Huffpost Germany

Die Zukunft der CDU trägt Basecap und ein Jesus-Tattoo

Veröffentlicht: Aktualisiert:
Drucken

Diana Kinnert und das “Pik As” - sie passen auf den ersten Blick so gut zusammen wie Coolness und CDU. Das "Pik As" ist eine Kneipe in Berlin Mitte. Etwas bieder, sehr verraucht, mit viel Stammtisch-Atmosphäre. Das "Pik As" ist eine Kneipe wie die alte CDU.

Kinnert ist die neue CDU und vielleicht auch die Zukunft der Partei. Die 25-Jährige trägt Basecap und ein Jesus-Tattoo am linken Unterarm. Das "Pik As" ist ihr Stammlokal. Mit Diane, der Bedienung, ist sie per Du.

Kinnert studiert Philosophie im Master. Sie leitet das Abgeordnetenbüro des Vize-Bundestagspräsidenten Peter Hinze und saß in der Zukunftskommission von Peter Tauber, die darüber beriet, wie es mit der Partei und ihrer Politik weitergehen soll. Viele in der Partei sehen in ihr eine Nachwuchshoffnung in Zeiten, in denen die Volksparteien sterben und die CDU vor allem auf dem Land und hauptsächlich von älteren Menschen gewählt wird.

Wer also wissen will, wohin es mit der CDU in Zukunft gehen könnte, muss sich mit der Berliner Jungpolitikerin treffen.

"Ich mag Authentizität und Gelassenheit"

Im "Pik As" hängt der Zigarettenrauch unter der Decke, das Piepen der Spielautomaten übertönt den romantischen Pop vom Band. Wir trinken zwei Radler, ich steige in der zweiten Runde auf Cola um, Kinnert bestellt noch ein kleines Pils.

kinnert

Kinnert mag diesen Ort, sie beschreibt ihn als ein Stück Heimat - ob das doch etwas damit zu tun hat, dass sie eine Konservative ist?

"Das Pik As ist eine charmante Anlaufstelle am Abend", sagt sie. "Ich mag seine Authentizität und Gelassenheit. Im turbulenten Hauptstadtleben freue ich mich über Orte, zu denen man Bindung aufbauen kann, und über wiederkehrende Gesichter, hinter denen Freundschaften warten können."

Für Kinnert ist das also nicht nur eine Kneipe, sondern ein fast politischer Ort.

Wir wollen über die Zukunft der CDU reden, denn das treibt nicht nur sie und Peter Tauber, sondern die ganze Partei um. In Umfragen fällt die CDU immer weiter in Richtung 30 Prozent. Das Durchschnittsmitglied ist fast 60 Jahre alt, die Wählerschaft ist ähnlich alt. Das zeigt sich vor allem in Großstädten, wo die Konservativen reihum Wahlen verlieren.

Eine, die die Großstädte erobert

Kinnert könnte eine sein, die die Großstädte für die Partei zurückgewinnt.

Kinnert könnte jemand sein wie damals Tony Blair von der britischen Labour-Partei: Bevor der spätere Premier ihr Chef wurde, war Labour im Arbeitermilieu fast verschwunden, danach wurde sie sogar unter Finanzanalysten der Londoner City hip. "Die innerparteiliche Erneuerung ist mein größtes politisches Vorhaben", sagt Kinnert.

Die, die sie im politischen Berlin kennen, trauen ihr das zu - sie sagen aber auch, dass Kinnert für einige Konservative eine Zumutung ist, weil sie zu modern ist. Wer sich mit Kinnert trifft, lernt so auch viel über die Zerstrittenheit der CDU.

"Die junge Generation ist in einer offenen, toleranten, multikulturellen Gesellschaft groß geworden", sagt Kinnert. "Unterschiedliche Sprachen, verschiedene Hautfarben, gleichgeschlechtliche Liebe - das ist nichts Befremdliches, sondern Straßenalltag für Millionen junger Menschen."

Auch das Thema Arbeit treibt sie um. Über sinkende Geburtenraten dürfe man sich nicht wundern, wenn junge Generationen verstärkt mit unbezahlten Praktika und freien Jobs konfrontiert seien.

Homo-Ehe, prekäre Beschäftigung, Cannabis

Und das Thema Drogen will sie ganz neu diskutieren. "Die Debatte empfinde ich als verkrampft und unsachlich", sagt sie. Jede Substanz sei gefährlich, je nachdem, wie viel man davon nehme. Kinnert nennt das Beispiel von Energy-Drinks: Sie können Nieren und Leber schädigen, sind aber für Kinder nicht verboten. Das Verbotsdogma bei Cannabis finde sie deswegen diskussionswürdig.

