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Mein Mann will keinen Sex mit mir haben - soll ich trotzdem bei ihm bleiben?

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THE BLOG

Leserin „Sexless and Sad“ schreibt:

Mein Mann und ich sind seit neun Jahren verheiratet. Seit 20 Jahren sind wir ein Paar. Wir sind beide in unseren späten 40ern, wir haben keine Kinder und nicht viele Freunde oder Familie. Wir haben nur uns. Vor einigen Jahren verlor mein Mann die Lust am Sex.

Wann immer ich versuchte, mit ihm darüber zu reden – und immer war ich es – und ihn fragte, was denn los sei, ob er sich vielleicht einmal untersuchen lassen wolle, dann wurde er wütend und tat nichts, um das Problem zu lösen.

Nach einigen Jahren der Verweigerung ergriff ich auch nicht mehr die Initiative. Es war einfach nur peinlich und tat weh. Er unternahm auch nichts und so entfernten wir uns voneinander.

Die Reaktion: In eine Affäre stürzen

Natürlich hatte ich eine Affäre. Und zwar aus dem bekannten Grund: Ich fühlte mich dadurch wieder attraktiv und wie ein Mensch, der es wert ist, geliebt und gemocht zu werden. Er kam dahinter, wir gingen zu einer Paartherapie und trennten uns für ein Jahr.

Während dieser Zeit arbeiteten wir beide hart an uns und verbesserten unsere Kommunikation enorm. Ich erkannte, dass er der Mann ist, den ich liebe. Ich liebte unser Leben und wollte, dass es wieder funktionierte. Ich zog wieder in unser Haus ein.

Das ist jetzt zwei Jahre her. Während sich unsere Kommunikation immer weiter verbesserte und wir uns im täglichen Leben wirklich ganz wunderbar verstehen – wir lachen zusammen, reden viel, nehmen uns gegenseitig nicht für selbstverständlich hin, wir pflegen einen zärtlichen und liebevollen Umgang miteinander – so gibt es doch von Sex keine Spur und keine Pläne für die Zukunft (seinerseits; ich spreche oft über die Zukunft, er reagiert nicht, da fühle ich mich natürlich großartig).

Er sagt, dass er sich nicht sicher fühlt, spricht immer meine „Fehler“ an (zum Beispiel, dass ich süchtig nach Online-Shopping bin. Dieses Verhalten habe ich mir angeeignet, um mich selbst zu beruhigen, ich mache zur Zeit eine Therapie.)

Aber er gibt mir nicht wirklich die Schuld und sagt, dass wir einfach nicht dieselben Dinge wollen. Aber ich weiß nun einmal nicht, was er möchte, wie können wir da eine Zukunft planen? Und das habe ich ihm auch gesagt. Kein Licht am Ende des Tunnels in Sicht.

Ausweglose Situation?

Wir sind festgefahren. Wir lieben uns wirklich sehr. Meine Familie ist Gift für mich, seine Familie liebe ich von ganzem Herzen. Wir haben hauptsächlich aus dem Grund keine Kinder, weil er keine wollte.

Unser Leben ist um uns herum aufgebaut. Obwohl er sagt, dass ich seine beste Freundin bin, sein Licht im Dunkeln, so ist der doch hin- und hergerissen und will das alles hinter sich lassen.

Was es noch schwieriger macht: Er hat mir endlich die schwere, unbehandelte Depression gestanden, an der er seit Jahren leidet. Außer einer Cannabis-Therapie mit immer höheren Dosierungen unternimmt er aber nichts. Prokrastination ist eine seiner größten Stärken – ich hingegen bin ein Mensch, der Dinge in die Hand nimmt. Es macht mich wahnsinnig.

Ehe in der Grauzone

Seit Jahren also befindet sich unsere Ehe in einer Art Grauzone. Eine sexlose Zone ist sie bereits noch länger. Ich will nicht, dass unsere Ehe kaputt geht. Aber mache ich mir vielleicht selber etwas vor?

Ich habe Angst davor, noch einmal alleine von vorne anzufangen, fürchte aber auch, dass ich so nur meine kostbare Zeit verschwende. Oder ist vielleicht unser liebevoller Umgang, unsere Zärtlichkeit, diese „Beste-Freunde-Beziehung“ und der Spaß, den wir zusammen haben, gut genug?

Ich verschwende schon keinen Gedanken mehr an Sex und habe das Verlangen abgestellt. Ich glaube, ich kann ohne Intimität leben. Oder rede ich mir nur etwas ein?

Investieren oder neues Kapitel?

Zwar bin ich ja schon in Therapie (alleine und gemeinsam mit meinem Mann, aber es ist derselbe Therapeut), doch ich brauche einfach noch einmal eine andere Meinung. Vielleicht hast Du eine klarere Sicht auf die Dinge: Sollte ich noch ein wenig Zeit investieren um die Ehe zu retten, oder habe ich bereits lange genug gewartet – ist es Zeit, ein neues Kapitel anzubrechen?

