Dieser Mann wurde blind – Wegen eines einfachen Fehlers, den viele jeden Abend machen

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.