Homo-Ehe, prekäre Beschäftigung, Cannabis: Leute wie Kinnert wären vielleicht früher zur SPD oder den Grünen gegangen. Dass sie sich trotzdem für die CDU entschieden hat und sich hier wohl fühlt, ist auch ein Verdienst von Merkel. Sie hat die Partei über Jahre programmatisch erneuert - und wenn es nach ihr geht, ist damit noch nicht Schluss.

Kinnert steht so vielleicht für eine Zukunft der CDU, die sich Merkel immer gewünscht hat: Wo das Konservative wieder cool ist. Wo sie nicht Kohl-Konservativ, sondern Kinnert-Konservativ ist - und so Wähler erreicht, die vorher nichts von den Konservativen wissen wollten. Das geht auch über die sozialen Netzwerke.

"Erika Steinbach hat Vorbildcharakter"

Auf Facebook verbindet Kinnert private Geschichten mit politischen Standpunkten und diskutiert so mit ihren Lesern. Dafür müsse man authentisch sein - oder es lassen, sagt sie.

Erika Steinbach findet Kinnert zum Beispiel super authentisch - die hetzt in den sozialen Medien über Homosexuelle und Flüchtlinge. "Erika Steinbach macht sich und ihr politisches Denken in den sozialen Medien transparent und erfahrbar. Bürger können einschätzen, wer sie ist, was sie denkt, wie sie abstimmt. Das hat, obgleich Frau Steinbach und mich inhaltlich Welten trennen, Vorbildcharakter."

Kinnert lernte die CDU in ihren Abgründen kennen

Es gibt nicht viele Konservative, die sich im Internet gerne bewegen. Dorothee Bär und Peter Tauber gehören dazu, aber sie sind damit in der Minderheit. Es ist ein Zeichen dafür, welch weiten Weg die CDU noch zu einer wirklich modernen Partei vor sich hat.

Als Kinnert in die CDU kam, war der Weg aber noch deutlich weiter. Man könnte auch sagen: Unendlich weit.

Das war vor acht Jahren, sie war damals 17. Sie glaubt, sie kann politisch nur etwas in einer Partei bewegen. So möchte sie neue Impulse setzen, das ist ihr größter Antrieb.

Und dieser Antrieb muss gewaltig sein, sonst hätte es Kinnert nicht weit in der CDU gebracht. Sie lernte die CDU in ihren Abgründen kennen, könnte man fast sagen.

Monate nach dem Parteieintritt erreichte sie ein maschinelles Schreiben, das man bald auf sie zukommen würde. Als das langem Warten immer noch nicht passierte, rief sie bei der Geschäftsstelle an, wo man sie abwürgte, weil man mit Neumitgliedern nicht reden wollte.

Dann entschied sie sich, zu einem Stammtisch am Stadtrand ihrer Heimat vom Wuppertal zu gehen - mit öffentlichen Verkehrsmittel nicht zu erreichen. Ihr Vater, eher links geprägt, wollte sie erst gar nicht zu der Veranstaltung hinfahren. In der Kneipe waren Holzbänke und Leute, die deutlich älter waren als sie.

Ob sie Kanzlerin werden will?

Keiner guckte sie an, sie ließ sich wieder vom Vater abholen. Beim zweiten Besuch saß sie sich an eine Bank - es wollte immer noch keiner mit ihr reden. Beim dritten Mal suchte sie sich ein Foto vom Vorsitzenden heraus, der dann tatsächlich auf sie zuging und sagte: Zwei Bier bitte, danke. Er hielt sie für die Kellnerin.

Trotzdem blieb Kinnert dabei.

Und die CDU hat sich seither dramatisch verändert. Junge Menschen können sich heute deutlich schneller einbringen, die Partei wird flexibler. Wer Kinnert so zuhört, ihrer druckreifen, aber lockeren Art, erwischt man sich manchmal dabei, wie man sie sich als Kanzlerin vorstellt.

Sie nervt das Thema.

Darauf wird sie ständig angesprochen, dabei will sie jeden Eindruck vermeiden, sie mache Politik aus Karrieregründen und nicht, weil ihr wirklich was an der Sache liegt.

"Ich glaube, dass Menschen, die politische Mandate als Karriereziele definieren, Politikerverdrossenheit fördern", sagt sie.

Bevor sie für den Bundestag kandiert, will sie einen anderen Job machen.

Und bis dahin hat sie Zeit, sich an ein Leben ohne Basecap zu gewöhnen.

Die ist nämlich im Bundestag verboten.

Auch auf HuffPost:

Das ist die böseste Abrechnung mit der Kanzlerin, die ihr heute hören werdet