Die Antwort

Liebe SAS,
es tut mir Leid, dass du in einer so traurigen Situation feststeckst. Es ist sehr schwer für Menschen, wenn ihre Partner Sex nicht wertschätzen. Dieser Frau geht es genauso wie dir. Ich denke, es ist klar, dass dein Mann die sexlose Ehe nicht als ein Problem betrachtet.

Diesen Konflikt zu lösen hat für ihn nicht oberste Priorität. Vielleicht ergreift er hier wegen seiner Depression nicht die Initiative. Aber der Konflikt besteht schon lange, der Ursprung des Problems liegt lange vor deiner Affäre.

Die Situation wird sich kaum verändern, es sei denn, ihr befasst euch mal mit der Hormon-Frage. Aber wer weiß, ob dein Mann offen für eine Untersuchung seines Testosterons ist.

Erster Ratschlag: Ein neuer Therapeut

Wie auch immer, ich glaube, ein Hauptproblem hier ist, dass deine Einsamkeit dein Urteilsvermögen beeinträchtigt. Es tut mir Leid, dass dein Vater kürzlich verstorben ist. Das muss dich sehr traurig machen und es scheint mir, als hättest du außer deinem Mann keine große Unterstützung an deiner Seite.

Er ist dein bester Freund und das ist toll. Aber er scheint auch dein einziger Freund zu sein. Ihr teilt euch sogar den Therapeuten! Das ist vielleicht keine so gute Idee.

Ich weiß nicht, ob ihr euch wirklich fest darauf konzentrieren könnt, an euch zu arbeiten, wenn ihr euch nicht zu 100 Prozent sicher seid, dass die Therapie ein sicherer Ort für euch ist - und euer Therapeut jemand ist, der vergessen kann, was eine Partei ihm im Geheimen anvertraut und der anderen Partei gegenüber Verschwiegenheit beweisen kann.

Aus diesem Grund schon ist es ethisch eigentlich nicht zu vertreten, dass Ehepartner getrennt zur Therapie bei demselben Therapeuten gehen, es sei denn es handelt sich um einen Zusatz zur eigentlichen Paartherapie. Aus diesem Grund aber rate ich dir dringend zu einem eigenen Einzeltherapeuten.

Zweiter Ratschlag: Listen schreiben

Ich schlage vor, dass du die Dinge aufschreibst, die dein Leben bereichern könnten und wie du sie umsetzen könntest. Schreibe auch die Ziele und Werte in deinem Leben auf, die sich nicht um deinen Mann drehen.

Wenn Sex nicht dazugehört, dann ist das in Ordnung. Wenn du aber auf Sex nicht verzichten möchtest - und ich glaube, das möchtest du nicht, schließlich hattest Du ja auch eine Affäre aufgrund der sexuellen Verweigerung deines Mannes -, dann hat dein Mann Recht: Ihr wollt im Leben verschiedene Dinge.

Wenn du dein Leben mit einem Rentenplan, Reisen usw. planen möchtest, dann ist dein Mann nicht der richtige Partner für dich. Wenn es aber dein Hauptanliegen ist, ein glückliches Leben im Hier und Jetzt zu führen, ohne für die Zukunft zu planen, mit einem Mann, der dich zum Lachen bringt und dein bester Freund ist, dann bleib, wo du bist.

Ambivalenz ist normal – aber kein Dauerzustand

Leider habe ich keine konkrete Antwort für dich. Aber ich glaube, dass dieses Problem einfach nicht so ohne weiteres gelöst werden kann. Jeder hat eine eigene Vorstellung davon, welcher Lebensentwurf ihm vorschwebt.

Manche Menschen schätzen Sex mehr als andere. Und auch das verändert sich mit der Zeit. Was dir jetzt wichtig ist, hast du vielleicht in ein paar Jahren komplett aus deinem Leben gestrichen.

Aber wenn du erst einmal deine Entscheidung getroffen hast, dann solltest du sie auch mit ganzem Herzen umsetzen. Sei deinem Mann eine großartige Frau oder geh deinen eigenen Weg und mach das Beste aus deinem Single-Leben.

Ambivalenz ist etwas ganz Normales, aber wenn du darin versinkst, dann lähmt es dich und du verschwendest das einzige Leben, das dir geschenkt wurde.

Viel Glück bei der Entscheidung!

Die Blogapeuthin, die dir rät, das Leben zu leben, das du willst
Samantha Rodman PhD
klinische Psychologin, DrPsychMom.com, Autorin

Dieser Blog erschien zuerst in der Huffington Post USA und wurde von Cornelia Lüttmann aus dem Englischen übersetzt.

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(lk)